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Ich bin glücklich - und zwar genau deswegen

15/01/2016 19:18 CET | Aktualisiert 15/01/2017 11:12 CET

Vielleicht macht es Sinn, ein paar Jahre zurückzuspringen, um zu erklären was „Glück" für mich bedeutet. Ich mach´s auch kurz....

Im Jahr 2006 habe ich nach gerade bestandenem Abitur eine Ausbildung im handwerklichen Bereich als Bauzeichner angefangen - oder anfangen müssen, wenn man so will. Da meine Mutter mit meinem einige Jahre zuvor angeheirateten Stiefvater mit August/September 2007 ein festes Datum für ihre Auswanderung in Richtung Spanien vorgegeben hatte, wurde mir dieser Knochen etwas widerwillig vor die Schnauze gelegt.

Keine Alternative?

Zugegeben, ich hatte zum damaligen Zeitpunkt mit meinen 19 Jahren keine Alternative vorgelegt-und der kleine verbliebene Rest meiner Familie in Form meines leiblichen Vaters, meiner Oma (mütterlicherseits) sowie meine Tante (Schwester meiner Mutter) hätten mich in anderen Vorhaben finanziell kaum unterstützen können.

Also, die Ausbildung einmal begonnen, habe ich diese in den folgenden drei Jahren mit einigem

anfänglichen Trotz sowie einigen Tiefen durchgezogen. Getan habe ich das nicht mit Spaß oder gar Leidenschaft, sondern weil ich irgendwann akzeptiert habe, dass dieses gerade der Weg ist, den ich einschlagen sollte.

Akzeptiert auch oder vor allem deshalb, weil mir damals der starke Rückhalt durch Familie und

Freunde fehlte, auf den ich - vielleicht sehr egoistisch - gehofft hatte.

Das Glück liegt vor der Nase

Was ich damals nicht wusste und erst nun mehr und mehr erkenne ist jedoch die Tatsache, dass

etwas Glück immer vor meiner Nase war. Aber hierzu gleich mehr.

Im Jahr 2009 habe ich nach bestandener Ausbildung schließlich den Entschluss gefasst, weiterzugehen. Zur Universität zu gehen. Architektur zu studieren. Meinen geistigen Horizont wollte ich erweitern. Bauzeichner wollte ich nicht bleiben. Die nächste Stufe wollte ih erreichen. Ohne exakt zu wissen, welche. Ich wollte bloß weiter - ich wollte andere Menschen, ein anderes Leben kennenlernen.

Mein Leben habe ich größtenteils in einem schwach situierten Viertel Hannovers verbracht. Den Begriff Ghetto kann ich hierfür jedoch nicht verwenden-zu groß wäre wohl der Nachhall einer amerikanisierten Assoziation. Prügel und etwas Kriminalität waren jedoch auch hier nicht selten an der Tagesordnung.

Nunja, um es kurz zu machen, studiert habe ich; dreieinhalb Jahre lang. Den Bachelor in Architektur habe ich fertiggemacht. Das war ein Kampf-finanziell mit den Studiengebühren, mit den vielen verbrachten Stunden an der Uni, des Nächtedurchmachens zur Erfüllung der Erwartungen von Dozenten um die notwendigen Credit-Points im allseits stressigen neuen Bachelor-System am Ende des Semesters zu bekommen, dem vielen Arbeiten nebenher um jeden Monat genug Kohle zum Leben auf der Kante zu haben etc.

Verschweigen darf ich jedoch nicht, dass ich parallel stets BaFöG bekam und die anderen Kommilitonen, zumeist ohne nebenher arbeiten zu müssen, denselben Stress an der Universität mit mir teilten.

Um kurz daran zu erinnern, ich habe diesen Weg gewählt, um mich mit anderen Menschen gemeinsam weiterzuentwickeln, denen ich zuvor, gegenüber vielen in meinem Wohnviertel, attestiert hätte, intelligenter zu sein, weiter zu denken als schwarz auf weiß.

