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5 Sätze, die Eltern nie zu einem ängstlichen Kind sagen sollten

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KIND ANGST
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Als ich fünf Jahre alt war, war ich der tiefen Überzeugung, dass jede Nacht, nachdem ich eingeschlafen war, ein Dieb ins Haus einbrechen würde.

Ich wollte deswegen unbedingt mit einem Schläger unter dem Kopfkissen schlafen, damit ich mich (und auch meine Familie) im Notfall verteidigen konnte.

Da kam mir der gelbe Baseballschläger von meinem Bruder gerade recht. Er war zwar aus Plastik, aber deshalb war er als Waffe nicht weniger wirksam. Leider waren meine Eltern von der Idee nicht gerade begeistert.

Sie haben nie verstanden, warum ich mir so große Sorgen machte. Immerhin gab es keine logische Erklärung für meine ständige Angst: Unsere Nachbarschaft war sicher. Wir waren noch nie Opfer eines Einbruchs geworden und außerdem hatten wir eine Alarmanlage, die uns bei Gefahr sofort warnen sollte.

Meine Eltern dachten, ich sei einfach anfälliger für Sorgen als andere Kinder

Aber wer sagt, Angst sei logisch erklärbar? Moment mal: Wer sagt überhaupt, dass das, was ich fühlte, "Angst" war?

Das Wort "Angst" benutze ich erst jetzt, basierend auf meiner persönlichen Erfahrung und wenn ich mit mehr Fachwissen auf die Vergangenheit zurückblicke. Als ich klein war, dachten meine Eltern, ich sei einfach anfälliger für Sorgen als andere Kinder.

Keiner von uns hat damals verstanden, dass meine chronische Angst tatsächlich eine Auswirkung auf mein gesamtes Nervensystem hatte.

Wie sind meine Eltern also mit meinen tausenden "Was, wenn...?"-Fragen umgegangen?

"Was, wenn wir ausgeraubt werden?"", "Was, wenn wir vergessen, die Alarmanlage einzuschalten?", "Was, wenn wir vergessen, abzuschließen?" "Was, wenn der Dieb in mein Zimmer kommt?"

Ich habe Jahre gebraucht, um mit meiner Angst umzugehen

Wie haben sie reagiert, wenn ich um zwei Uhr morgens an ihrer Tür geklopft und gefragt habe, ob sie runter gehen und nochmal gucken können, dass die Haustür auch wirklich abgeschlossen ist?

Meine Eltern haben zunächst immer versucht, mich zu beruhigen. Als nächstes haben sie versucht, an mein logisches Denken zu appellieren. Wenn das alles nicht funktioniert hat, was ziemlich oft vorkam, sind sie (verständlicherweise) wütend geworden und haben das oft auch gezeigt.

Ihr müsst verstehen, dass meine Eltern wirklich toll sind. Sie unterstützen mich in allem, was ich tue. Aber sie haben einfach nicht verstanden, was ich damals durchgemacht habe.

Mehr zum Thema: Was mit der Seele von Kindern passiert, die angeschrien werden

Ich habe ja selbst Jahre gebraucht, um es zu verstehen, und Wege zu finden, mit meiner Angst umzugehen.

Um anderen Familien zu helfen, die vielleicht gerade ganz ähnliche Erfahrungen machen, habe ich hier fünf Sätze aufgeschrieben, die zwar lieb gemeint waren, die es aber nicht geschafft haben, mich aus den Klauen meiner Angst zu befreien.

Ich habe das aufgeschrieben, was ich damals nicht geschafft habe, meinen Eltern zu erklären. Das alles soll euch hoffentlich helfen, mich zu verstehen und zeigen, wie ihr einem ängstlichen Kind am besten helfen könnt.

Hier kommt meine Liste an Sätzen, die ihr lieber nicht zu einem ängstlichen Kind sagen solltet.

