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Die Ursachen von Hass und Wut in Deutschland

03/09/2015 08:39 CEST | Aktualisiert 03/09/2016 11:12 CEST
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In diesen von Aggressionen aufgeladenen Zeiten in aller Welt fragen wir uns häufig, woher kommt all diese Wut und dieser Hass. Der Blick in die täglichen Nachrichten mit ihren Darstellungen von aggressiven Handlungen ist für viele Menschen erschreckend.

Es ist für viele von uns unverständlich und es bleibt meist eine offene Frage, wie Menschen dazu kommen, einzelne oder ganze Gruppen zu missachten, zu misshandeln, zu foltern oder sogar zu töten. Unsere Reaktionen sind häufig Hilflosigkeit, Ablehnung, oder auch manchmal Wut und Hass auf diejenigen, die so etwas tun.

Es ist nicht sinnvoll, Menschen, die mit anderen verächtlich, gewalttätig und grausam umgehen, ebenso zu behandeln, wie sie es tun und sie entsprechend anzugreifen und zu beleidigen, wie es sogar - obwohl sie es besser wissen müssten - manche Politiker tun.

Das führt nur zu weiterer Eskalation, denn Menschen wollen akzeptiert werden, so wie sie sind und werden oft aggressiv, wenn sie sich ausgegrenzt und nicht wertgeschätzt fühlen

Ich möchte an dieser Stelle eine andere Sichtweise vorstellen, die einen Ausweg aus dieser Eskalationsspirale ermöglichen kann.

Unerfüllte Wünsche

Wir haben seit Jahrhunderten gelernt, Fühlen und Denken voneinander zu trennen. Sowie wir jedoch Gefühle aller Art als unser schnelles Informationssystem begreifen, bekommen Wut, ebenso wie Ärger und Unzufriedenheit eine ganz andere Bedeutung.

Unzufriedenheit, Ärger und Wut zeigen an, dass wir unerfüllte Wünsche haben.

  • Bei Unzufriedenheit wissen wir noch gar nicht, was wir wollen, wir müssen es erst herausfinden.

  • Bei Ärger wissen wir nur, dass wir das, was wir gerade bekommen haben, nicht wollen und auch bei diesem Gefühl ist es unsere Aufgabe, herauszufinden, was wir stattdessen haben wollen.

  • Wut entwickeln wir, wenn wir einen bedeutsamen Wunsch haben, der uns schon öfter abgeschlagen wurde und nun wieder nicht erfüllt wird.

Für Menschen als sozial lebende Wesen sind bestimmte Wünsche und Wunscherfüllungen existenziell. Menschen wollen wahrgenommen werden, zu anderen dazugehören und eine Bedeutung für sie haben, sie wollen eine Wirkung auf andere haben und geachtet, in ihrer Autonomie respektiert und wertgeschätzt werden.

Vielen Menschen - insbesondere Menschen aus anderen Kulturkreisen - sind diese Wünsche sehr häufig nicht erfüllt worden und wir müssen davon ausgehen, dass die fehlenden Wunscherfüllungen nach Anerkennung, Wertschätzung, nach Wirkung und Bedeutung bei den betroffenen Menschen zu einem immer größeren inneren Defizit und entsprechender Wut führen können.

Denn ein Gefühl von Wut in einer Person entsteht - wie gesagt - wenn ihr ein schon oft gespürter oder sogar geäußerter existenzieller Wunsch wieder einmal abgeschlagen wird.

Der Sinn von Wut

Wir können diesen Prozess jederzeit selbst überprüfen. Wenn wir uns missachtet oder ausgegrenzt fühlen, wenn wir nicht beachtet oder nicht ernst genommen werden, wenn wir mit unseren Handlungen keine Wirkung und keine Spuren beim anderen hinterlassen, wenn wir gedemütigt oder abgelehnt werden, ist ein Gefühl von Wut die Reaktion.

Wut weist uns darauf hin, dass uns unsere existenziellen Wünsche gerade wieder einmal nicht erfüllt worden sind. Wut muss man nicht agieren, sie stattet uns allerdings mit der notwendigen Energie aus, um für eine Wunscherfüllung zu sorgen und z. B. dem Gegenüber - eventuell auch mit einer wütenden Stimme - zu sagen:

  • Ich bemühe mich, ernst zu nehmen, was du sagst, ich möchte, dass du auch ernst nimmst, was ich sage
  • Ich bemühe mich, zu verstehen, was du möchtest und ich möchte, dass du dich auch darum bemühst.
  • Ich bemühe mich darum, dich zu unterstützen und ich wünsche mir von dir, dass du das auch tust. Usw.

