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"Wir bringen dich um und verfüttern dich an die Wölfe" - in der Türkei werden Menschen willkürlich verschleppt und gefoltert

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TURKISH POLICE
dpa newswire
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Zonguldak ist eine der Städte, in der die meisten Folterungen geschehen. Die Beschuldigten in den Wald zu bringen und sie dort zu quälen, ist nicht mehr zeitgemäß und menschenunwürdig.

Unter der Leitung des damaligen Sicherheitsverantwortlichen Osman Ak und Oberstaatsanwalts Hüsnü Hakan Yavuz begann das systematische, brutale Vorgehen gegen die Beschuldigten. A. Metin Turanlı folgte Osman Aks später nach und setzte dessen Arbeit fort.

Nach Angaben des Nachrichtenportals "Aktifhaber" wurden unter Osman Ak Folterteams gegründet - zusammen mit Polizisten von der KOM (Einheit gegen Schmuggel und organisierte Kriminalität) und der TEM (Antiterroreinheit).

Diesen seien Listen übergeben worden, auf denen die Namen der zu Folternden standen. Die Personen, die sich darauf befanden, seien systematisch in Gebirge oder Wälder verfrachtet worden, damit gewährleistet wäre, dass keine Informationen über die Art der Folter an die Öffentlichkeit gelangten.

"Unsere Kinder wurden blass vor Angst"

Eines der Opfer erzählte seiner Familie und seinem Anwalt von den kaltblütigen Folterungen:

"Im August klopfte es an unsere Tür. Ich guckte durch den Spion. Zuerst konnte ich niemanden da draußen erkennen. Doch plötzlich schrie jemand: "Polizei!".

Meine Frau war gerade im Bad und ich nicht bekleidet. Ich wollte mich anziehen und die Tür öffnen. Doch dann fingen sie an, dagegen zu schlagen. Ich öffnete sofort. Die Männer begonnen, die ganze Wohnung zu durchsuchen. Unsere Kinder waren ganz blass vor Angst."

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Das Opfer wurde inhaftiert - die Familie wusste zunächst nicht, wohin er gebracht wurde. Nach dem vierten Tag fand ein Anwalt heraus, dass sich der Familienvater in der Justizvollzugsanstalt befindet.

Er war wegen hohem Blutdruck und Rückenproblemen angeschlagen. Und doch wurde er erst nach 28 Tagen in Untersuchungshaft freigelassen und konnte seine Familie sehen. Er hatte mehrere Kilo abgenommen und sah sehr gealtert aus.

"Sie traten, würgten und erpressten mich"

Was der Mann in diesen 28 Tagen erfahren musste, konnte er erst später erzählen:

"Am Tag, an dem ich verhaftet wurde, wurde ich ungefähr um 10 Uhr in die Gebirge gebracht. Sie schleuderten mich zu Boden, während ich mit Handschellen gefesselt war. Drei von den fünf Polizisten schlugen mich brutal zusammen. Aufgrund der starken Schmerzen fiel ich zeitweise in Ohnmacht.

Sie traten mich auf mein Kopf, in meinen Magen und zwischen die Beine. Mit ihren Schlagstöcken haben sie mich sexuell missbraucht. Sie würgten mich bis ich keine Luft mehr bekam. Die Drohungen und Beleidigungen gegenüber meiner Familie und allen mir wichtigen Personen gingen mir die ganze Zeit über nicht aus dem Kopf.

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Zwei meiner Peiniger konnte ich identifizieren. Ich hörte, dass der eine Necdet und der andere Battal hieß. Vielleicht waren es auch nur Codenamen. Einer hatte schwarze Haare und war breit gebaut, der andere hatte eher einen grauen Bart und einen Schwarzmeer-Akzent.

Sie sagten zu mir: "Schau mal, siehst du diese Höhle? Wenn du nicht das sagst, was wir hören wollen, werden wir dich töten und in diese Höhle schmeißen. Hunde und Wölfe werden dann vom Blutgeruch angelockt und werden deine Leiche zerstückeln. Wir bleiben unbekannt und niemand wird was hiervon mitbekommen. Aber vorher bringen wir noch deine Frau und deine Tochter hierher. Keine Sorge! Wir schlagen sie nicht, wir werden sie nur streicheln!"

Ich wurde gefoltert bis in die Morgenstunden

Aufgrund der Schläge fiel ich ständig in Ohnmacht. Sie weckten mich mit Wasser und fingen aufs Neue an. Mehr will ich nicht darüber erzählen. Sie fuhren fort bis in die Morgenstunden . Schließlich hielt ich es nicht mehr aus:

"Ich tue, was ihr sagt! Ich sage, was ihr wollt. Bereitet nur ein Geständnis vor, ich unterschreibe es!" Ich war gezwungen dazu. Während des Prozesses hat mein Anwalt mehrmals versucht Kontakt aufzunehmen, doch er wurde immer abgewiesen.

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Diese beschämende Folter ging später weiter. In der Zelle wurde ich oftmals ohne Essen und Trinken gelassen. 28 Tage lang konnte ich nicht duschen. Ich konnte nicht auf die Toilette. 28 Tage lang gab es morgens ein altes Brötchen, mittags und abends 2 Löffel Konservenbohnen.

Obwohl sie von meinen Rückenproblemen wussten, schlugen sie ständig auf mich ein, weshalb ich wahrscheinlich lebenslange Schäden davon trage. Zum Arzt wurde ich nicht gelassen. Meine Tabletten durfte ich nicht nehmen. Mehr über ihre schamlose Folter möchte ich nicht erzählen."

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