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Trumps neuer Sicherheitsberater: Die Natobombardierung Jugoslawiens 1999 war ein totaler Fehlschlag".

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HERBERT RAYMOND MCMASTER
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Vom Feind zum Freund

„Trump der Serbe", jubelten serbische Medien nach dem Wahlsieg Donald Trumps - getreu dem Motto: Der Feind von gestern wird zum VerbĂŒndeten von heute wenn es den eigenen Zielen nĂŒtzt.

Die im Wahlkampf gezeigte Sympathie des neuen US-PrĂ€sidenten fĂŒr Russlands Amtsinhaber Putin ist fĂŒr Belgrad nicht nur die Rechtfertigung seiner bisherigen pro-russischen Politik sondern auch moralische Genugtuung gegenĂŒber BrĂŒssel. Denn dort wird bekanntlich die enge politische Anlehnung des offiziellen EU-Kandidaten Serbien an die vermeintliche Schutzmacht Russland mit wachsender Skepsis verfolgt.

Daß der unberechenbare neue Freund jenseits des Atlantik dann auch den Kosovo-Albanern zu deren 9. Jahrestag der UnabhĂ€ngigkeit von Serbien gratulierte war vermutlich Kollateralschaden, den es unter Seelenverwandten zu tolerieren gilt.

War Milosevic der tatsÀchliche Kriegsgewinner?

Doch nicht nur Trump lĂ€ĂŸt mit neuen Tönen aus Washington aufhorchen. Auch sein neuer nationaler Sicherheitsberater, Generalleutnant Herbert Raymond McMaster, 54, sorgte in serbischen Medien fĂŒr Schlagzeilen.

Sein GestĂ€ndnis, Serbiens ehemaliger PrĂ€sident Slobodan Milosevic (+2006) habe bei der Natobombardierung Jugoslawiens 1999 die Verteidigungsallianz nach Strich und Faden ausgespielt, das Kriegsende sei völlig in seiner Hand gelegen, salbt nicht nur serbisches Nationalbewußtsein.

Es lĂ€ĂŸt auch vermuten daß McMaster seinen Chef im Weißen Haus im Falle neuer gewaltsamer Konflikte auf dem Balkan vor erneuten Kriegsabenteuern eindringlich warnen wird. Eine Erkenntnis, die fĂŒr den krisengeschĂŒttelten Balkan weit mehr ist als empfehlende Prognosen fĂŒr eine ferne Zukunft.

Denn die militĂ€rischen Tendenzen und Strategien des bisherigen Weltpolizisten USA sind auch ein Paramenter fĂŒr die Risikobereitschaft der eigenen Politiker, einschließlich einer erneuten StĂ€rkung der hardliner welche nach wie vor ihre einstigen Kriegsziele verfolgen. Kosovo und Bosnien stehen hier in vorderster Front.

Wenn Arroganz die RealitÀt verdrÀngt

Schonungslos beschreibt McMaster in seinem 2003 erschienenen „Student Issue Paper: Defense transformation and the underlying assumption of dominant knowledge in future war" wie die ursprĂŒnglich auf 5 Tage einkalkulierte Bombardierung Rumpf-Jugoslawiens zum Albtraum des MilitĂ€rbĂŒndnisses wurde.

Falsche Strategien, militĂ€rische Überheblichkeit, schlampige Analysen der Nachrichtendienste und mangelnde Übereinstimmung von politischen und militĂ€rischen Zielen hĂ€tten zum totalen Fehlschlag der Mission gefĂŒhrt - bei einem Gegner, der technisch unterlegen war und sich mit veralteter russischer Technik verteidigte.

Es ist ein Blick hinter die Kulissen, der von haarstrĂ€ubenden FehleinschĂ€tzungen zeugt und nicht selten den Eindruck hinterlĂ€ĂŸt, die Nato habe sich mit „fake-news" zum souverĂ€nen Sieger kĂŒren wollen.

Der Wettlauf des Igels gegen den Hasen

So wurden nicht 450 serbische Artilleriegeschoße zerstört wie nach Kriegsende von Nato-Offiziellen behauptet sondern lediglich 20. Statt der vermeintlich 120 vernichteten Panzer betrug die tatsĂ€chliche Zahl 14.

Als Folge 78-tÀgiger non-stop-Bombardierung und 40 000 FlugeinsÀtzen seien nicht einmal 5 % der serbischen Kriegsmaschinerie und Kampfsysteme vernichtet worden.
Die Natooffiziellen wischten sich vermutlich auch die Augen, als nach Kriegsende nahezu die gesamte serbische Luftwaffe unversehrt aus einem Hangar bei Pristina auf den Landstraßen nach Belgrad zurĂŒckrollte.

