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6000 Neonazis reisten für ein Konzert nach Thüringen - und die Politik hat das noch unterstützt

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NAZIFREI
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Rechtsrock, Hitlergrüße und viel Bier. Am Samstag ist Europas rechtsextreme Szene zum sogenannten "Rock gegen Überfremdung" in die südthüringische Kleinstadt Themar gereist. Auf 3000 Einwohner kamen dort an diesem Tag doppelt so viele Neonazis.

Wir vom Bündnis gegen Rechtsextremismus wurden davon nicht überrascht. Bereits seit Jahren organisiert Tommy Frenck in der Gegend Rechtsrock-Konzerte - mit zunehmend größerem Zulauf. Die Neonazis, die ich in Themar gesehen habe, waren nicht nur ein bisschen rechts. Es war die Hardcore-Naziszene aus ganz Deutschland und Europa.

Mitglieder unseres Bündnisses berichteten von einer Gruppe Rechtsextremer, die mit Hitlergruß über den Marktplatz marschierte. Das verbotene Zeichen wurde auch während des Konzerts zuhauf gezeigt, das belegen Videos vom Abend.

Mitglieder der Turonen - eine extrem rechte Rockergruppe - haben das Großevent maßgeblich unterstützt.

Der Organisator brachte Gruppen zusammen, die sich normalerweise bekämpfen

Für die Szene sind solche Veranstaltungen sehr wichtig: Organisator Frenck ist ein Netzwerker. Er hat in Themar verschiedene Neonazi-Gruppen zusammengebracht, die sich normalerweise bekämpfen. Das stärkt die Szene enorm, auch weit über Thüringen hinaus.

Auch der finanzieller Faktor ist wichtig. Grob überschlagen könnten am Wochenende deutlich über 100.000 Euro Gewinn erzielt worden sein - Geld, das direkt wieder zurück in rechte Strukturen fließt.

Immerhin hat unser Plan funktioniert, die Rechten nicht in die Stadt zu lassen: Das Konzertgelände lag etwas außerhalb. Wir hatten an allen Zufahrtsstraßen zur Stadt Versammlungen angemeldet. Somit musste die Polizei an diesen Stellen präsent sein. Damit war die Stadt abgeschirmt. So wurde Themar nicht von Rechten geflutet, wie es schon früher etwa im benachbarten Hildburghausen geschehen war.

Unser spontanes Bündnis war erfolgreich. Wir haben einen sehr guten Protest auf die Beine gestellt. Hier in der Provinz bauen wir nicht auf große Teilnehmerzahlen - die waren am Wochenende sowieso illusorisch. Was zählt, sind die Signale, die von Themar ausgegangen sind: Die ganze Stadt war voll mit Plakaten gegen das Konzert und gegen Rechtsextremismus.

Politik und Verwaltung haben das Konzert nicht ernst genug genommen

Dennoch haben die Politik und die öffentlichen Verwaltung das Konzert nicht ernst genug genommen, seine Bedeutung unterschätzt. Denn im Vergleich zum Vorjahr sind doppelt so viele Neonazis nach Themar gereist.

Der Landkreis hat seine Hebel nicht genutzt - oder wollte sie nicht nutzen. Den Neonazis wurden keine Steine in den Weg gelegt. Eher ist ihnen noch zugearbeitet worden.

Zwei Beispiele:

Zum einen war das Konzertgelände bereits am frühen Abend total überfüllt. Doch anstatt den Zustrom der Leute zu stoppen und sie nach Hause zu schicken, ordnete die Verwaltung an, eine benachbarte Privat-Wiese zu nutzen. Deren Besitzer wurde nicht gefragt.

Zum anderen hatte Organisator Frenck Probleme, genug Parkplätzen für die vielen Autos der Konzertgäste zu finden. Kurzerhand stellte die Verwaltung öffentliche Flächen zur Verfügung. So etwas würde es bei keiner anderen Veranstaltung geben.

Diese Geschichten machen uns wütend. Wie kann die öffentliche Hand so ein rechtes Event auch noch durch ihr Handeln unterstützen?

Das, was am Wochenende in Themar passiert ist, muss jetzt Anlass genug sein, dass nächste Konzert zu unterbinden.

Viel Zeit bleibt nicht. Denn das nächste Rechtsrock-Event soll bereits am 29. Juli stattfinden.

Der Text wurde von Marco Fieber protokolliert.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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