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Die junge Generation wünscht sich eine europäische Identität

16/05/2017 10:30 CEST | Aktualisiert 03/07/2017 15:12 CEST
Fabrizio Bensch / Reuters

Ob Pulse Of Europe, Pro-EU-Proteste in Osteuropa oder der neue EU-Jugend-Vertrag des MEP (Model European Parliament) - ihnen allen und vielen weiteren überall in Europa zu findenden Protestbewegungen und Aktionen ist eines gemein: Sie erheben ihre Stimmen für ein geeintes Europa und dessen Werte. Für Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit, soziale Sicherheit, Freizügigkeit, Bildungs- und Forschungsfreiheit.

Und ein weiteres ist den Bewegungen gemein: Vor allem sind es junge Menschen, die sich engagieren, die auf das Erstarken nationaler Tendenzen reagieren, die bestehenden Freiheiten gegen Versuche von Einschränkung, Unterdrückung, Abschottung und Ausgrenzung verteidigen. Das sollte allen denen Mut geben, die ein anderes Europa aktiv mit gestalten wollen.

Die Energie, die von diesen Bewegungen ausgeht, ist enorm. Menschen bekennen sich öffentlich, aktiv und fordernd für ein geeintes Europa. Diese Bewegung sollte nun von den politisch Verantwortlichen als Auftrag und Verpflichtung für ein „New Europe" gesehen werden.

Ein Europa, das es ernst meint damit, die Lebensbedingungen der Menschen in ganz Europa zu verbessern, Solidarität zu üben, den Wildwuchs der Finanzprodukte beendet und Armut sowie fehlende Sicherungssysteme vermeiden hilft.

Die Jugend will mitwirken

Junge Menschen in Europa haben eine Sehnsucht nach einem freien, freizügigen, nachhaltigen und verantwortlichem Europa auf allen Ebenen - von der Kommune, über das Land und den Bund, bis zur Europäischen Union. Sie wollen aber auch mitwirken und hoffen, dass die Proteste gehört werden und auf fruchtbaren Boden fallen.

Über das im März von Junker vorgestellte EU-Weißbuch waren deshalb viele enttäuscht, da es dem selbst gesetzten und angekündigten Maßstab, sich "mit den größten Herausforderungen und Chancen für Europa in den nächsten zehn Jahren auseinander" zu setzen nicht gerecht wurde.

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Es spielt in fünf Szenarien in einer Art Gedankenexperiment durch, wo die Union im Jahre 2025 stehen könnte. Leider blieb der von Vielen erhoffte mutige Schritt aus. Zu vorsichtig sind die Ideen im Weißbuch, zu sehr Binnenmarkt und zu wenig europäische Identität. Genau diese europäische Identität ist es aber, die die junge Generation sich wünscht, ja geradezu einfordert.

Es ist erstaunlich, wie die junge Generation mehr wissen möchte und sich einen vorurteilsfreien Umgang mit allen Europäern ersehnt. Dies haben mir Gespräche mit jungen Menschen aus dem Kosovo genauso gezeigt, wie aus UK, Finnland, Frankreich, Polen, Griechenland oder Deutschland.

Wir stehen vor einer großen Aufgabe

Die „Generation Jugend" hat die Hoffnung nicht aufgegeben, sondern formuliert sie ganz offensiv und ist dabei hoch solidarisch mit anderen. Dafür sind sie oft bereit, Mühen auf sich zu nehmen und Risiken einzugehen, unerschrocken nach vorne zu schauen, wo die älteren Mitglieder der EU mehr auf die Wahrung des Erreichten schauen.

Gleichzeitig stehen wir in Europa vor einer großen historischen Aufgabe, die Mut erfordert. Die EU ist das Friedensprojekt nach den Schrecken der zurückliegenden Kriege, sie ist das Versprechen und zugleich eine Herausforderung für uns alle und unsere Kinder, das ins Wanken geraten ist.

Das Dinners zwischen dem Kommissionspräsidenten Junker und der britischen Premierministerin vom Wochenende macht sehr deutlich, dass es am Ende um politisches Kalkül und nicht wirklich um das Beste für die Menschen in Europa geht.

Gekennzeichnet durch wirtschaftliche Probleme, Uneinigkeit in zentralen Fragen wie zum Beispiel dem Umgang mit und der Verteilung von Geflüchteten, den Verhandlungen zum Brexit oder die Wahlen in den Niederlanden oder Frankreich entsteht der Eindruck, dass sich die EU zu häufig im „Klein-Klein" des Tagesgeschäfts und einer allzu dominanten Bürokratie verhakt.

Von den Menschen in Europa werden zu geringe Einflussmöglichkeiten bemängelt, weshalb sich viele übergangen und nicht erst genommen fühlen. Das Verhältnis zwischen Nationalstaatlichkeit und EU ist zudem nicht deutlich. Das hilft radikalen Kräften, die keine Alternative aufzeigen, sondern einfach nur dagegen sein wollen.

Die EU muss mehr sein, als ein gemeinsamer Wirtschaftsraum

Was die EU nun leisten muss, ist eine gigantische Aufgabe. Sie muss den Menschen Sicherheit geben und Ängste nehmen. Sie muss eine gemeinsame Zukunft aufzeigen, die möglichst alle mitnimmt. Dazu muss die EU mehr sein, als ein gemeinsamer Wirtschaftsraum.

