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Das Netz der Zukunft

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Rund 30 Millionen Suchanfragen bei Google, etwa 200 Millionen verschickte E-Mails, 70 Stunden neues Videomaterial bei Youtube: Das ist das Internet heute - in nur einer Minute. So eindrucksvoll diese Zahlen und entsprechende Visualisierungen sind: Wir stehen gerade erst am Anfang einer weltweiten Datenentwicklung, die mit dem Begriff Explosion am treffendsten beschrieben ist. Das US-Unternehmen Cisco schätzt, dass sich der weltweite Internet-Datenverkehr im Jahr 2017 auf 1,4 Zettabyte belaufen wird. Ein wachsender Teil dieser Datenmengen fällt durch die Nutzung mobiler Endgeräte an. Noch sind dies vor allem Smartphones und Tablets. Und immer mehr Daten entfallen auf das, was wir das „Internet der Dinge" nennen.

Bis zu 50 Milliarden Geräte werden bis 2020 mit dem Internet verbunden sein. Die angekündigte Brille von Google oder die Uhr von Samsung gehören dabei eher zu den (noch) exotischen Vorboten dieser Entwicklung. Im Kern lässt diese sich auf eine Formel bringen: Alles, was Daten liefern kann, weil es irgendwie zählt, misst, kommuniziert, darstellt und selbstständig agiert, wird vernetzt. Die Einsatzgebiete sind beinahe unbegrenzt - von der Straßenlaterne, über die Alarmanlage, die Heizung bis zu Haushaltsgeräten und vielem mehr.

Hinzu kommt: Daten werden nicht nur gesammelt, sondern auch analysiert und auf dieser Basis Prozesse automatisiert. Alles wird zum Sensor. Ein Armband, das Schlafphasen und Bewegung misst (z.B. ein Jawbone Up), liefert Daten, die man mit Freunden teilen kann und die zu einer gesünderen Lebensweise animieren. Sogar Herzschrittmacher werden mit kleinen Funkchips ausgestattet. Eine Empfangstation nimmt die Daten auf und schickt die Informationen über das Mobilfunknetz an die betreuende Klinik. Die Zahl der Kontrollbesuche der Patienten sinkt.

All das sind vergleichsweise kleine Anwendungen im Zeitalter von „Big Data", in dem in Zukunft z.B. ständig die Daten von Millionen Stromzählern analysiert werden und auf dieser Basis die Kapazitätssteuerung und die dezentralere Stromproduktion erfolgen kann.

Auch selbstfahrende Autos, die bereits heute auf öffentlichen Straßen getestet werden, basieren auf diesem Ansatz. Unzählige Sensoren scannen die Fahrbahn und die Umgebung. 750 Megabyte an Daten pro Sekunde fallen an und werden beinahe in Echtzeit ausgewertet. Mindestens so schnell, wie menschliche Informationsbearbeitung. Rollt zum Beispiel ein Ball auf die Fahrbahn, bremst das Auto. Die Maschine wird „intelligent". Mit Hilfe von Satelliten, Mobilfunknetzen und Kartenmaterial wird die genaue Position des Fahrzeugs bestimmt. Und auch unter Einbeziehung aktueller Verkehrsdaten, die z.B. wiederum von anderen Autos, Mobiltelefonen und Sensoren entlang der Autobahn stammen können, wird die optimale Route ermittelt.

Voraussetzung für diese Entwicklung sind jedoch unsere Telekommunikationsnetze von morgen. Und diese unterscheiden sich von den heutigen im Wesentlichen durch drei Merkmale.

1. Mehr Geschwindigkeit, mehr Leistung. Die Voraussetzungen schaffen wir schon heute, etwa durch Übertragungsmedien wie Glasfaser oder die Vectoring-Technologie. Mit letzterer werden „alte" Kupferanschlüsse mit bis zu 100 Mbit/s im Download und mit bis zu 40 Mbit/s im Upload ermöglicht. Mittelfristig wird der Standard „G.Fast" sogar für Geschwindigkeiten von 500 Mbit/s und mehr sorgen. Auch im Mobilfunk ist die Entwicklung rasant. Bis zu 150 Mbit/s mit LTE+ sind schon jetzt auf dem Markt.

