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Ein Wahlkampf, der mich verändert hat

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SPD GERMANY
Ralph Orlowski / Reuters
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Jeder Wahlkampf ist ein Unikat. Seit 1997 engagiere ich mich in Wahlkämpfen und bislang war jeder anders. In diesem Frühjahr habe ich drei besondere Beobachtungen gemacht. Eine davon wird meine Arbeit als Abgeordneter im Wahlkreis grundlegend verändern.

Vor 20 Jahren begannen Wahlkämpfe für Land und Bund bei uns immer gleich: Zuerst wurden die Vorsitzenden der Ortsvereine eingeladen. Man setzte sich zusammen und trug Termine ein, bei denen der Kandidat sich zeigen sollte.

Der klassische Wahlkampf

Schützenfest, Sommerbasar, Vereinsjubiläum: Aber bitte nie ohne Begleitung aus dem Ort, weil nichts so traurig aussieht, wie ein einsamer Kandidat auf weiter Flur.

Fehlten dann nur noch die Wochenmärkte, auf denen die jeweilige Ortspartei zwei bis drei Wochen vor der Wahl kontinuierliche Präsenz zeigte mit Stehtisch, rotem Schirm und Einkaufswagenchips plus Kuli.

Das läuft bis heute noch genau so und es überrascht mich immer wieder, dass viele vor allem ältere Menschen die Präsenz ihrer Partei auf den Märkten erwarten. Genauso übrigens wie einen neuen Kugelschreiber oder ein paar rote Chips für den Einkaufswagen, weil man die zwischen zwei Wahlen ohnehin immer verliert.

Den Aufwand, den wir allerdings treiben, um solche Infostände zu planen, aufzubauen und zu besetzen, stehen aus meiner Sicht in keinem Verhältnis mehr zu den Menschen, die wir damit tatsächlich erreichen. Meine Beobachtung lautet deshalb:

Erstens: Der klassische Infostand auf dem Markt stirbt aus und ist an vielen Stellen bereits tot.

Nur, weil man es von uns erwartet und uns vor allem die eigenen Anhänger sehen wollen, bauen wir noch unsere roten Zelte und Schirme, Fähnchen und Thermoskannen auf den Wochenmärkten auf. So wie aber die Markt-Kundschaft weniger wird, buhlen wir auch um eine immer geringer werdende Aufmerksamkeit.

Von Haustür zu Haustür

Klüger, so meine Beobachtung in diesem Wahlkampf, ist es, die Zeit mit Besuchen von Haustür zu Haustür zu verbringen. Nicht nur quantitativ verbringe ich meine Zeit als Kandidat damit sehr viel sinnvoller.

Auch qualitativ merke ich, dass der kurze Augenblick (im doppelten Wortsinne!) zwischen meinem Gegenüber und mir eine Vertrautheit schafft, die ich mit Kaffee und Kulis nur sehr viel schwerer hinbekomme.

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Zweitens: Mit Online-Präsenz alleine gewinnen wir keine Wahlkämpfe. Ohne Online-Präsenz werden wir sie aber sicherlich verlieren.

Auf diese Erkenntnis besitze ich kein Copyright. Im Gegenteil habe ich sie erstmals in etwas abgewandelter Form bei dem großartigen Leif Neugebohrn von der Werkstatt für Überzeugungsarbeit gehört.

Beispiel: Eines der zentralen Elemente meiner Online-Kampagne war ein Video, das meinen Anspruch, Politik mit einem Lächeln zu machen, auf unterhaltsame Weise unterstreichen sollte.

Über Facebook haben wir 25.000 Menschen erreicht

Dank engagierter Jusos als Darsteller ist uns, glaube ich, ein sehr schönes Filmchen gelungen, das wir auch auf den Wochenmärkten in Endlosschleife gezeigt haben.

Ich glaube nicht, dass wir dort jemals über 25.000 Menschen hätten erreichen können - bei Facebook haben wir das geschafft. Wir haben mehr als 500 Reaktionen provoziert und über 50 fast ausschließlich positive Kommentare erntete das Video.

