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Cannabis - der Weizen Albaniens

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CANNABIS
Getty Images
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Zufall? Gewiss nicht. Kalkül schon eher. Albanien will der Welt - aber vor allem der EU - demonstrieren, wie hart die Regierung beim Kampf gegen den illegalen Drogenhandel im eigenen Land durchgreift. Schliesslich soll in diesen Tagen der Rat der Außen- und Europaminister über einen Kandidatenstatus für das Balkanland entscheiden. Was also wäre geeigneter, die misstrauischen Europäer vom politischen Wandel in Tirana zu überzeugen, als eine werbewirksame Razzia gegen Cannabis-Bauern und -dealer.

Der Schauplatz: Das Dorf Lazarat im Süden Albaniens, rund 30 km von der griechischen Grenze entfernt. Über 500 Polizisten rückten am 15. Juni mit gepanzerten Fahrzeugen aus, um die „Cannabis-Hauptstadt" zu stürmen, deren auf 1000 Tonnen geschätzte jährliche Cannabis-Produktion mit rund 4,5 Milliarden Euro fast ein Drittel des Bruttoinlandsproduktes liefert. Die 2200 Einwohner-Gemeinde war schon in den vergangenen Jahren immer wieder Ziel der Drogenfahnder gewesen - wenngleich mit wenig nachhaltigem Erfolg hinsichtlich einer Reduzierung der Anbauflächen. Auch diesmal leisteten die Einwohner den erwarteten Widerstand: mit Mörsern, Panzerfäusten und Gewehren.

Ein Drittel der auf mehr als 300 000 Stück geschätzten Hanf-Pflanzen sei vernichtet, 5 Laboratorien entdeckt und 413 Häuser durchsucht worden, lautet die Erfolgsbilanz der Polizei. Einziger, wenn auch vorauszusehender Schönheitsfleck der Aktion: Die „Drogenbosse", denen man stets enge Beziehungen und finanzielle Morgengaben an Politiker nachsagt, sind längst über alle Berge. Die wenigen Verhafteten werden vermutlich als kleine Fische schon bald wieder ihrem einzigen Lebensunterhalt nachgehen: dem Cannabis-Anbau.

Die Einwohner von Lazarat vermuten ohnehin, dass die Aktion - neben dem Show-Effekt für die internationalen Medien - ein politischer Racheakt der führenden sozialistischen Partei unter Premier Edi Rama war. Denn Lazarat zählt zur Wähler-Hochburg der rivalisierenden Demokraten und wurde während deren Regierungszeit nur symbolisch mit Razzien verärgert.

Harz IV für Arme

Doch Lazarat ist nur die Spitze eines Eisbergs in einem Land, das Familienfehden noch immer mit Blutrache ahndet, in welchem Korruption zum Alltag zählt und Schmuggel viele zu Millionären machte, während Zehntausende damit überleben.

Cannabis-Plantagen seien Albaniens Weizen, versucht Arben den entspannten Umgang der Bevölkerung mit dem verbotenen Hanfanbau zu erklären - "eine Art Sozialhilfe". Hunderte von Dörfern im ganzen Land könnten sich nur durch den Anbau von Cannabis aus hoffnungsloser Armut retten und jede Regierung wisse, dass ein ernsthafter Kahlschlag des florierenden Gewerbes eine gefährliche Revolte in der Bevölkerung auslösen würde.

Als Dealerin ins Drogenland

Es hat sich vermutlich nicht viel verändert seit jenem Septembertag vor einigen Jahren, als ich eines dieser Dörfer besuchte, dessen einzige Einnahmequelle der Cannabis-Anbau ist.
Arben, mein albanischer Stringer, blickte mich eher verzweifelt an als ich ihn bat, eine Fahrt in ein albanisches „Drogendorf" zu organisieren. Er murmelte etwas wie „die schiessen bevor sie hallo sagen" erklärte mir dann aber sachlich, dafür müsse er jemand finden, der für uns garantiere und Kontakt zu einem Dorfbewohner habe.

Es vergingen einige Wochen und ich hatte die Idee bereits aufgegeben, als ich eines Morgens den Anruf erhielt: Wir können diese Woche starten.

Ab ins Flugzeug nach Tirana, von dort in Arbens krachender Karosserie - der Begriff Auto wäre übertrieben - in Richtung Vlora. In der südalbanischen Hafenstadt wartete unser „Garant": ein bulliger Albaner namens Ilir, mit Goldketten um Hals und Handgelenk, 3 Siegelringen an den Fingern und sichtlicher Nervosität. Autowechsel. Ilir fährt einen modernen, klimatisierten BMW und er will - wenn auch sichtbar mürrisch - uns in ein Dorf bringen, dessen 300 Einwohner ohne Cannabis-Anbau arbeitslos wären. Misstrauisch streift mich sein Blick: „Sie dürfen auf keinen Fall als Journalistin auftreten, sonst riskieren sie unser aller Leben." Die Idee, vom schauspielerischen Talent einer Frau abhängig zu sein, schien ihm im Nachhinein wohl wie ein Fallschirmflug ohne Reissleine.

