BLOG

Geschlagen, vergewaltigt, isoliert: Wie türkische Polizisten einen Lehrer fast zu Tode folterten

31/05/2017 15:20 CEST | Aktualisiert 01/06/2017 12:56 CEST
Murad Sezer / Reuters

Es ist rund dreizehn Jahre her, dass der damalige Ministerpräsident der Türkei Recep Tayip Erdogan eine "Null-Toleranz" gegenüber Folter verkündete. Im Zuge der Beitrittsverhandlungen mit der EU wurden diese völkerrechtswidrigen Maßnahmen tatsächlich zur Ausnahme.

Doch mit dem Putschversuch im vergangenen Sommer hat sich das radikal verändert. Der erbarmungslose Kampf der Regierung gegen mutmaßliche Terroristen und vermeintliche Putschisten hat bereits hunderte Opfer gefordert - darunter Polizisten, Anwälte, Journalisten, Akademiker und Lehrer.

Viele von ihnen sind in den Gefängniszellen des Landes unter menschenunwürdigsten Bedingungen gefoltert worden. So auch der Lehrer Ergün B.* Im Zuge der Verhaftungswelle im vergangenen Juli nahmen Polizeibeamte den Familienvater in Antalya fest.

Mehr zum Thema: "Wir trinken dein Blut und vergewaltigen deine Frau": Ein Ex-Polizist spricht über Folter in türkischen Gefängnissen

Wie tausenden türkischen Staatsbürgern wurde ihm und seiner Familie vorgeworfen, Unterstützer der vermeintlichen Terror-Organisation "FETÖ" (Anm. d. R. "Fethullahistische Terrororganisation") zu sein.

Die Organisation um den türkischen Prediger Fetüllah Gülen wird von der Regierung bezichtigt, den Putsch von den USA aus in Auftrag gegeben zu haben.

Die Polizisten nahmen dem Lehrer alles

Ergün verlor darauf seine Anstellung, seinen Ruf und seine Freiheit. Während seiner Zeit in Untersuchungshaft verwehrte man ihm konsequent das Recht auf einen Anwalt. Seiner Familie erteilte man keinerlei Auskunft über seinen Aufenthaltsort oder seine Verfassung.

Anhand von verschiedenen Krankenhausakten gelang es den Angehörigen, Ergün nach tagelanger Suche zu finden. Der Lehrer wurde in einem Krankenhaus an mehreren inneren Organen operiert und befand sich auf einer Intensivstation. Warum, konnten die Angehörigen nur erahnen.

Die Ärzte weigerten sich der Familie zu sagen, was Ergün fehlte und was ihm überhaupt widerfahren war. Nach einigen Tagen erfuhren die Angehörigen, Ergüns Gedärme seien auf Grund eines harten Objektes, das ihm anal eingeführt wurde, aufgeplatzt. Fast wäre er verblutet.

Mehr zum Thema: "Wir bringen dich um und verfüttern dich an die Wölfe" - in der Türkei werden Menschen willkürlich verschleppt und gefoltert

Was anfangs nur ein Verdacht war, stellte sich später als Tatsache heraus: Die lebensbedrohlichen Verletzungen waren Ergün durch Folter in der Untersuchungshaft zugefügt worden.

Da es keine belastenden Beweise gegen ihn gab, wurde der Lehrer körperlich und physisch unter Druck gesetzt. Solange, bis er Verbrechen gestand, die er nie verübt hatte.

Zunächst drohten die Polizisten ihm an, seiner Familie Schaden zuzufügen. Später begann die echte Folter. Nach anfänglichen Schlägen, zogen die Beamten Ergün völlig aus und demütigten ihn. Anschließend führten sie ihm eine Flasche in den After ein. Darauf verlor er das Bewusstsein.

Das Prozedere verursachte so starke Blutungen, dass die Beamten sie nicht stoppen konnten und ihn in ein Krankenhaus brachten. Andernfalls wäre er wahrscheinlich verblutet.

Bis heute sitzt Ergün im Gefängnis

Trotz der eindeutigen Merkmale auf seinem Körper lautete der offizielle Bericht der Ärzte, es sei keinerlei physische Gewalt ausgeübt worden. Auch sie stehen unter dem Druck der Polizei. Als er aus dem Gröbsten heraus war, wurde er wieder inhaftiert. Bis heute sitzt Ergün mit ernstzunehmenden gesundheitlichen Probleme im Gefängnis.

Die Familie macht sich Sorgen um das Leben des Häftlings und kann ihn nur alle 15 Tage durch eine Glaswand getrennt sehen. Es gibt so gut wie keine Möglichkeit, mit Ergün Kontakt aufzunehmen - weder für seine Angehörigen, noch für seinen Anwalt. Das wahre Ausmaß der Folter ist ihnen daher nicht bekannt.

Foltermethoden haben in der Türkei leider eine traurige Tradition. Am Anfang dieses Jahrhunderts schienen die Maßnahmen jedoch immer weniger vorgenommen zu werden. Bis zum Putschversuch im Juli.

Die Anwältin Gülseren Yoleri vom Menschenrechtsverein (IHD) beschreibt dies so: "Folter nach alter Manier ist zurück. Es ist fast so, als hätten man alte Foltermethoden wie Pfahlhängen oder Elektroschocks lediglich versteckt, um sie heute wieder hervorzuholen."

Das wahre Ausmaß der Folter kam mit Facebook Videos, die Polizisten voller Stolz posteten und den Bildern von mit Blut überzogenen Soldaten in den Medien, zunehmend aber auch als Angehörigen und Anwälten der Zugang zu Gefangenen gewährt wurde, zum Vorschein.

Das Pfahlhängen, Vergewaltigung mit Flaschen, Schläge, Entzug von Nahrung, Folter mit Eis oder mit dem Einsatz von Extremtemperaturen und weitere Foltermethoden werden vor allem während der Untersuchungshaft angewandt.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Es wird vermutet, dass die als Selbstmord an die Öffentlichkeit lancierten Todesfälle während der Untersuchungshaft, in Wirklichkeit Resultate von Folter sind.

Die von Amnesty International und dem Menschenrechtsverein (İHD) als mit großer Sicherheit bestätigte, massenhafte Folter scheint in einem Bericht mit Zeugenberichten, Benennung der Foltermethoden und -orte, nur bruchstückhaft sichtbar zu werden.

Viele Familien teilten ihre Erlebnisse anonym mit, aus Angst um das Leben ihrer Angehörigen oder davor selbst verhaftet zu werden. Die Vorliegenden Berichte haben ergeben, dass wir es in der Türkei, die auf dem Weg zu einem EU-Beitritt ist, mit schwerer, massenhafter Folter zu tun haben.

*Der Name wurde von der Redaktion geändert.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

Sponsored by Trentino