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Jenseits der Frontrow. Wohin entwickelt sich die Berlin Fashionweek?

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BERLIN FASHIONWEEK
Getty Images
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In Paris fragt man dich welche Show du dir ansiehst, in Berlin auf welche Party du gehst sagte mir kurz vor der letzten Fashionweek ein befreundeter Stylist und in der Tat, nach meinem vierten Besuch auf der Fashionweek in Berlin, kann ich ganz gut nachvollziehen, was er damit meinte.

Der Stern der Berliner Fashionweek scheint schon seit längerem sein Recht zu funkeln einfordern zu müssen und im Vergleich zu anderen internationalen Modewochen, wird die Berliner Fashionweek nach und nach als weniger relevant eingestuft.

Massgeblich daran beteiligt scheint das Aussteigen grosser Labels zu sein. Während früher noch grosse Namen, wie Hugo Boss, Escada und Dorothee Schuhmacher im Mercedes Benz Kalender vertreten waren, sind heute hauptsächlich Jungdesigner die Highlights der Berlin Fashionweek.

Große Stars in Massen sucht man auch vergeblich im Publikum, das von Reality TV-Sternchen und intellektuell benachteiligten Bachelorkandidatinnen dominiert wird. Nur vereinzelt tauchen Persönlichkeiten wie Bar Refaeli und Tilda Swinton auf und erfüllen das Fashionweek Zelt (das diese Saison von einer Eishalle im Stadtteil Wedding abgelöst wurde) mit dem dringend benötigten Hollywood Glamour.

Und bei genauerem Hinsehen, fand ich mich selbst im oben erwähnten Zitat wieder, als ich feststellen durfte, dass sich tagsüber wirklich kaum einer über die besuchte Modenschau unterhielt, sondern neugierig nach der Gestaltung meiner Abendplanung fragte.

Sogar nach der mehr als gelungenen Show von Lena Hoschek, lautete die erste Frage, die mir im Anschluss der Show gestellt wurde, ob ich am selbigen Abend auch bei der Aftershow der Grazer Designerin sein würde.

Und tagsdrauf kann man sich vorstellen, über welches Event gesprochen wurde. Die ebenso erfolgreiche Show von Rebekka Ruetz war jedenfalls nicht halb so präsent, wie die Feierlichkeiten der gestrigen Nacht.

Doch woran liegt dieses Problem? Liegt es an den Designern? An Deutschland? Ist es überhaupt ein Problem oder liegt es an der Stadt an sich?

Als ich gerade meinen Platz in der Show von Marcel Ostertag einnahm, dachte ich wie besessen über diese Fragen nach und versuchte für mich selbst eine Antwort zu finden, die alles berücksichtigte.

Ich dachte über die vergangenen Besuche auf der Fashionweek nach und sofort spürte ich wie ein Lächeln meine Lippen umspielte, nicht etwa weil ich das Ganze nicht ernst nehmen würde, sondern weil ich mich an die Erfolgserlebnisse erinnerte, die ich in den Berliner Hallen schon erleben durfte und ich glaube das war die Antwort, nach der ich gesucht hatte.

Das fehlen großer Labels und Superstars macht die Berlin Fashionweek zu dem was sie ist - ein ideales Sprungbrett für Newcomer. Mag sein, dass die deutsche FW ein bisschen Projektionsfläche spielt, für all die, die es in der heutigen Zeit noch wagen zu träumen, aber ist das denn unbedingt etwas Schlechtes?

Verglichen mit London, New York, Mailand oder Paris, mag Berlin vielleicht eine Nummer kleiner und auch unglamouröser sein, aber all diejenigen unter uns, die mit dem Finger auf die deutsche Hauptstadt zeigen, sollten sich vielleicht einmal daran erinnern, wie es mit ihren Anfängen aussah.

Die Partys sind in Berlin nicht wichtiger, weil die Mode schlecht ist, sondern weil dort mehr passiert. Von Chefredakteur über Starlet bis hin zu Einkäufern, spielt sich der geschäftliche Teil quasi erst nach 21 Uhr ab, was zur Folge hat, dass jeder heiss auf ein Ticket zur Aftershow-Party ist und die Modenschau fast schon zur Nebensache wird.

Es heisst wir selbst sollten aufhören uns mit anderen zu vergleichen, vielleicht gilt das auch für die Modewoche? Wir sollten aufhören zu versuchen aus Berlin Paris machen zu wollen und anfangen mit den Karten zu spielen, die man uns in die Hand gegeben hat.

Natürlich sollte man nie aufhören das Beste aus der Stadt rauszuholen, aber statt aus ihr ein internationales Spektakel werden zu lassen, dass uns alle nur enttäuschen würde, sollten wir darin einen Chancengeber für Jungdesigner und Neulinge sehen.

Diese Vorstellung mag ein bisschen naiv sein, aber ohne die Berlin Fashionweek würde ich wahrscheinlich nie die Chancen bekommen haben, die ich in den vergangenen Monaten wahrgenommen habe. Wir selbst haben es also in der Hand, was wir daraus machen.

Wohin sich das Spektakel entwickelt, kann man noch nicht sagen. Vielleicht konzentriert man sich eines Tages wirklich nur noch auf neue Talente, vielleicht verschwindet man auch ganz vom Radar - am Ende sind es die Designer, die durch ihre Kollektionen in der Hand haben ob die Modewelt über uns spricht oder nicht und diese wären über ein bisschen mehr Unterstützung sicher dankbar.

Also sollten wir aufhören, über die Angelina Hegers dieser Welt in der Frontrow zu lästern und mehr auf das achten, worum es bei der Fashionweek eigentlich geht - Mode - die kann sich nämlich auch sehen lassen, man muss nur hinsehen.

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Zusammen mit meiner ehemaligen Chefin Annette Weber, Chefredakteurin der InStyle Germany

Mehr zu meinen Erlebnissen auf der Fashionweek in Berlin gibt es hier:
www.fabulousricci.com