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An die faule Mutter im Supermarkt

09/02/2017 17:58 CET | Aktualisiert 10/02/2018 11:12 CET
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Liebe faule Mutter im Supermarkt,

ich habe dich gesehen.

Fertiggerichte? Ernsthaft?

Ich habe gehört, wie dein Kind gequengelt hat und ein Eis wollte. Du hast in die Gefriertruhe gegriffen und gefragt, welche Sorte es sein soll.

Als du das Geschäft verlassen hast, saß dein Kind in einem Wagen, für den es schon viel zu groß war. Es hat dir tausende Fragen gestellt. Du hast die Augen geschlossen und einmal tief Luft geholt. Dann hast Du geantwortet: "Das ist halt einfach so." Es war nicht einmal eine richtige Antwort.

Ich habe dich gesehen. Ich sehe dich immer noch.

Ich bin du.

Die vorherrschende Meinung ist die, dass eine Mutter immer und zu jeder Zeit "auf Empfang" eingestellt sein muss. Das ist in das kollektive Bewusstsein gesickert und befeuert die "Mutti-Kriege" stets neu.

Ich bin nicht faul! Ich bin müde! Ich bin überfordert!

Wir Mütter müssen perfekt sein und wenn uns ein Fehler unterläuft, dann sollten wir das gefälligst für uns behalten. Entscheiden wir uns doch dafür, die Geschichte zu erzählen, dann bitte nur in Zusammenhang mit der Lehre, die wir daraus ziehen und der Erkenntnis, wie sehr uns das alles hat persönlich wachsen lassen.

Als ich meinen Text "Dear Mom Who is Totally Screwing Up" geschrieben habe, da war es meine Intention, die Wirklichkeit zu Papier zu bringen. Ein Stückchen Solidarität für jede Mutter.

Aber das Internet ist nun einmal das Internet. Ich bekam postwendend ein Rezept gegen meine Fehler. Sei nicht so verdammt bequem.

Ein Gefühlsmix aus Wut, Traurigkeit, Hilflosigkeit und dem Drang mich zu verteidigen überrollte mich. Typisch für Autoren, die es wagen, Kommentare im Internet zu lesen.

Ich bin nicht faul!

Ich bin müde! Ich bin überfordert! Ich... ich... oh, OK. Ich bin faul und bequem. Manchmal.

Und diese Lehre habe ich daraus gezogen: Damit kann ich leben.

Eigentlich war ich aber ganz einfach nur wahnsinnig müde

Ich habe mir vorgenommen, nicht weniger bequem zu sein, sondern die Bequemlichkeit besser zu organisieren.

Mehr zum Thema: An die Mutter, die auf dem Spielplatz in ihr iPhone starrt

Mit Multitasking kann ich ganz bequem tolle Kindheitserfahrungen schaffen.

Um ehrlich zu sein sind wahrscheinlich einige der besten Kindheitserinnerungen meiner Tochter direkt auf meine Bequemlichkeit zurückzuführen.

Vor kurzem wollte sie eine Party für mich geben. Einfach so, sie findet mich nun einmal großartig. Das rauschende Fest endete damit, dass ich im Flur eine Pediküre von ihr bekam.

Ich lag auf dem Boden, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, und fand es toll, wie nahe wir uns waren, Mutter und Tochter. Eigentlich war ich aber ganz einfach nur wahnsinnig müde.

Wenn mich eine Panik überkommt, dann werde ich schnell zum "Nein"-Monster

Ein anderes Mal spielte sie am Ufer eines Sees im Matsch. Von oben bis unten mit Matsch beschmiert - sie war ein Seeungeheuer. Eigentlich bin ich ganz locker, was solche Spiele betrifft. Aber ich ahnte, dass es mir leidtun würde, wenn ich sie später mit dem Gartenschlauch würde abspritzen müssen. Trotzdem ließ ich sie spielen.

Mein kleiner Sohn kippte die Wasserschale unseres Hundes um. Ich legte ein Handtuch auf den Boden, gab ihm einen Löffel und eine Gabel und eine neue Schale voller Wasser. Ich war mir sicher, dass er etwas Wichtiges lernen würde. Ich selbst wollte aber nur schnell das Abendessen vorbereiten.

Wenn mich eine Panik überkommt, dann werde ich schnell zum "Nein"-Monster und verbiete alles, was Spaß macht, weil meine Kinder ein Chaos veranstalten könnten und oh Gott, jetzt bloß nicht auch noch die Wasserfarben!

Wenn ich einfach loslassen kann und mich dem "ich kümmere mich später darum" hingebe, dann führt das zu tollen Erlebnissen für meine Kinder. Ich weiß, dass sie sich ihr Leben lang gerne daran zurückerinnern werden.

Mein Ich von morgen findet mich furchtbar.

Wenn ich faul bin, ist das okay so

Meine Kinder werden nie erfahren, dass die Gebräue in der Küche und das anschließende Chaos nur dadurch zu erklären sind, dass ich hungrig war und einfach schnell etwas zubereiten wollte.

Wer hat denn noch nie das Spiel "Wer kann am längsten leise sein?" gespielt? Oder auch "ich tue so als sei ich krank und du bist mein Arzt. Ich liege hier einfach, während du mich gesund machst".

Man kann immer irgendetwas besser machen. Wenn du das nicht glaubst, dann liegst du sogar doppelt falsch. Manchmal bin ich einfach ausgebrannt und meine Bequemlichkeit kommt durch und zwar auf die "das ist einfach so"-Weise.

Die restliche Zeit verschmelzen meine Bequemlichkeit und meine Kreativität, genauso wie die rote und die blaue Knete, die ich aus Bequemlichkeit in einen Topf getan habe.

Irgendwann einmal, wenn ich längst nicht mehr bin, dann wird mein Sohn sagen "wisst ihr noch, als Mama uns erlaubt hat, die Wände mit Kreide zu bemalen?".

Seine Schwester wird lächeln und hinzufügen: "Und könnt ihr euch noch an all den Glitzer erinnern?"

Ja, vielleicht bin ich manchmal faul. Und vielleicht ist das ganz okay so.

Dieser Blog erschien ursprünglich in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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(lk)