1. Mama sagte: "Es wird alles wieder gut, vertrau mir!"

Ich wünschte, ich hätte damals geantwortet: "Mama, ich weiß, du versuchst mir zu helfen, aber mein Gehirn sagt mir das Gegenteil: 'Es wird NICHT wieder gut'. Und mein Körper reagiert auf das, was mein Kopf ihm sagt. Mein Herz rast, meine Hände sind schweißnass und mein Bauch fühlt sich komisch an. Ich höre ja, was du sagst. Aber das reicht nicht, um das zu übertönen, was gerade in mir drin vorgeht.

Mittlerweile weiß ich: Diese Reaktion auf Stress ist eine Schutzmechanismus, der von unserem Nervensystem ausgelöst wird, wenn wir bei Bedrohungen darüber entscheiden müssen, ob wir kämpfen oder fliehen sollen.

Angst ist also die logische Reaktion auf diesen Fluchtreflex. Wenn dein Kind also panische Angst hat, werden tausende Signale in seinem Kopf losgesendet, um sein Überleben zu sichern. Das macht es schwer, klar zu denken und die Worte zu verinnerlichen, die ihr uns sagt, um uns zu beruhigen.

Versuch lieber Folgendes: Konzentriere dich zuerst auf das Nervensystem deines Kindes. Hilf ihm, sich mit tiefen Atemzügen zu beruhigen. Das hilft dem Körper, den Fluchtreflex schneller abzulegen.

Mehr zum Thema: Kinderarzt Remo Largo erklärt: Mit diesem Fehler schaden Eltern ihren Kindern

2. Papa sagte: "Es gibt nichts, wovor du dich fürchten musst."

Ich wünschte, ich hätte damals geantwortet: "Papa, erinnerst du dich noch, als du Mama zum ersten mal nach einem Date gefragt hast? Oder an deinen ersten Arbeitstag? Erinnerst du dich an deinen Fahrradunfall? Vielleicht wussten deine Eltern damals auch, dass alles wieder gut wird, aber deshalb hast du es noch lange nicht gewusst. Du hattest trotzdem eine Riesenangst. Und meine Angst ist jetzt gerade genauso real."

Mittlerweile weiß ich: Angst initiiert einen Alarmprozess im Körper eines Kindes. Es ist zwar falscher Alarm, aber er fühlt sich trotzdem nicht weniger real an. Dieser Alarm dient zum Schutz.

Dein Kind fühlt "Stress" oder "Angst", um sein Überleben zu sichern. Der Verstand verschlimmert das Gefühl manchmal sogar noch, um sicherzustellen, dass man sich der Gefahr auch wirklich bewusst ist (Zum Beispiel verwechselt er einen Stock mit einer Schlange).

Versuch lieber Folgendes: Erkenne die Emotionen deines Kindes an. Du kannst zum Beispiel sagen: "Ich verstehe, dass du Angst hast. Ich hatte auch schon oft Angst und ich weiß, wie sich das anfühlt."

3. Mama hat gesagt: "Lass mich dir tausend Gründe nennen, warum du keine Angst haben musst."

Ich wünschte, ich hätte damals geantwortet: "Mama, ich weiß, dass alles, was du sagst, einen Sinn hat. Aber es fällt mir einfach schwer, gerade klar und logisch zu denken. Ich erlebe gerade ein totales Gefühlschaos. Da ist es nicht so einfach, einen kühlen Kopf zu bewahren."

Mittlerweile weiß ich: Studien beweisen, dass die Prozesse in der Großhirnrinde, die normalerweise für das logische Denken zuständig sind, durch Angst blockiert werden. Stattdessen übernimmt der emotionale Teil des Gehirns diese Aufgaben.

Nach allem, was wir mittlerweile wissen, hatten auch Höhlenmenschen nicht viel Zeit, logisch zu denken, wenn es darum ging, einen Eindringling zu bekämpfen oder sich in Sicherheit zu bringen.

Versuch lieber Folgendes: Beruhige das Nervensystem mit einer Visualisierungsübung. Sag deinem Kind, es soll sich einen ruhigen, stillen Ort vorstellen. Dann rate ihm, ruhig ein und auszuatmen und lass dir den Ort bildlich beschreiben.