Hass will vernichten

Ein Gefühl von Hass weist auf etwas anderes hin. Hass ist meiner Ansicht nach ein Gefühl, welches den Wunsch beinhaltet, etwas zu vernichten. Da wir soziale Wesen sind, bedeuten uns Beziehungen zu anderen Menschen sehr viel.

Wenn eine Person etwas sagt oder tut, was ich intensiv ablehne und wodurch ich eine große Distanz zwischen mir und einer anderen Person empfinde, dann werde ich möglicherweise auch ein Gefühl von Hass in mir spüren.

Ich möchte das, was mich und die andere Person trennt, vernichten, denn erst dann kann ich mich dieser Person wieder nahe fühlen. In diesem Sinne ist Hass ein Gefühl, mit dessen Energie man etwas Trennendes zwischen sich selbst und anderen vernichten will.

Leider richten wir den Hass meistens auf die ganze Person, statt nur auf das „trennende" Verhalten. Je nach dem werden wir uns unterschiedlich äußern und dann auch unterschiedlich verhalten:

  • „Ich hasse dich, wenn du einfach weggehst und ich nicht weiß, wo du bist und wann du wieder kommst."
  • Oder nicht auf die Person, sondern auf das Verhalten bezogen:
  • „Ich hasse dieses Verhalten von dir, einfach zu gehen ohne zu sagen, wohin und wann du wiederkommst."
  • Ich hasse diese Rechtsradikalen, die sich so verächtlich und gewalttätig gegenüber anderen Menschen verhalten.
  • Oder nicht auf die Personen, sondern auf das Verhalten bezogen:
  • Ich hasse das verächtliche und gewalttätige Verhalten von Rechtsradikalen.

Das Trennende zerstören, nicht die Person

Während Wut auf einen immer wieder unerfüllten Wunsch hinweist, der nun endlich erfüllt werden soll, damit die Person sich wieder zufrieden fühlen kann, bedeutet ein Gefühl von Hass, dass die sozialen Beziehungen nicht in Ordnung sind.

Es geht darum, die eingetretene gefühlsmäßige Distanz zwischen den Menschen wieder zu verringern, indem man versucht, z. B. durch nachforschende und sich um Verstehen bemühende Gespräche das Trennende zu vernichten.

Wenn eine Person ein von Gefühl von Hass empfindet, bedeutet dies in dieser Sichtweise, dass sich der Hass nicht auf eine andere Person richtet, sondern auf das Trennende zwischen ihr selbst und ihrem Gegenüber.

Es ist dieses Trennende, welches beseitigt oder vernichtet werden soll, damit die soziale Beziehung zum Gegenüber wieder als befriedigend erlebt werden kann. Leider ist uns dieser Unterschied meistens nicht bewusst, wir haben häufig die Tendenz, die Person zu hassen und nicht das, was sie getan hat oder was sie tut.

Wie man mit Wut uns Hass umgehen muss

Insofern ist es von außerordentlicher Bedeutung, dass die beiden Gefühle - Wut und Hass - wahrgenommen und ernst genommen werden, denn erst dann kann die Person dafür sorgen, dass sie selbst aktiv wird, sowohl um ihre Wünsche zu äußern, als auch um etwas gegen das Trennende in ihren sozialen Beziehungen zu tun.

Leider kann man das immer nur versuchen und es gibt keine Garantie dafür, dass die Versuche gelingen, weil immer auch das jeweilige Gegenüber am Misslingen oder Gelingen beteiligt ist. Es gibt jedoch auch keine Garantie, dass die Versuche misslingen. Insofern hat man in jedem Fall die besseren Chancen für ein Gelingen, wenn man es wenigstens versucht.

Um allerdings in der Lage zu sein, sich aktiv an der Gestaltung seiner eigenen Umwelt zu beteiligen, braucht man wohl die Hoffnung auf ein Erfolgserlebnis und damit ein funktionierendes Belohnungssystem im eigenen Gehirn.

Hoffnung ist an Bedingungen geknüpft

Dabei spielt die Belohnungserwartung im Zusammenhang mit dem Neurotransmitter Dopamin eine große Rolle. Genaueres kann man unter anderem bei auf dieser Seite bei den entsprechenden Schlagworten nachlesen.

Es scheint so zu sein, dass es zumindest einer Hoffnung auf ein Erfolgserlebnis bedarf, damit sich das Belohnungssystem aktiviert. Und das bedeutet für viele Kinder eine große Hürde.