Diese soziale Dimension Europas steht im Zentrum dessen, was die jungen Menschen fordern, wenn sie auf die Straße gehen. Ein Europa, das für Freiheiten und Rechte eintritt und sie sichert, ihnen eine freie Presse garantiert, Wissenschaftsfreiheit und Erfahrungen in Europa ermöglicht - auch wenn sie im eigenen Land beschnitten werden.

Für die junge Generation ist die EU vor allen Dingen ein Versprechen für Chancen. Nach der Brexit-Entscheidung äußerten viele junge Erwachsene aus Großbritannien Sorgen darüber, dass ihre Chancen und Möglichkeiten in einer globalisierten Welt beschnitten würden und ihre Zukunft auf dem Spiel stehe. Außerdem hätten sie sich mehrheitlich gegen einen Austritt ausgesprochen und seien nun die Leidtragenden einer Entscheidung, die sie nicht mit zu verantworten hätten.

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Leider ist es auch richtig, dass vor allem Jungwählerinnen und -wähler den Wahllokalen in UK ferngeblieben sind und von dem Irrglauben ausgingen, dass die Wähler wohl nicht so ignorant sein könnten, für einen Brexit zu stimmen. Sich im Nachhinein zu grämen ist an dieser Stelle vielleicht nachvollziehbar, gleichzeitig hilft es dem politischen Diskurs nur dann, wenn bei der nächsten Entscheidung die jungen Wähler die Wahllokale aufsuchen.

Gerade am britischen Ergebnis für den Brexit wird deutlich, wie wichtig politische Bildung und politisches Wissen in den Schulen ist. Leider zeigen Erfahrungen, nicht zuletzt auch aus England, dass sie noch immer viel zu häufig stiefmütterlich behandelt wird.

Demokratie im nationalen wie im supranationalen Rahmen braucht Demokraten. Wir müssen deshalb dafür sorgen, dass jeder und jede befähigt ist, grundlegende Mechanismen und Verfahren unseres staatlichen Zusammenlebens nachzuvollziehen und bewusste Entscheidungen treffen zu können.

Das Model European Parliament (MEP) formuliert im Februar 2017 eine wesentliche Anforderung an die zukünftige Generation: „Education is essential for the future of the EU and a basic human right for all EU citizens. Providing high-level and accessible education equips the next generations of EU-citizens with the tools necessary to address and solve all societal challenges. There is no single issue in this treaty that can do without education. A radical change in the EU is needed to give education the priority status on the EU agenda it deserves."

Wir brauchen den Austausch, um eine gemeinsame Identität herzustellen

Es gibt viele gute Ansätze, Europa erfahrbar zu machen. Eine der besten Wege ist der Austausch. Schulen und Hochschulen nutzen diese Möglichkeit im hohen Maße. Der Anteil derjenigen, die Europa aktiv erfahren wächst beständig.

Europäische Begegnungen führen nicht nur zu europäischen Freundschaften, sondern auch zu bi-nationalen Ehen und zu bi-nationalen Kindern, die mit mindestens zwei europäischen Identitäten und Sprachen aufwachsen und sich ein Europa der Grenzen nicht mehr vorstellen können oder wollen.

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Viele junge Menschen sehen zudem für sich keinen Widerspruch zwischen ihrer europäischen und ihrer nationalen Identität - beide gehören für sie zusammen. Diverse Austausch- und Förderprogramme flankieren und fördern das Interesse am Reisen, Kennenlernen und an den direkten Erfahrungen - nichts hilft besser gegen Vorurteile und Unkenntnis, als Begegnung.

Vielleicht ist dies der Grund, warum die jungen Menschen Europas, wie selbstverständlich über nationale Grenzen hinweg reisen und mit einer gemeinsamen Währung aufgewachsen sind, die EU in so großer Zahl als Chance begreifen.

Die junge Generation eint die Hoffnung auf ein soziales Europa, ein Europa verschiedener Kulturen und dennoch geteilter und uneingeschränkter menschenrechtlicher Grundwerte. Sie wollen eine EU, die das „Wir" in den Vordergrund stellt und dabei ein europäisches Zusammenleben ermöglicht, statt Grenzen aufzubauen und Freiheiten abzubauen.

In mir wecken die Proteste der jungen Menschen Hoffnung dafür, dass das Projekt eines gemeinsamen Europas weiter bestehen und über die nationalstaatlichen Grenzen hinweg gestärkt wird. Ihren Wunsch und ihren Mut zum Wandel, sowie ihre Bereitschaft auch zu tiefgreifenden Veränderungen, im Sinne eines einigen Europas, gibt mir die Zuversicht, dass Europa nicht gescheitert ist.

Die junge Generation sollte am Diskurs über den besten Weg aktiv beteiligt werden, ihre Zukunftsvisionen liegen bereits in der Luft. Es ist die Vision eines solidarischen Europas, wie sie allwöchentlich bei „Pulse Of Europe" formuliert werden: „Wir wollen in Freiheit und Frieden miteinander leben und Europa gemeinsam gestalten."

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