2. Das Internet ist schon heute quasi immer und überall drahtlos verfügbar. Die Frage ist daher nicht mehr, ob man eine Internetverbindung hat, sondern: Welche? Festnetz und Mobilfunk wachsen zusammen. Die verschiedenen Geräte suchen sich automatisch die beste Verbindung. Möglichst so, dass der Nutzer davon gar nichts merkt. WLAN und andere lokale Funktechnologien werden wichtiger. Bislang versuchen wir mit außen liegenden Funkantennen die Gebäude zu versorgen, in denen sich die Nutzer die meiste Zeit aufhalten. Ökonomischer ist eine bessere Versorgung von innen. Dadurch entstehen viele kleine Subnetze, sogenannte Mikrozellen, die dann wieder zu größeren Netzen zusammengefasst werden. Das steigert die Kapazität des Gesamtnetzes nochmals erheblich.

3. Das Netzwerk insgesamt wird radikal vereinfacht, alles läuft auf Basis des Internet Protokolls (IP), sozusagen als „gemeinsame Sprache" der technischen Welt: Von der Sprachtelefonie zu den Textchats, von der Video-Kommunikation bis zu unserem Fernsehangebot mit Social Media-Funktionen. Und vom vernetzten Auto bis zur Telemedizin. Hinzu kommt: Viele Funktionen des Netzes, die heute in der Hardware stecken, werden künftig über Software gesteuert - aus der Cloud. Ein simples Beispiel: Der Anrufbeantworter war früher ein weiteres piependes Gerät im Haushalt. Bei einem IP-Anschluss ist diese Funktion bereits Teil des Netzes, man braucht kein eigenes Gerät mehr dafür. Und natürlich können alle Funktionen auch von unterwegs mit einer App auf dem Smartphone genutzt und gesteuert werden.

Die Innovationszyklen der Informations- und Telekommunikationsindustrie werden immer kürzer. Mit dem Netz der Zukunft können wir darauf reagieren und Innovationen deutlich zügiger auch auf den Markt bringen.

Auf die gesellschaftlichen Umwälzungen, die mit einer allumfassenden Vernetzung und der Automatisierung von Prozessen verbunden sein können, müssen wir uns allerdings einstellen. FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hat zu Recht darauf hingewiesen. Ich möchte diese wichtige Debatte hier nicht vertiefen und es bei wenigen Hinweisen belassen: Wir werden als Gesellschaft aushandeln müssen, was von dem, was wir in Zukunft machen können, auch tatsächlich machen wollen. Automatisierung kann mit einem Verlust an individueller Freiheit verbunden sein. Umgekehrt aber auch mit einem Zuwachs an Freiheit und Lebensqualität. Beispielsweise erleichtern und ermöglichen moderne Entwicklungen der Telemedizin älteren Menschen länger ein selbstbestimmtes Leben in vertrauter Umgebung. Moderne Kameras sind z.B. in der Lage, Stürze als solche zu identifizieren und automatisch einen Notruf abzusenden. Die Überwachung von Vitalwerten, also etwa Blutdruck, Blutzucker oder Herzfrequenz, ist ebenfalls schon heute online möglich. Kurzum: Wir sollten Chancen nutzen, uns gleichzeitig mit den Risiken befassen und auf diese angemessen reagieren. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass der Mensch im Umgang mit neuer Technik über eine hohe Lern- und Anpassungsfähigkeit verfügt.

Die Telekom wandelt sich, aber sie bleibt ein Kommunikationsunternehmen. Wir bauen die besten Netze für die kommende Gigabit-Gesellschaft. Für Maschinen, die mit Maschinen kommunizieren, aber vor allem für den Austausch von Menschen mit Menschen. Demnächst immer häufiger per Video in hoher Qualität (mit entsprechend hohem Datenaufkommen). Und langfristig vielleicht sogar per Hologramm, als Teil einer virtuellen Umgebung. Fast so nah, als wäre man selbst da.