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Ich werde in Deutschland vom türkischen Geheimdienst verfolgt: Was passierte, als ich Erdogans Spitzel verklagte

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ERDOGAN
Murad Sezer / Reuters
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Gut einen Monat ist es jetzt her: Da saß ich dem Mann gegenüber, der mich beschimpft und offenbar im Auftrag des türkischen Staates in Deutschland bespitzelt hat.

Es ist ein stämmiger, tätowierter aggressiver Mann, Typ Bodybuilder, um die 40 Jahre alt und selbstständiger Autoverkäufer, den ich seit meiner Kindheit kenne. Wir haben dieselbe Schule in Dortmund besucht, wohnen in derselben Straße, waren mal auf Facebook befreundet.

Ich hatte ihn eine Weile nicht gesehen. Am 3. August also trafen mein Anwalt und ich den Mann bei einem Schlichter zuhause in Dortmund. Der Schlichter sollte ausloten, ob wir uns irgendwie vertragen können.

Das Spitzel-System ist ausgeklügelter, als ich vermutet habe

Ich hatte mir keine Illusionen gemacht, was das Treffen anging. Ich hatte erwartet, dass die Situation eskalieren würde. Aber was ich dort erfahren habe, hat meine Befürchtungen doch übertroffen. Weil das Spitzel-System der Türkei offenbar noch ausgeklügelter ist, als ich vermutet hatte.

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Ich fühle mich Fethullah Gülen verbunden, das ist kein Geheimnis, ich habe auch in Gülen-nahen Institutionen gearbeitet. Und ich kritisiere die Politik Recep Tayyip Erdoğans seit Jahren auf meinem Blog. Mein Gegner dagegen ist Erdoğan-Fan.

Er hat mich als "Terrorist" beschimpft

Mein Gegner hat einen Screenshot von einem meiner Facebook-Beiträge gemacht und mich als "Terrorist" beschimpft. Und damit eine öffentliche Hetzjagd auf mich losgetreten. Jugendliche schrieben, sie hätten Dutzende E-Mails über mich an die türkischen Behörden geschickt. Einer schrieb: "Wenn ich dich in Dortmund sehe, verprügle ich dich."

Ich hatte Angst, nicht nur um mich, sondern auch um meine Frau und meine Kinder.

Im April dann klingelte mein Handy, eine unterdrückte Nummer. Es war der deutsche Staatsschutz, der mich darüber informierte, dass ich auf einer Liste mit Personen stehe, die der türkische Geheimdienst MIT sucht.

Selbst der Gang ins Konsulat ist gefährlich für mich

Seither kann ich nicht mehr in die Türkei reisen, ich kann meine Verwandten dort nicht besuchen.

Sollten meine Eltern sterben, kann ich sie nicht persönlich in der Heimat begraben.

Selbst ein Gang ins türkische Konsulat könnte gefährlich für mich werden. Ich soll auf keinen Fall alleine dorthin gehen, sagte die Polizei, sie könne mich dort nicht schützen.

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Zu seinem Strafprozess kam er nicht

Mein Peiniger ist bereits in einem Strafprozess zu circa 1000 Euro Geldstrafe verurteilt worden, wegen Beleidigung. Zur Verhandlung ist er gar nicht erschienen, woraufhin der Staatsanwalt ein Strafbefehl beantragt, der dann mit der Geldstrafe vollzogen wurde.

Außerdem habe ich gegen den Mann, der türkischer Staatsbürger ist, eine Zivilklage wegen seiner Beleidigungen angestrengt. Bevor so ein Zivilprozess vor einen Richter geht, ist eine Schlichtung vorgesehen, wie wir sie am 3. August hatten. Nun, unsere ist gescheitert, auf zum Gericht.

Er wird sich nicht entschuldigen


Ich wollte bei der Schlichtung aus dem Spitzel rauskitzeln, was er über mich weiß. Ich wollte nicht nur eine Entschuldigung für das, was er mir angetan hat, sondern, dass er einen Beitrag veröffentlicht, in de er alles zurücknimmt, was er über mich alles gesagt hat.

Denn ich habe vermutet, dass er nach dem Putschversuch die türkischen Behörden auf mich aufmerksam gemacht hat, sodass ich auf der offiziellen Liste des MIT-Liste gelandet bin.

"Ich scheiß' auf das Urteil", sagt er

Er hat offenbar nicht vor, etwas an seiner Haltung zu ändern. Mein Gegner ist während der Schlichtung auf keinen Kompromissvorschlag eingegangen, von einer Entschuldigung ganz zu schweigen.

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Seine Körpersprache, seine Wortwahl war so aggressiv. Er hat mich vor meinem Rechtsanwalt als "Landesverräter" beschimpft. Zu seinem Aggro-Repertoire gehörten auch Sätze wie "Das Osmanische Reich kommt jetzt bald, und das weißt du!"

Er sagte außerdem wörtlich über die Strafe, die er bereits bekommen hat: "Ich scheiß auf das Urteil."

Er hatte sich auf Facebook auch über die Polizisten lustig gemacht, die bei ihm zu Hause gewesen waren, nachdem ich Anzeige erstattet habe. Er schrieb, dass ihn deren Ansprache doch sehr wenig beeindruckt hatte.

So viel zu seinem Respekt vor dem Rechtsstaat Deutschland.

Angeblich hat er Geheimdienst-Protokolle über mich gelesen

Und er hat behauptet, dass der MIT schon lange vor dem Putschversuch gegen mich ermittelt habe. Er habe die Protokolle gesehen.

Als Mitglied der Union Europäisch-Türkischer Demokraten (UETD), dem verlängerten Arm von Erdoğans Partei AKP, bekomme er so einiges mit.

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Ich war bestürzt. Wenn es stimmt, dass ein normaler Bürger angeblich an Geheimdienstprotokolle kommen kann, dann zeigt das, welche Dimension das Gespitzel angenommen hat. Und wie gut Erdoğan in Deutschland vernetzt ist.

Der Kuschelkurs gegenüber der Türkei muss enden

Für mich selbst hoffe ich, dass die Bundesrepublik mir hilft, die deutsche Staatsbürgerschaft zu bekommen, denn ich bin in Dortmund geboren und sozialisiert. Normalerweise muss ich für die Formalitäten auch ins türkische Konsulat - aber das ist mir zu riskant.

Und für uns alle hoffe ich, dass die Bundesregierung endlich ihren Kuschelkurs gegenüber der Türkei beendet. Bisher waren alle Überlegungen zu Reisewarnungen nur Lippenbekenntnisse. Erst als man mit Wirtschaftssanktionen drohte, hat Erdoğan einen Schritt zurückgemacht. Aber sobald er merkt, dass es bei diesen Lippenbekenntnissen bleibt, verschärft sich wieder sein Umgangston.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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