Sobald dein Kind sich beruhigt hat, spricht mit ihm darüber, dass Gefühle nicht immer unbedingt etwas mit Fakten zu tun haben müssen. Gefühle können zum Beispiel durch einen einfachen Satz wie "Hey, ich glaube nicht, dass du gerade ehrlich bist!" ausgelöst werden. Sich der tatsächlichen Situation bewusst zu werden, ist ein super Mittel, um unnötige Sorgen zu unterdrücken.

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4. Papa sagte: "Hör endlich auf, dir immer so viele Sorgen zu machen!"

Ich wünschte, ich hätte damals geantwortet: "Papa, ich weiß, dass du gerade frustriert und vielleicht sogar ein bisschen wütend bist. Und ich fühle mich schlecht deshalb. Ich versuche ja schon, mir weniger Sorgen zu machen. Wirklich. Ich will damit aufhören, aber ich weiß einfach nicht wie."

Mittlerweile weiß ich: Ängstlichen Kindern ist bewusst, dass sie sich mehr Sorgen machen, als ihre Freunde, weil ihnen das ihr ganzes Leben lang gesagt wird. Außerdem vergleichen sie sich ständig mit Gleichaltrigen, die weniger ängstlich auf ähnliche Situationen reagieren.

Das führt im schlimmsten Fall sogar dazu, dass viele Kinder eine neue Furcht davor entwickeln, zu ängstlich zu sein. Zusammen mit den Schuldgefühlen, die sie ihren Eltern gegenüber empfinden, ist es leicht verständlich, dass sich viele Kinder furchtbar fühlen. Man muss im Kopf behalten, dass sich Kinder genauso hilflos fühlen wie wir Erwachsene, wenn es um chronische Ängste geht.

Versuch lieber Folgendes: Versuch mit all deiner Kraft, dein Kind nicht als ängstlich zu beschreiben. Stattdessen erkläre ihm lieber den evolutionären Hintergrund von Angst, sobald es sich beruhigt hat. Ernsthaft? Ja! Kinder lieben es, wenn sie wissen, dass ihre Angst einen Grund hat und dass jeder Mensch zu einem gewissen Grad Angst empfindet.

5. Mama sagte: "Wir verstehen einfach nicht, warum du dir solche Sorgen machst."

Ich wünschte, ich hätte damals geantwortet: "Ich weiß, dass ihr mich nicht versteht, aber ihr dürft nicht aufhören, es zu versuchen. Ihr müsst versuchen zu verstehen, was ich durchmache. Legt eure Hände auf mein rasendes Herz, hört auf meinen schnellen Atem, seht mich an... Das Gefühl ist real. Ich möchte, dass ihr das versteht. Ihr müsst es einfach verstehen. Bitte sagt mir, dass ihr es nachvollziehen könnt. Bitte."

Mittlerweile weiß ich: Wenn dein Kind Angst empfindet, versuche dich selbst daran zu erinnern, wann du das letzte mal in einer solchen Situation warst. Dann versuche mit diesen Worten zu deinem Kind durchzudringen: "Ich verstehe dich."

Versuch lieber Folgendes:Sag ihm, dass du verstehst, dass es gerade schwer für ihn oder sie ist und versuch, deinem Kind dabei zu verdeutlichen, dass du es wirklich nachvollziehen kannst.

Abschließend möchte allen Eltern (auch meinen) im Namen aller ängstlichen Kinder noch eine Sache sagen:

Wir verstehen auch eure Seite. Wir verstehen, was ihr alles für uns opfert. Wir wissen, dass ihr unseren Schmerz und unsere Schwierigkeiten zu euren eigenen macht. Wir wissen, dass ihr uns selbst an den Tagen unterstützt, an denen ihr euch komplett hilflos fühlt - und das schafft ihr auch.

Und zwar, indem ihr niemals das Vertrauen in uns verliert und niemals aufgebt. Ihr seid echte Vorbilder in Sachen Charakterstärke und Durchhaltevermögen. Danke!

Dieser Blog erschien ursprünglich in der HuffPost USA und wurde von Rebecca Nothvogel aus dem Englischen übersetzt.

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