Kurz nach Vlora zweigt die Strasse ins Landesinnere ab. Zwei Stunden quält sich das Fahrzeug - manchmal im Schritttempo - durch verlassene Landschaften, an Bergen, Tälern und Bauern vorbei, die uns stolz auf ihren Eseln entgegen reiten.

Und immer wieder tritt Ilir voll in die Bremspedale. Wieder eine Schafherde, die den Weg versperrt, flucht er. Bei solchen Manövern rutscht ihm dann regelmäßig die geladene Pistole aus der Jackentasche und landet irgendwo zwischen Sitz und Beinen. Während wir vereinbaren, dass er mich als Dealerin aus Holland vorstellen werde, sind auf der linken Seite die ersten Cannabisfelder zu sehen - eingebettet zwischen sanften Hügeln scheinen sie sich fast ins Unendliche hinzuziehen. Irgendetwas muss die Polizei ja abbrennen können, sagt Ilir sarkastisch und fügt an: „Die tatsächlichen Plantagen liegen weit entfernt. Die an der Peripherie sind nur da, damit die Regierung gelegentlich mit ihrem Kampf gegen den Drogenanbau punkten kann."

Meine beiden Begleiter werden zunehmend nervöser und langsam begreife ich, dass ihre Warnungen keine Hommage an den eigenen Mut sind. Ich nutze die Zeit, um einen Schnellkurs in Sachen Cannabis zu absolvieren. Wieviel Geld soll ich pro Kilo anbieten? 50 Euro. Welchen Transport soll ich vorschlagen? Wird vereinbart. Welche Mengen werden normalerweise abgenommen, in welcher Packungsgröße, wann wird bezahlt?

Endlich ist das Ziel erreicht. Ein Ortsschild fehlt und der Ort selbst ist für Fahrzeuge unpassierbar. Eine Hängebrücke - nein, eher eine wacklige Pritsche über einen breiten Bach - ist der einzige Zugang und ein konditioneller Albtraum für mich.

Wovon sollen wir sonst leben?

Das Haus der Familie Bataj wird durch hohe Mauern vor neugierigen Blicken geschützt. Eine alte, schwarz gekleidete Frau mit zwei verbliebenen Zähnen umarmt Ilir und führt uns ins ein Wohnzimmer mit ungestrichenen Wänden, einem provisorischen Holztisch und unebenem Steinboden. Es gibt keinen Fernseher, nur ab und zu bringt ein Besucher eine Zeitung mit. Was in der Welt passiert, weiss die Hausherrin nicht und will es auch gar nicht wissen.

Sie erhalte keine Rente, erzählt sie, doch von irgendetwas müsse man schliesslich leben. Nebenan, in einem verdunkelten Raum, wird die Ernte im Herbst in Säcke verpackt und gelagert. Eine Pressmaschine ist zu teuer. 500 Kilo könne sie allerdings sofort an mich verkaufen, bietet die Hausherrin an, "es seien noch Vorräte vom letzten Jahr auf Lager".

Im Garten, zwischen Weinreben und Gemüse, wachsen einige gut drei Meter hohe Cannabisstauden - um Interessenten die Qualität der Ware vorzuführen. Schliesslich will nicht jeder einen mehrstündigen Fussmarsch zu den tief in den Wäldern versteckten Plantagen auf sich nehmen.

Apropos Qualität: Bauer Ismail, der gerade von der Bewässerung seiner Felder zurückkommt, verrät sein Geheimrezept für das prächtige Gedeihen seiner Stauden. Er dünge die Felder im Frühjahr mit frischem Tierblut. Vor einigen Jahren habe er es auch mit sogenannten „Wundersamen" aus der Türkei versucht, aus welchen sich angeblich auch Kokain herstellen ließe - allerdings ohne Erfolg.

Gute Freunde - bei der Polizei ...

Die Razzien der Drogenbekämpfungs-Einheiten berunruhigen die Familie Bataj nicht. Natürlich sei die für die Drogenbekämpfung zuständige Einheit gezwungen, manchmal etwas zu vernichten. Aber das geschehe angesichts der Armut der Bevölkerung nur sporadisch. Zudem werde man von guten Freunden stets vorgewarnt. „Manchmal fordern wir sogar selbst Polizeieinsatz", gesteht Ismail, "nämlich dann, wenn es Streit mit einem konkurrierenden Dorfnachbarn gibt, der sich eine Monopolstellung verschaffen will. Dessen Felder lassen wir dann bei der Aktion vernichten. Es hilft auch der Regierung, wieder Erfolge bei der Bekämpfung des Haschisch-Anbaus vorzuweisen und im Westen guten Willen zu demonstrieren."

