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Ich stehe auf der Liste des türkischen Geheimdienstes - meine Familie und ich werden jetzt täglich bedroht

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ERDOGAN
Osman Orsal / Reuters
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Es war Donnerstagmorgen, als mein Handy klingelte. Eine unterdrückte Nummer. Es meldete sich ein Beamter der Polizei Dortmund. Schon nach seinen ersten Worten ahnte ich, worum es geht.

Mir schoss all das durch den Kopf, was seit dem Putschversuch in der Türkei im vergangenen Sommer passiert war.

Der Beamte bestätigte meine Vermutung: Ich stünde auf einer Liste des türkischen Geheimdienstes, sagte er. Der Polizist erklärte, ich müsse Drangsalierungen und Repressionen fürchten, wenn ich in die Türkei reisen würde.

Auch das türkische Konsulat solle ich meiden, jedoch würden es die Beamten nicht wagen, mich im Konsulat in Deutschland irgendwo festzuhalten, falls ich doch hinginge.

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Der Grund für die Aufregung: Die türkische Regierung hält mich für einen Terroristen. Und das nur, weil ich seit 2013 über die Spannungen in der Türkei blogge. Ich muss zugeben: Das alles geht nicht spurlos an mir vorbei.

Ich vermute: Ein früherer Freund, Abonnenten von mir aus Facebook und entfernte Verwandte haben mich bei den türkischen Behörden denunziert.

Seit Jahren teile ich auf meinem Facebookprofil meine Meinung zu den Entwicklungen in der Türkei mit.

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Und ich weiß, dass ich auch viele Erdoğan-Unterstützer unter meinen Abonnenten habe. Aber es hat sich lange nie jemand gemeldet, nie jemand böse Kommentare geschrieben.

Das änderte sich mit dem Putschversuch am 15. Juli. Ich habe in einem Beitrag meine Zweifel an der Darstellung der türkischen Regierung geäußert. Mir kam das alles komisch vor.

Hasskommentare und Beleidigungen

Was folgte waren Hasskommentare, Beleidigungen und eine öffentliche Hetzjagd. Ein alter Freund aus Dortmund machte einen Screenshot von meinem Beitrag und veröffentlichte ihn auf seinem Profil. Ich sei ein Terrorist, schrieb er.

Und viele Erdoğan-Fans antworteten: Mit Hass, Häme und Drohungen. Einer schrieb, er habe sich mit anderen Jugendlichen organisiert und 87 Mails an die türkischen Behörden gesendet. Ich wurde denunziert.

Ein anderer kommentierte: "Wenn ich dich in Dortmund sehe, verprügle ich dich."

All das ist absurd. Ich habe nur Dinge hinterfragt und nicht alles aus den türkischen Medien unreflektiert hingenommen. Plötzlich gingen mich alte Freunde an, die ich über die Jahre bei Facebook wiedergefunden und hinzugefügt hatte.

Es waren zum Teil meine Sandkastenfreunde aus der Kindheit. Wir wohnten in meiner Kindheit am selben Ort in Dortmund. Wir haben in der Grundschule die selbe Klasse besucht. Auch in der weiterführenden Schule waren wir im selben Jahrgang.

Erfolg in Schule und Beruf

Dazu muss man wissen: Ich bin in Dortmund geboren und sozialisiert worden, gehöre zur zweiten Generation der Türken in Deutschland. Ich bin in der Dortmunder Nordstadt aufgewachsen, das ein sozialer Brennpunkt ist, und habe eine erfolgreiche Schul- und Berufslaufbahn gehabt.

Ich sehe mich daher als Kind Deutschlands. Und doch stehe ich jetzt mitten im Visier der Erdoğan-Regierung.

Mit der Nachricht über meine Bespitzelung gehe ich offensiv um. Ich gehe jetzt erst recht an die Öffentlichkeit. Und trotzdem macht mir das, was gerade passiert, Angst

Ich habe Angst um sie

Es geht auch um meine Frau und meine Kinder. Die gehen an deutsche Schulen hier in Dortmund. Ich habe Angst um sie. Ich passe heute besser auf, formuliere - wenn ich die türkische Regierung kritisiere - nicht mehr so spitzzüngig.

Denn es bleibt ein mulmiges Gefühl, die Gewissheit, dass immer jemand mitliest, der es auf mich abgesehen hat.

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Ich werde auch erst einmal nicht mehr in die Türkei reisen, weil ich stark davon ausgehe, dass mir eine Festnahme droht. Seit mir mitgeteilt wurde, dass ich auf der Liste des MIT stehe, habe ich beschlossen, die türkische Staatsbürgerschaft abzugeben und die deutsche zu beantragen. Doch das ist schwierig.

Gefährlicher Gang auf das Konsulat

Ich erwarte von den Behörden hier eine Sonderregelung. Da spielen sicherlich auch die Politiker eine große Rolle. Denn eigentlich müsste ich dafür ins türkische Konsulat. Aber da droht mir, dass ich meinen Pass und damit meine Identität verliere.

Auch zur Abstimmung über das Referendum bin ich bisher nicht gegangen. Dabei unterstütze ich das "Nein" entschieden.

Aber die Konsequenzen machen mir Angst. Denn um zu wählen, muss ich meinen Pass abgeben, mein Name wird auf einer Liste überprüft.

Aggressive Menschen

Ich habe von Fällen in Hannover und Essen gelesen, in denen türkische Staatsbürger von Sicherheitsleuten in den Konsulaten angegriffen und verprügelt wurden. In den Wahlorten, sammeln sich Menschenmassen an, wie z.B. aggressive Erdoğan-Anhänger. Diese Menschenmassen meide ich.

Klar überlege ich mir da zehnmal, dieses Risiko einzugehen.

Und doch hoffe ich, dass das Referendum gegen Erdoğan ausgeht. Ich habe die deutsche Schulbildung genossen, ich weiß sehr gut, wohin es führen kann, wenn jemand die Alleinherrschaft übernimmt.

Das darf in der Türkei nicht passieren.

Dieser Beitrag wurde aufgezeichnet von Lennart Pfahler.

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