Dafür haben wir auch gezielt geworben, so wie wir das früher mit Zeitungsanzeigen getan hätten - nur diesmal mit den soziodemografischen Möglichkeiten, die uns Facebook bietet.

Apropos Anzeigen: Ich glaube, dass Annoncen in Zeitungen genauso wie Presseartikel noch immer ein wichtiges Kampagnenwerkzeug sind. Vor allem bei der Bewerbung von Veranstaltungen merke ich, dass die Unverbindlichkeit im Netz sehr groß ist und eine Zusage bei Facebook wenig gilt.

Wer sich aber aufgrund eines Zeitungsartikels telefonisch anmeldet, der kommt auch, weil er sich tatsächlich mit dem Inhalt auseinander gesetzt hat und nicht nur ein cooles Foto oder die Überschrift gemocht hat.

Kommen wir zur letzten und für mich wichtigsten Beobachtung im vergangenen Wahlkampf:

Drittens: Wir verstehen uns nicht mehr!

Wir Politiker verstehen nicht mehr, um was es tatsächlich geht

Über die vergangenen Wochen hat sich ein Gefühl in mir breit gemacht. Mir war manchmal, als gebe es da eine unsichtbare Schranke zwischen mir und den Menschen, denen ich auf Märkten und Plätzen begegnet bin.

Ein Unverständnis nicht nur im semantischen Sinne, wenn ich beispielsweise von Kommunen sprach, statt Städte und Gemeinden zu sagen.

Ein Unverständnis auch, weil viele Wählerinnen und Wähler nur noch wenig vom politischen System kennen. Ein grundsätzliches Unverständnis, weil wir Politiker in unseren Filterblasen nicht mehr spüren, worum es dem anderen tatsächlich geht.

Richtig bewusst geworden ist mir das bei der Veranstaltung eines Kollegen, bei der ich nur zu Gast war. Eine Diskussion in einer traditionellen Kneipe. Links der Tresen - vollbesetzt mit Pils trinkenden Männern - und rechterhand ein langer Tisch mit Desserttellern, die einen kleinen Imbiss versprachen.

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Dort das Volk, hier unsere Blase, die zum Thema "Länderfinanzausgleich" zusammen gekommen war. Vorgeblich eine Veranstaltung für alle, bei der sich aber von Beginn an eine Hälfte komplett ausgeschlossen fühlte, wie mir leider erst später bewusst wurde.

"Ihr habt uns ja nicht mal an Euren Tisch gebeten", war die Kritik, die ich später am Abend beim Bezahlen meines Deckels hörte und die mich baff erstaunte.

Denn mein Gefühl war, dass sich die Stammrunde wenig für uns interessierte, dass wir im Gegenteil den gemütlichen Feierabend störten.

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Verständnis entsteht nur dort, wo man miteinander spricht. Sprechen kann. Den Rest des Abends in der Kneipe habe ich deshalb mit drei Männern verbracht, die mir nach anfänglicher Wut und Enttäuschung abgenommen haben, dass es kein "Die und Wir" gibt. Dass wir uns missverstanden hatten.

Für mich war dieser Abend ein Wendepunkt. Wir alle zusammen müssen wieder aufeinander zugehen.

Wir müssen versuchen zu verstehen, warum jeder so fühlt und denkt wie er es tut. Dabei hilft einzig und allein das persönliche Gespräch. Kein Internet und auch keine so genannten sozialen Medien.

Ich möchte die kommenden fünf Jahre, die mir von den Wählerinnen und Wählern geschenkt wurden, genau dafür nutzen: Ich will raus aus meiner eigenen Filterblase und möglichst viele andere zum Platzen bringen.

Ich möchte Menschen helfen mit dem, was ich selber kann und als Abgeordneter bewirken darf. Dafür werde ich noch mehr rausgehen an Orte, die nicht ohnehin auf meinem Weg liegen. Damit wir alle uns endlich wieder richtig gut verstehen.

Der Beitrag erschien zuerst auf René Schneiders persönlichem Blog.

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