Verhaftungen auf diesem niedrigsten Niveau des Cannabis-Anbaus sind eher selten. „Wenn wir von einer Razzia erfahren, verstecken wir uns einige Tage im Wald", erklärt Ismail, "zuhause bleibt in solchen Fällen nur die Großmutter." Nach ein paar Stunden Wartezeit würden die Polizisten wieder abziehen, manchmal forderten sie eine symbolische Strafgebühr. Sollten einige übereifrige Gesetzeshüter dennoch den Fussmarsch in die Wälder nicht scheuen, sind die Eigentümer der Felder nicht feststellbar."

Im Herbst wird die Familie wieder entscheiden müssen, ob sie ihre Ware zu niedrigeren Preisen an einen Zwischenhändler aus einem der größeren Nachbarorte verkauft oder die getrockneten Pflanzen selbst - versteckt unter Maiskolben - nach Vlora transportiert. Dort ist zwar der Profit, aber auch das Risiko, höher. Die endgültige Abwicklung bleibt professionellen Dealern überlassen, die dann pro Kilo oft den 30-fachen Preis erzielen.

Zustellung garantiert ...

Über „meine Lieferung" nach Holland brauche ich mir keine Sorgen zu machen, versichert Ismail und zieht aus einer Schublade eine Skizze mit den Umrissen Albaniens hervor. Hier - er zeigt auf eine langgezogene Landzunge in der Buch von Vlora - auf der Halbinsel Koraburun und der vorgelagerten Insel Sazan, einer ehemaligen russischen U-Boot-Basis, würden nach Einbruch der Dunkelheit die italienischen Boote mit vier Motoren und 500 PS anlegen. Für die 74 Meilen lange Strecke zwischen der albanischen Adriaküste und Italien via der Strasse von Ortranto benötigten sie kaum eine Stunde. Von Italien würden die gepressten Marihuana-Pakete weiter ins restliche Europa transportiert.

Waren es früher überwiegend Emigranten aus der ganzen Welt, Prostituierte oder Zigaretten, welche die Besitzer der Schnellboote fast im Halbstundentakt von Vlora nach Italien chauffierten und die Hafenstadt zur wohlhabendsten Gemeinde des Landes und zum Zentrum der Schmuggler-Mafia machten, sind mittlerweile die Drogentouren das Tor zum schnellen Reichtum.

Allerdings werde die italienische Polizei immer unberechenbarer und die Cannabis-Bauern in der Elbasan-Region nahe der griechischen Grenze würden mittlerweile den Markt beherrschen. Vor deren Ideenreichtum kann Ismail nur den Hut ziehen. Nicht nur Lkws mit doppeltem Boden kämen beim Transport zum Einsatz, sondern auch mit Zuckerstücken dressierte Esel. Kommen die Lasttiere an, würden sie vom Abnehmer empfangen - gerieten sie in die Fänge der Polizei, gäbe es keinen Absender.

Und dann passiert es doch noch: das Unerwartete. Ismail hält mir einen Cannabis-Wedel, frisch gepflückt im Garten, vor die Nase: Testen sie, fordert er stolz. Wie zum Teufel testet man die Qualität von Cannabis?! Zwirbelt man die Blätter zwischen den Fingern, riecht man, wird der Stiel begutachtet? Meine beide Begleiter, die bereits entspannt ihren Kaffee schlürften, blicken mich ausdruckslos starr an. Ich versuche, alle Varianten gleichzeitig vorzunehmen und nicke wohlwollend. Es funktioniert.

Die Dunkelheit ist längst hereingebrochen, als wir zur Heimreise aufbrechen. Schon nach wenigen Kilometern rümpfe ich die Nase: was für ein merkwürdiger Geruch! Es ist „Gras" aus der letzten Ernte, das in gepressten Ballen, gestapelt auf Dutzenden von Fuhrwerken am Wegesrand, nach Sonnenuntergang auf seine Käufer - sprich Dealer - wartet.

Ilir verabschiedet sich in Vlora, sichtlich erleichtert und mit einem Kompliment für mein schauspielerisches Talent. "Ist Ilir ein enger Verwandter der Familie Bataj?", frage ich Arben auf dem Weg nach Tirana. Er lacht. Nein, er ist einer der Leiter der Spezialeinheit zur Drogenbekämpfung in Vlora und für deren Einsätze zuständig. Und für die rechtzeitige Information an die Cannabis-Bauern.

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