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Den Islam reformieren? Nein, einfach in Ruhe lassen!

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
MOSCHEE
ASSOCIATED PRESS
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Einer der Gr├╝nde, warum sich die t├╝rkische und auch andere Einwanderercommunities vom vorherrschenden Diskurs innerhalb der Mehrheitsgesellschaft abwenden ist, dass dieser vielfach den Eindruck erweckt, sein einziger Zweck sei die Selbstvergewisserung im eigenen Narrativ.

Europa - denn dieser Begriff hat unter wohlerzogenen Deutschen des urbanen Bildungsb├╝rgertums das Wort "Deutschland" weitgehend ersetzt - ist demnach immer noch im Grunde der Nabel der Welt.

Dank seiner "Aufkl├Ąrung" sei es seit mehr als 200 Jahren die Spitze der Zivilisation und im Grunde m├╝sse eigentlich Jedermann von Moskau ├╝ber Ankara bis nach Washington endlich begreifen, dass am europ├Ąischen Wesen die Welt zu genesen habe.

Dieses - formulieren wir es einmal diplomatisch - ├╝beraus ambitionierte Anspruchsdenken findet auch nach innen seine Entsprechung.

So herrscht unter den politischen und medialen Meinungsf├╝hrern die ├ťberzeugung vor, dass unter anderem auch der Islam als, infolge der Einwanderungsbewegungen der letzten Jahrzehnte mittlerweile, in unserem Land stark vertretene Religion die gleichen Prozesse durchlaufen m├╝sse wie das Christentum in westlichen L├Ąndern, n├Ąmlich eine "Reformation" und eine "Aufkl├Ąrung".

Schaffung eines "Euro-Islam" ist zum Scheitern verurteilt

Dass diese unter anderem den Drei├čigj├Ąhrigen Krieg, zwei Weltkriege, jede Menge "moderne" totalit├Ąre Diktaturen und V├Âlkermorde nicht verhindern konnten, l├Ąsst man lieber unerw├Ąhnt auf seiner Mission.

Das Ansinnen des "Reformierens" des Islam ist dem europ├Ąischen Mainstream offenbar so wichtig, dass die Stiftungen deutscher, politischer Parteien gar eigene Islamverb├Ąnde gr├╝nden, Sigmar Gabriel einen "Staatsislam" schaffen will und James ├ľtzdemeier die Ditib als seinen Hauptfeind entdeckt.

Dass das Projekt der Schaffung eines "Euro-Islam", "deutschen Islam", oder wie man das auch immer nennen will, von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, k├Ânnte man dann erkennen, wenn man tats├Ąchlich - war das eigentlich nicht auch ein Gedanke der Aufkl├Ąrung? - versuchen w├╝rde, sich ein gewisses Ma├č an Grundwissen ├╝ber die Vielgestaltigkeit dieser Weltreligion mit 1,6 Milliarden Angeh├Ârigen anzueignen und nicht nur seine eigenen Vorurteile dar├╝ber zu kultivieren.

Ich bin wei├č Gott kein Vorbild an religi├Âser Fr├Âmmigkeit und w├╝rde mir daher auch nicht anma├čen wollen, im Namen irgendwelcher Verb├Ąnde zu sprechen oder gar mich selbst als authentischen Sprecher muslimischer Communities zu inszenieren.

T├╝rkische Islamverb├Ąnde darf man nicht marginalisieren

Was ich aber mit Sicherheit sagen kann, ist, dass jemand, dem am religi├Âsen Frieden in Deutschland gelegen ist, bei wachem Verstand nicht wirklich ernsthaft das Ziel verfolgen kann, die t├╝rkischen Islamverb├Ąnde zu marginalisieren.

Es ist f├╝r selbsternannte "Islam-Reformer" in Deutschland zwar sicher angenehm durch Empf├Ąnge mit Politikern und durch die Medien gereicht zu werden, Schulterklopfen zu ernten und gut dotierte, vom Staat bezahlte Posten als Hochschul-Islamwissenschaftler auszuf├╝llen.

Allerdings f├╝hren diese Leute vor allem Selbstgespr├Ąche und reden an der Mehrheit der islamischen Community, vor allem an den Arbeitern, Handwerkern und Kleinunternehmern innerhalb der Einwanderer-Communitiess vorbei, dort, wo der reale Islam praktiziert wird.

Auf der anderen Seite w├╝rde ein Zur├╝ckdr├Ąngen der t├╝rkischen Verb├Ąnde wie der Ditib zur Folge haben, dass deren eigentliche globale Konkurrenz auf dem Markt der Islamangebote auf Kosten der moderat-konservativen t├╝rkischen und sufistischen Traditionen profitieren w├╝rde.

Die Vielfalt tut der deutschen Gesellschaft gut

Das ist aber nicht irgendein europ├Ąisierter, "liberaler" Islam, der au├čer der Politik und jenen Protagonisten, die damit Geld vom Staat verdienen, niemanden interessiert, sondern der von Saudi-Arabien aus gesteuerte Wahhabismus, der heute auch l├Ąngst Jugendliche in seinen Bann zieht, die keinerlei islamische Pr├Ągung aufweisen.

