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Der Tag, an dem türkische Polizisten das Leben einer vierfachen Mutter für immer zerstörten

Veröffentlicht: Aktualisiert:
TURKEY POLICE
Dylan Martinez / Reuters
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Eines Morgens war es soweit: Ein energisches Klopfen an der Tür, gefolgt von einem lauten "Aufmachen, Polizei!". Selin versuchte ruhig zu bleiben. Sie wies ihre Töchter an, sich für die Schule fertig zu machen.

Selin ist vierfache Mutter und ehemalige Privatschullehrerin in der Türkei. Mir berichtete sie von dem Tag, an dem plötzlich eine Gruppe bewaffneter Männer vor dem Haus ihrer Familie stand.

Ihre sechs Jahre alte Tochter deutete auf die Polizisten und fragte: "Mama, wer sind diese Männer?"

Das kleine Mädchen verstand nicht, warum am frühen Morgen plötzlich fremde Menschen ihr Zuhause durchsuchten.

Ihre Mutter erzählte ihr, dass es Freunde ihres Vaters seien: "Sie kommen den Papa abholen, um mit ihm auf dem Markt Feigen zu verkaufen."

Die Polizisten nahmen Selins Ehemann mit. Wenige Tage später wurde er inhaftiert.

Keine Anklageschrift, keine Gerichtsverhandlung

Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, ein Unterstützer der vermeintlichen Terror-Organisation "FETÖ" (An.d.R. "Fethullahistische Terrororganisation") zu sein.

Wie Selins Ehemann verloren zehntausende Staatsbedienstete nach dem Putsch vergangen Sommer ohne Vorwarnung ihren Arbeitsplatz. Polizisten drangen in Wohnhäuser und Büros ein, fesselten Menschen mit Kabelbindern und zerrten sie aus den Gebäuden.

Die türkische Regierung machte den Prediger Fethullah Gülen und seine Unterstützer für den Putsch im Sommer verantwortlich und ging rigoros gegen mutmaßliche Unterstützer der Organisation vor.

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Doch was Selins Mann genau vorgeworfen wird, ist schwer zu sagen. Es gibt keine offizielle Anklageschrift, geschweige denn eine Gerichtsverhandlung - bis heute nicht.

Selin saß plötzlich allein zuhause - mit vier Kindern und ohne Job. Denn nur wenige Tage vor der Festnahme ihres Mannes, schlossen die Beamten die Privatschule, an der Selin bis dahin als Lehrerin gearbeitet hatte.

Der letzte Tag

Sie liebte ihren Beruf. Die Schule war für sie wie ein zweites Zuhause. Sie hatte sogar auf ihre Elternzeit verzichtet - und das, obwohl sie drei Töchter und einen Sohn hat.

Doch ein ganzes Jahr von ihren Schülern fernzubleiben, das hätte sie nichts übers Herz gebracht.

Im August sollte sie eigentlich die 12. Klasse. Doch es kam alles anders. Der Tag vor dem Putschversuch sollte der letzte sein, an dem Selin die Schule von innen sah.

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Unmittelbar nachdem die Beamten kamen, um die Schule zu schließen, nahm man ihr die Lehrerlaubnis weg. Ähnlich wie Selin erging es rund 21.000 Privatschullehrern in der Türkei.

Viele dieser Lerneinrichtungen werden von der Gülen-Bewegung betrieben. Man warf Selin vor, Verbindungen zu Putschisten zu haben.

Im Handumdrehen verlor sie nicht nur ihre größte Leidenschaft sondern auch ihren einzigen Broterwerb.

Eine fünfköpfige Familie ohne Vater

Nach der Festnahme ihres Mannes war Selin vollkommen allein. Um ihre Kinder zu versorgen, musste sie sich Geld von ihren Schwiegereltern leihen. Bis heute hat sich an ihrer Situation nichts geändert.

Sie betet jeden Tag, dass dieser ganze Spuk endlich vorbei geht und ihr Mann endlich aus der Haft entlassen wird.

Es treibt ihr die Tränen in die Augen, wenn ihr Sohn seinen Großvater Papa nennt - seinen richtigen Vater kennt der Eineinhalbjährige kaum.

"Ich möchte meinen Papa umarmen" sagte ihre Tochter vor kurzem und brach darauf in Tränen aus.

Immer wenn ihre Kinder sie fragen, wann Papa vom Feigen kaufen denn endlich nach Hause kommt, schweigt Selin. Ihr bleibt nichts anderes übrig, denn sie hat auf diese Frage keine Antwort.

Um die politische Dimension der Ereignisse in ihrer Heimat zu verstehen, sind Selins Kinder noch zu jung. Die vier Kinder haben nur einen Wunsch: endlich wieder einen Vater zu haben.

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