...wenn die stÀrkste Luftwaffe der Welt Attrappen bombardiert

Serbische Improvisation, schreibt McMaster, ließ die technische Überlegenheit der Nato verpuffen. Mit Tarnung, TĂ€uschung oder Infiltrierung der eigenen Soldaten in Zivilkonvojs wurde das MilitĂ€rbĂŒndnis fast wie bei einer Köpenickiade manipuliert.

Von 3000 Bombenangriffen auf serbische Stellungen und Panzer trafen 500 nur aufgestellte Attrappen. Eine ganze Industrie hatte sich lange vor Kriegsbeginn mit der Anfertigung solcher Duplikate befaßt. Kaum hatten die SpĂ€hflugzeuge der Nato ihre Ziele fixiert, wurden Panzer und MilitĂ€rtechnik in den WĂ€ldern versteckt und durch Papp- oder Holzattrappen ersetzt.
Eine Methode die schon Jahre zuvor im Bosnienkrieg erfolgreich eingesetzt wurde, offenbar aber nicht zum Erkenntnisgewinn der Nato beitrug.

Zudem erwies sich die exakte Lokalisierung möglicher Ziele als schwierig da die serbische Luftabwehr die Natobomber zu einer Flughöhe ĂŒber 15 000 Fuß zwang.

Auch serbische Radarschirme gerieten kaum in Gefahr, vom Feind geortet zu werden. Sie wurden nur kurzfristig zur Erfassung der sich nĂ€hernden Nato-Kampfflugzeuge ausgefahren um anschließend wieder unsichtbar in Erdlöchern zu verschwinden.

Eine solche Manipuation des Radarschirms fĂŒhrte schließlich zum peinlichsten Verlust der USA: Schon am 3. Kriegstag war es dem serbischen Oberst Zoltan Dani gelungen, das Flaggschiff der US-Technologie, das angeblich unsichtbare und damit unzerstörbare F 117-Kampfflugzeug nahe Belgrad abzuschießen.

Versuchsobjekt Balkan?

Doch es war nicht allein die serbische Partisanen-Strategie, die die Planungsstrategen in Washington ĂŒberraschte. Die entscheidenden Fehler, so McMaster seien von den USA selbst gemacht worden.

Der damalige US-PrĂ€sident Bill Clinton habe den Balkan als eine Art Lackmustest fĂŒr kĂŒnftige MilitĂ€rstrategien gesehen, in welchen ohne eigene Verluste und allein auf LuftschlĂ€gen basierend ein Krieg gewonnen werden könne.

Um fĂŒr die Bombardierung Restjugoslawiens eine Abstimmung im Kongreß zu verhindern habe Clinton fatalerweise von vornherein die Entsendung von Bodentruppen ausgeschlossen - womit er Milosevic nicht nur ermöglichte, seine ethnischen SĂ€uberungen und Terroraktionen gegen die albanische Bevölkerung des Kosovo fortzusetzen sondern ihm auch die Gewißheit gab, die Luftangriffe der Nato aussitzen zu können.

Serbische Spione, vermutlich sogar innerhalb des Nato-Hauptquartiers, vereitelten jedes Überraschungs-Manöver. Sie informierten Belgrad nicht nur vorab ĂŒber Querelen innerhalb der USA sowie zwischen den Nato-VerbĂŒndeten sondern auch ĂŒber die geplanten Angriffsziele selbst.

Ein Vorteil, der die tatsĂ€chlichen SchĂ€den gewaltig reduzierte und der serbischen Armee Gelegenheit gab, Objekte wie etwa Kasernen samt MilitĂ€rausrĂŒstung rechtzeitig zu evakuieren.

Keine Ziele und Zoff unter den VerbĂŒndeten

Daß zahlreiche Ziele mehrfach bombardiert wurden hatte allerdings weniger mit dem Wunsch nach grĂŒndlicher Zerstörung zu tun als mit verzweifelter Suche nach neuen Objekten. Die Strategen in Washington hatten nicht die geringsten Zweifel gehegt, Milosevic werde spĂ€testens 5 Tage nach Kriegsbeginn kapitulieren. Warum also Zeit mit der Suche nach weiteren Zielen verschwenden.

Tausende neuer Ziele mußten buchstĂ€blich ĂŒber Nacht gefunden werden. Ein Großteil davon wurde wieder gestrichen, weil serbenfreundliche LĂ€nder wie Frankreich, Griechenland oder Italien trotz fortgesetzter BrutalitĂ€t der Serben gegenĂŒber den Kosovo-Albanern ihr Veto einlegten.

Der immer planlosere Bombenhagel ĂŒber Serbien und dem Kosovo, hĂ€ufig auf veralteten Karten und mangelnden nachrichtendienstlichen Informationen basierend, ließ auch die Zahl der KollateralschĂ€den auf mehr als 20 ansteigen.

Neben der Bombardierung der chinesischen Botschaft und den versehentlich ĂŒber Bulgarien abgeworfenen Bomben traf es KrankenhĂ€user, Schulen, ZĂŒge und FlĂŒchtlingskonvojs.

