BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Remo H. Largo Headshot

Kluft zwischen den Generationen: Warum sich viele Kinder in der Schule so schwer tun

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KIND SCHULE
iStock
Drucken

Kaum jemand im deutschsprachigen Raum hat sich mit dem Thema Kindererziehung wohl so lange und lebensnah beschäftigt wie der Schweizer Kinderarzt Remo Largo. Sein Buch "Babyjahre" gehört seit Jahrzehnten zur Grundausstattung junger Eltern.

Für Largo steckt schulisches Lernen in einer Sackgasse. Aufbauend auf seinen jahrzehntelangen Forschungen plädiert er für einen achtsamen und vertrauensvollen Umgang mit Kindern, denn: Lernen geht anders.

Es existiert eine Kluft zwischen den Generationen. Gelegentlich bekommt man den Eindruck, Eltern und Lehrer gehörten einer anderen Zeit an als die Kinder - was das Erziehen und Unterrichten kompliziert und anspruchsvoll gestaltet.

Eine Kontinuität der Traditionen lässt sich beim besten Willen kaum mehr aufrechterhalten. Während sich die jungen Menschen scheinbar mühelos laufend Neues aneignen, erleben die älteren eine enorme Entwertung ihrer eigenen Lebenserfahrung.

Mehr zum Thema: Kindern ist der Wille zum Erfolg angeboren - doch dann machen viele Eltern einen Fehler

In der Vergangenheit verfügte der ältere Mensch auf Grund seiner Jahrzehnte langen Erfahrungen über eine natürliche Autorität und wurde als Ratgeber geschätzt.

Dem Bildungssystem fällt das Loslassen von Altlasten außerordentlich schwer

Nun hat der technische Fortschritt, vor allem im IT-Bereich, sowie die Globalisierung und allgemeine Verfügbarkeit von Informationen diese Hierarchie zumindest nachhaltig erschüttert, wenn nicht umgedreht.

Mit diesen kulturellen und technologischen Umwälzungen haben Kinder und Jugendliche kein Problem, umso mehr aber die Erwachsenen. Deren Wertvorstellungen werden in Frage gestellt, ihr Wissensmonopol erweist sich als brüchig und ihre Kompetenzen altern im Schnellzugtempo.

Mehr zum Thema: Kinderarzt Remo Largo erklärt: Mit diesem Fehler schaden Eltern ihren Kindern

Es ist wohl ebenfalls erstmalig in der Menschheitsgeschichte, dass die junge Generation in wichtigen Bereichen kompetenter ist als die ältere. Die kulturellen Verwerfungen stellen soziale Hierarchien in Frage und bringen sie sogar zum Einsturz, was die älteren Menschen verständlicherweise sehr verunsichert.

Es führt kein Weg an der Einsicht vorbei: Die noch immer begrenzte Medienkompetenz vieler Eltern und Lehrer darf kein Tabuthema mehr sein, weil es die Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen beeinträchtigt. Eltern und Lehrer sollten bereit sein dazuzulernen.

Dem Bildungssystem fällt das Loslassen von Altlasten außerordentlich schwer. Ein wesentlicher Teil der schulischen Überforderung, unter der Kinder, Eltern und Lehrer leiden, entsteht dadurch, dass immer mehr von den Kindern verlangt, im Gegenzug aber nichts weggelassen wird.

2017-06-20-1497957385-7066081-HuffPost1.png
Erste Worte, erstes Durchschlafen - und der erste Kita-Platz: All das ist Thema in unserer Eltern-Gruppe bei Facebook. Meldet euch hier an.

Zusätzlich drängen neue Themen in die Schule, die die Jugendlichen wirklich bewegen, mit denen sich die Schule aber schwer tut.

Wer sich dem Fortschritt nicht stellt, der bestraft seine Kinder

Dazu gehören ethische Fragestellungen, wie beispielsweise: Warum sind Reichtum und Armut in der Welt so ungerecht verteilt? Oder Jugendliche wollen sich mit ökologischen Problemen wie Klimawandel, Co2-Verbrauch und Atomenergie und anderen globalen Themen, die ihre Zukunft mitbestimmen werden, auseinandersetzen.

Das könnte euch auch interessieren: Eine Pädagogin warnt: Viele Eltern lassen sich von ihren Kindern dominieren - und schaden ihnen damit

Wenn das Bildungssystem weiterhin versucht, an Althergebrachtem festzuhalten und sich dem Neuen zu verweigern, dann wird es in Abwandlung von Gorbatschows Diktum schmerzhaft lernen müssen: Wer sich dem Fortschritt nicht stellt, der bestraft seine Kinder.

Dann findet der Fortschritt zunehmend außerhalb von Familie und Schule statt. Damit soll in keiner Weise einer undifferenzierten Fortschrittseuphorie gehuldigt werden, aber das Bildungssystem muss, wenn es das wertvolle kulturelle Erbe in die nächsten Generationen retten will, kritisch seine eigene Haltung hinterfragen, offen für Veränderungen sein und Altlasten zügig abtragen.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Lernen geht anders - Bildung und Erziehung vom Kind her denken" von Remo H. Largo.

2017-08-31-1504185992-5212921-csm_lernen_geht_anders_29_cf199d04ac.jpg

Edition Körber
ISBN: 978-3-89684-078-3

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

googletag.pubads().setTargeting('[cnd=cld]').display('/7646/mobile_smart_us', [300, 251],'wxwidget-ad');