Sie haben nach vielen Misserfolgen in Schule und Familie oft keine Hoffnung mehr auf Erfolgserlebnisse oder versuchen, ihre Leistungen in anderen Gebieten, z. B. bei Computerspielen zu kompensieren.

Neben vielen anderen Wissenschaftlern hat sich auch der Hirnforscher Gerald Hüther in einem Interview entsprechend geäußert. Mich interessiert hier jedoch eher die Frage nach der Entwicklung der Gefühle von Wut und Hass.

Von Gleichgültigkeit zu Gewalt

Wenn bei einem Kind der Schmerz darüber, die eigenen existenziellen Wünsche nicht erfüllt bekommen zu haben, sehr groß ist, wird dieses Kind versuchen, sich gleichgültig zu machen. Sätze wie „Ist mir doch egal" oder die bekannte „Nullbock-Haltung" sind Anzeichen dafür.

Das immer größer werdende Defizit verstärkt dann die Haltung von Gleichgültigkeit. Die Kinder und Jugendlichen machen den Eindruck, als seien sie unberührbar geworden und vielleicht ist es ihnen in manchen Fällen bis zu einem gewissen Grade auch gelungen. Das kann man von außen nicht erkennen.

Solange diese Unberührbarkeit anhält, ist der Kontakt zu den Schmerzen des Defizits meist unterbrochen und damit oft auch der Kontakt zu den aus der Vergangenheit stammenden Gefühlen von Wut und Hass.

Ab und an jedoch können die Gefühle von Wut und Hass durchbrechen und in unkontrollierten Gewalttaten ausagiert werden. Meistens stehen wir dann fassungslos vor den resultierenden Geschehnissen und begreifen nicht, wie solche gewalttätigen Handlungen zustande kommen können.

Die Defizite an wertschätzendem Kontakt, an Erfüllungen der existenziellen Bedürfnisse, an Erfolgserlebnissen und an Erwartungen auf weiteren Erfolg sind daher sehr gefährlich.

Man muss Freiheiten gewähren

Meiner Ansicht nach werden die Konsequenzen bis heute unterschätzt, sonst würde die Notwendigkeit, Kindern mit der entsprechenden Achtung vor ihrer Autonomie und der notwendigen Wertschätzung ihrer jeweiligen Besonderheit zu begegnen, längst ein viel größerer Bestandteil in Erziehung und Ausbildung sein.

Bis heute glauben wir daran, dass Kinder gehorchen müssen, dass andere Menschen uns ärgern, wütend machen und zwingen können, dass zu tun, was sie wollen oder wissen können, was die Motive der Handlungen von anderen sind und vieles andere mehr.

Das sind alles Illusionen, die sich angesichts der neurophysiologischen Forschung und den Erkenntnissen im Zusammenhang mit selbstorganisierenden Systemen und den beobachtbaren Wechselwirkungen nicht mehr halten lassen.

All das kann man in der Gesellschaft erkennen

Vermeintliche Kontrollmöglichkeiten und ungerechtfertigte Herrschaftsansprüche haben das Leben in unserer Kultur seit Jahrhunderten bestimmt und das ist nicht ohne Konsequenzen geblieben, die sich zunehmend als sehr bedrohlich erweisen können.

Es gab viele Versäumnisse im gesellschaftlichen Diskurs der vergangenen Jahrzehnte. Vieles wurde verschwiegen, geleugnet und verdrängt. Und das bedeutete gleichzeitig, dass auch das Gedankengut des Nationalsozialismus und alles, was noch dazu gehört, nicht aufgearbeitet wurde, sondern sich bis in die Gegenwart in verschiedene Bereiche hinein ausbreitete.

Der Umgang mit Kindern und Jugendlichen, mit Menschen aus anderen Kulturen, die problematische Asylpolitik und die unreflektierten und überheblichen Vorstellungen von „Integration", und vieles andere mehr - auch die Schwierigkeiten, in zwei verschiedenen Kulturkreisen zu leben - sind nicht geeignet, hier lebenden jungen Menschen aus anderen Kulturkreisen die für sie bedeutsamen existenziellen Wünsche zu erfüllen. Viele leiden unter dem entstandenen Defizit und den entsprechenden Folgen.

Die Jugendlichen, die sich z. B. den Rechtsradikalen oder dem IS angeschlossen haben, leiden meiner Ansicht nach besonders an solchen Defiziten. Mit großer Wahrscheinlichkeit sind ihnen ihre existenziellen Wünsche unzureichend erfüllt worden.