Die Ditib, die im ├ťbrigen von Atat├╝rk geschaffen wurde, hat daf├╝r gesorgt, dass Gruppen wie IS, Boko Haram oder Al Qaida in der T├╝rkei kein Bein auf die Erde bekamen und auch in der t├╝rkischen Einwanderercommunity keinen R├╝ckhalt entfalten konnten.

Der in der t├╝rkischen Community praktizierte Islam reicht von stark s├Ąkularisierten Formen ├╝ber fromme, konservative Traditionen des Volksislam bis hin zu den mystischen. Ich denke mit einer solchen Vielfalt ist man bisher gut gefahren und es w├╝rde auch der deutschen Gesellschaft gut tun, wieder damit leben zu lernen, dass es eine solche Vielfalt gibt.

Die Tatsache, dass nach Jahrzehnten immer noch ├╝ber die Integration junger Muslime aus der Einwanderercommunity geredet und diese regelm├Ą├čig zerredet wird, liegt weniger an der Unvertr├Ąglichkeit des Islam, sondern daran, dass in Deutschland und weiten Teilen Europas eine falsche Vorstellung von Integration vorherrscht, die im Grunde auf eine Assimilation hinausl├Ąuft.

Religi├Âses Leben in der Familie gibt jungen Menschen Ordnung

Hintergrund dessen d├╝rften bereits aus der Zeit der Reichsgr├╝ndung (als man das gleiche Spiel mit Katholiken abgezogen hatte) herr├╝hrende, etatistische Vorstellungen sein, die zum einen den Staat als oberste Erziehungsinstanz betrachten, zum anderen immer noch eine m├Âglichst gro├če Homogenit├Ąt innerhalb der Gesellschaft anstreben.

Fr├╝her war das um m├Âglichst f├╝gsame Soldaten oder Flie├čbandarbeiter zu bekommen, heute spielt wohl eher eine Harmoniesucht mit, die aber offenbart, dass man mit Verschiedenheit nicht umgehen kann.

Ich betrachte diese Vorstellungen als r├╝ckst├Ąndig und gef├Ąhrlich, nicht konservative Auslegungen von Religionen. Im Gegenteil: Wie Untersuchungen des britischen MI6 zeigen, ist eine profunde, konservative religi├Âse Erziehung im Elternhaus eher ein Faktor, der junge Menschen davor bewahrt hat, sich salafistischen oder anderen extremistischen Gruppen anzuschlie├čen.

Religi├Âses Leben in der Familie gibt jungen Menschen Ordnung, Struktur, Rituale und Stabilit├Ąt. Wenn es Familien und traditionellen Verb├Ąnden unm├Âglich gemacht wird, ihnen dies zu geben, geben es ihnen die Hetzer und Verf├Ąlscher.

Trennung von Staat und Religion

Deshalb sollte man endlich von einem S├Ąkularismusverst├Ąndnis Abschied nehmen, wie es in Europa vorherrscht, n├Ąmlich dass man zwar z├Ąhneknirschend noch die Religionsfreiheit beachtet, weil sie in der Verfassung steht, aber doch im Grunde an die Menschen die Erwartungshaltung richtet, diese m├Âgen doch bitte langsam mal ihre Religion ablegen, weil die Mehrheit f├╝r so etwas zu "progressiv" ist.

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Nirgendwo kann die Politik aus der Verfassung einen Auftrag herleiten, daf├╝r zu sorgen, dass die B├╝rger "modern" und "progressiv" denken. Die Verfassung l├Ąsst es vielmehr komplett offen, wie links, rechts, modern, reaktion├Ąr, progressiv oder anarchistisch jemand denken darf, solange er sich an allgemeine, verfassungskonforme Gesetze h├Ąlt. Sie setzt aber zu Recht staatlichen Gesellschaftsexperimenten Grenzen und dem Anspruch der Politik, das Volk zu erziehen.

Ich bin f├╝r eine Trennung von Staat und Religion, allerdings im Sinne einer wohlwollenden Neutralit├Ąt, wie man es aus den USA kennt. Der Staat sollte sich gegen├╝ber allen Religionen neutral verhalten und akzeptieren, dass f├╝r viele Menschen ihre Religion ein elementarer Teil ihrer Identit├Ąt und ihrer Pers├Ânlichkeit ist.

Das hei├čt aber auch, dass der Staat das elterliche Erziehungsrecht und die T├Ątigkeit der Verb├Ąnde akzeptiert und sich nicht in die Belange der Religionen einmischt, etwa durch von der Politik gegr├╝ndete Islamverb├Ąnde oder staatlich gesteuerte Islam-Lehrst├╝hle.

Umgekehrt sollten die Religionsgemeinschaften sich ausschlie├člich selbst finanzieren, ob durch Spenden, ├╝ber Stiftungen oder sonstige Finanzierungsoptionen, sollte ihnen ├╝berlassen bleiben. Auch die Ausbildung ihrer Lehrer und den Unterricht sollen sie dann selbst organisieren.

Einer solchen Praxis steht in Deutschland mit Blick auf die christlichen Kirchen das Konkordat im Wege. Welche Konsequenzen die Mehrheitsbev├Âlkerung daraus zieht, soll sie selbst entscheiden.

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Mehr zum Thema T├╝rken in Deutschland findet ihr hier.

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