Nüchtern war die Erkenntnis darüber, dass „wir " die meiste Zeit in ein, zwei Arbeitsräumen der Universität unsere Zeit eher absaßen, auf Monitore starrend, mit denen wir, zwar zielstrebig aber stumpf, architektonische Visualisierungen kreierten und sonstige Übungen ausführten.

Wenn ich heute daran denke, was ich in sechseinhalb Jahren meiner Ausbildung bzw. Studium akzeptiert habe, blicke ich etwas erchrocken zurück. Dass ich danach an meinem ersten Arbeitsplatz in einem anderen Architekturbüro menschliche Abgründe erlebt habe, erspare ich Ihnen an dieser Stelle.

Wie geht es weiter?

Naja, alles in allem, kann ich die Frage sehr gut verstehen, wie sich eine solch negativ erzählte Geschichte in den Augen des Lesers, nämlich Ihren Augen sofern sie mir noch folgen, noch ins Positive wenden kann.

Doch das wird sie-und zwar jetzt...

Ich habe nun meine achtundzwanzig Jahre erreicht und stehe kurz vor der neunundzwanzig. Wennich auf einen steinigen Weg in den letzten zehn Jahren zurückblicke, kann ich zurecht sagen, dass die erlebte Zeit zunächst seinesgleichen unter den Gleichaltrigen sucht.

Trotzdem bin ich dankbar.

Ich bin dankbar für die Zeit, in der ich arm war; in den vielen Jahren meiner Kindheit, während meine Mutter regelmäßig für das Sozialgeld gekämpft hat, da sie aufgrund ihrer starken Kurzsichtigkeit ein arbeitstätiges Leben nie hat kennenlernen können.

Ich bin dankbar für die Zeit, in der ich selbst nicht viel hatte und mich selbst versorgen musste. Ich bin gerade hierfür dankbar, da ich erst erkennen musste, dass die Welt sich nicht nur um uns dreht und es wichtigere Dinge gibt. Ebenso wunderbare Menschen, denen das Leben im Vergleich wirklich übel mitgespielt hat und mitspielt.

Ich bin dankbar für die Gabe, Gut und Böse unterscheiden zu können. Zu wissen, wer Hilfe benötigt und nicht nur haben will, damit die eigene Unmündigkeit getrost fortbestehen kann.

Ich bin dankbar, dass ich gelernt habe, meinen Werdegang nicht nur zu akzeptieren.

Dass ich der Entscheider bin. Dass ich nicht Bauzeichner oder Architekt sein muss, wenn ich es nicht will. Dass ich keine Nische ausfüllen muss. Dass ich nicht konform einen Arbeitstag wie den vorigen gestalten muss. Dass ich frei bin.

Ich bin dankbar.

Ich bin dankbar für die wenigen Menschen in meinem Umkreis, die immer da waren.

Gerne würde ich an dieser Stelle meinen Chef benennen, der mir seit Beginn meiner Ausbildung mehr geistige Reife und ÜberdenTellerrandhinwegschauen gezeigt hat als die vielen Menschen zusammen, die ich kennengelernt habe.

Ich bin dankbar für diese Befreiung, da ich meinen Blickwinkel nun für das Wesentliche geschärft habe.

Ich bin dankbar dafür, dass ich wieder Ziele habe, die ich längst begraben habe, als es mir alleine schlecht ging.

Ich danke für die Träume, die ich wieder träume.

Von einer Welt, die ich mal hinterlasse, ohne am nächsten Tag in Vergessenheit zu geraten. Weil ich Gutes hinterlassen kann-und werde.

Und wenn dies in der heutigen Zeit bedeutet, dass ich nur als Mensch wirke und jemanden inspiriere, sich selbst zu finden, dann habe ich es schon geschafft.

Aus dieser tiefen Dankbarkeit empfinde ich endlich gleichzeitig mein persönliches Glück.

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Mehr Dinge, die glücklich machen, gibt es hier.

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