Extreme Gruppen haben dann ein leichtes Spiel

Dadurch werden Menschen verführbar durch solche anderen Menschen, die ihnen die Erfüllung ihrer existenziellen Wünsche versprechen und ihnen auf verschiedene Weise signalisieren:

  • Du bist besonders.
  • Wir brauchen dich.
  • Du gehörst zu uns.
  • Wir gehören zu dir.
  • Wir sind für dich da.
  • Wir werden das Böse bekämpfen.
  • Das Böse sind die anderen
  • Wir werden dafür sorgen, dass das Gute gewinnt.
  • Die Guten sind wir.
  • Du hast eine große Bedeutung für die Erfüllung unserer Ziele.
  • Deine Person ist für das Erreichen unseres gemeinsamen Ziels unersetzlich.
  • Wir wissen, dass du für dieses Ziel alles geben wirst, selbst dein Leben.
  • Und so weiter...

Wenn ein Mensch eine solche intensive Bestätigung für sich als einzigartige Person erhält, kann er sich leisten, sich den Schmerz des alten Defizits zusammen mit der zugehörigen Wut und dem Hass auf diejenigen, die ihrer Ansicht nach die Wunscherfüllungen verweigert haben, bewusst zu machen.

Und diese Wut und dieser Hass befähigen sie, sich so grausam gegenüber all denen zu verhalten, die sie als Stellvertreter derjenigen, die angeblich das Defizit erzeugt haben, ansehen können.

Es ist noch nicht zu spät

Die Erfahrungen, die diese Menschen gemacht haben, sind nicht mehr zu ändern. Menschen können jedoch lernen, diese als Teil ihrer Vergangenheit zu akzeptieren. Sie können begreifen, dass ihnen solche Erfahrungen ermöglichen, Verständnis, Empathie und Mitgefühl dafür zu entwickeln, was es heißt, ein Opfer von anderen zu sein. Auf der Grundlage dieser veränderten Sichtweise können neue Umgangsweisen mit diesen Gefühlen gelernt werden.

Aber wir brauchen dazu eine größere Bewusstheit, vor allem unserer selbst. Wir müssen viel mehr begreifen, als wir uns bisher zugestanden oder uns zugetraut haben und lernen, auf liebgewordene Illusionen von Macht und Kontrolle, von angeblicher Überlegenheit und erhoffter Sicherheit zu verzichten.

Und das gilt insbesondere für diejenigen Menschen, die in unserer Gesellschaft als Multiplikatoren arbeiten, wie z. B. LehrerInnen, JournalistInnen, PolitikerInnen, WissenschaftlerInnen und viele andere. Die Gefahr der „Identifikation mit dem Aggressor", statt Empathie und Mitgefühl zu entwickeln, ist sonst zu groß.

Und gerade Menschen mit schmerzhaften Defiziten brauchen Empathie, Mitgefühl und das Eingeständnis, dass ihnen Unrecht getan wurde. Die bedeutsamste Frage an gewalttätig gewordene Menschen könnte deshalb sein, was ihnen von anderen angetan wurde, dass es sie immer noch so schmerzt und deshalb Gefühle von Wut und Hass in ihnen aktiviert.

Was wir jetzt tun müssen

Ich mag mich mit dieser Prozessbeschreibung irren. Vielleicht entwickeln sich Gewalttätigkeit und Grausamkeit auch aus ganz anderen Gründen und wahrscheinlich braucht es zusätzliche Faktoren bei den einzelnen Menschen, die ausschlaggebend für ihr zerstörerisches Verhalten werden.

Ich weiß es nicht.

Ich weiß aber aus Gesprächen mit vielen Menschen, wie groß ihre Wut und ihr Hass sind, weil sie sich von vielen anderen Personen schlecht behandelt, missachtet, bedroht, gedemütigt, entwürdigt, nicht zugehörig und nicht respektiert gefühlt haben.

Insofern denke ich, dass es sinnvoll ist, sehr vorsichtig, aufmerksam und akzeptierend mit anderen Menschen und sich selbst und mit den eigenen inneren Prozessen umzugehen.

Das aber können viele Menschen, ErzieherInnen, LehrerInnen, SozialpädagogInnen usw. nicht von allein. Sie brauchen Schulungen und weitere Unterstützungen. Es braucht neue Ideen und neue Projekte und sehr viel Engagement.

Auch staatliche Stellen müssen sich bereit finden, Kreativität , Engagement und Geld in solche Prozesse zu investieren, denn es wird Zeit, dass vieles anders wird. Bewusstheit entwickelt sich in einer Kultur, in der Macht- und Kontrollillusionen so beliebt sind, nur sehr schwer und es braucht viel Unterstützung von allen Seiten.

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