Niemand weiß genau, wie viele Bomben in der Adria versenkt wurden, weil diese nach witterungs- oder navigationsbedingten FehlschlĂ€gen nicht mehr zurĂŒckgebracht werden durften. Die offizielle Zahl von 238 dĂŒrfte weit untertrieben sein.

Ob auch uranangereicherte Munition bei den LuftschlÀgen eingesetzt wurde, darauf geht McMaster in seiner Studie nicht ein.

Task Force Hawk - eine potemkinsche Offensive

Eine der blamabelsten Aktionen war allerdings lt.McMaster die Stationierung von 24 Apache-Kampfhubschraubern in Albanien, um von dort aus EinsÀtze in Jugoslawien zu fliegen.

Der vorgesehene Flugplatz bestand aus Schlamm und stehendem Wasser, die Piste mußte erst durch angefahrenen Schotter flugtauglich gemacht werden, die Rampe glich einer MĂŒllkippe aus MilitĂ€rgerĂ€ten, Versorgungsmaterial und Reserveteilen. Mit 517 TransporteinsĂ€tze wurden 6000 Soldaten und MilitĂ€rtechnik eingeflogen.

Die Mission „Task Force Hawk" kam nie zustande. Sie wurde gestrichen nachdem 2 Testpiloten bei TrainingsflĂŒgen abgestĂŒrzt waren. Die nĂ€chtlichen EinsĂ€tze seien aufgrund des gebirgigen GelĂ€ndes und mangelnder BodenunterstĂŒtzung zu gefĂ€hrlich, hatte die MilitĂ€rfĂŒhrung entschieden..

Frieden dank Russland

Welch Aufatmen bei der Nato, als Milosevic nach 78-tĂ€giger Bombardierung schließlich einlenkte - allerdings nicht als Resultat einer vorhersehbaren Niederlage.

Neben der viel zu spĂ€t erfolgten Androhung von Bodentruppen war es lt. McMaster vor allem Russland , das den grĂ¶ĂŸten Anteil an der Kapitulation Milosevics trug.

In einer letzten diplomatischen Offensive hatte neben dem ehemaligen finnischen PrĂ€sidenten Martti Ahtisaari der russische UnterhĂ€ndler und ehemalige Premier Viktor Chernomyrdin Milosevic der Illussion beraubt, Moskau werde bei einer Fortsetzung des Kriegs zugunsten Serbiens eingreifen. Jelzin waren die Beziehungen zu den USA wichtiger als die UnterstĂŒtzung des von ihm ohnehin wenig geschĂ€tzten serbischen PrĂ€sidenten.

Serbische Medien hatten sich seinerzeit auf „Insider" berufen, wonach Chernomyrdin mit der flachen Hand ĂŒber den Konferenztisch gewischt und Milosevic gewarnt habe: ...so werde Serbien anschließend aussehen, eine WĂŒste mit Millionen von Toten, wenn er nicht aufgebe.

Bei kĂŒnftigen Kriegen: Sieg um jeden Preis

Technische Überlegenheit, so McMasters Fazit nach dem Desaster der Verteidigungsallianz im Kosovo-Krieg, reiche bei kĂŒnftigen Kriegsereignissen nicht mehr aus. Selbst die fĂŒr 2020 vorgesehene Perfektion von Kriegstechnik hĂ€tte beim Natoeinsatz 1999 kaum zu anderen Ergebnissen gefĂŒhrt, da die Analysen der Nachrichtendienste nicht auf detailliertem Wissen sondern ĂŒberwiegend auf Vermutungen basierten.

Die FehleinschÀtzung Milosevics trotz 4-jÀhriger diplomatischer Kontakte waren nur einer der entscheidenden fauxpas.

Obwohl die Vorbereitungen fĂŒr einen Luftkrieg gegen Rumpf-Jugoslawien vom Mai 1998 bis MĂ€rz 1999 dauerten, fehlten fundamentale Analysen ĂŒber die zu erwartende serbische Reaktion..

Das Hauptkriterium kĂŒnftiger Kriege mĂŒsse deshalb lt. McMaster die Gewißheit eines sicheren Sieges sein. DafĂŒr mĂŒĂŸten alle zur VerfĂŒgung stehenden Mittel eingesetzt und dĂŒrften Bodentruppe nicht grundsĂ€tzlich ausgeschlossen werden. Entscheidend seien jedoch nachrichtendienstliche Informationen, welche durch neue Techniken so zu optimieren sind daß sie dem Feind keine Chance gleichwertiger Informationsbeschaffung einrĂ€umen.

PrĂ€sident Trumps angekĂŒndigte Aufstockung des Atomwaffenarsenals und ein Anwachsen des Verteidigungsbudgets um 54 Milliarden Dollar trĂ€gt damit dem Konzept seines neuen Sicherheitsberaters Rechnung.

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