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"Alle Flüchtlinge sind doch schwarz!" - was es bedeutet, in Deutschland dunkelhäutig zu sein

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ELFENKINDBERLIN
Blog: Elfenkindberlin
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Ich kann nicht aus meiner Haut. Und meine Kinder auch nicht.

Meine Haut ist, ich würde sagen Latte Macchiato-braun, die meiner Tochter karamellbraun und die meines Sohnes glücklicherweise recht hell. Ich würde sagen, sie ist eher sonnengebräunt gesund.

Drei Farben, drei verschiedene Haarstrukturen und drei verschiedene Erfahrungswerte mit der Welt. Ich denke, dass unser Sohn am wenigsten Probleme haben wird, denn man sieht ihm nicht auf den ersten Blick an, wo genau seine Wurzeln herkommen.

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Bei meiner Tochter sieht es schon anders aus.

Sie hat unglaublich krauses Haar, trägt es lockig und ein jeder sieht ganz deutlich, dass sich in diesem schönen Gesicht verschiedene Nationalitäten mischen.

Es bricht mir das Herz, dass auch meine Tochter in ihrem jungen Alter schon Erfahrungen mit Rassismus, im Kleinen und auch im Großen, machen muss.

Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Als einzig dunkelhäutiges Kind weit und breit. All die Menschen, die mir als Kind mit dummen Bemerkungen begegneten konnten es vielleicht nicht besser wissen.

Natürlich möchte ich in keinem Fall die Unwissenheit und das unbedachte Aussprechen von Worten, die einem kleinen Mädchen im Herzen wehtun, einfach so wegwischen. Aber tatsächlich denke ich, dass ein weißer Mensch, der in einem kleinen Dorf lebt (vor wie gesagt 30 Jahren ohne eine gute Aufklärung durch Medien und Weltfremdheit) es vielleicht nicht besser hätte wissen können.

Aber Jahre später, in einer Weltstadt wie Berlin gibt es immer noch schlichte und dumme Menschen, die es heutzutage einfach besser wissen müssten.

Mehr zum Thema: Liebe Kollegin mit Kind - was ich dir schon immer mal sagen wollte

Mit einem freundlichem Lächeln im Gesicht wird mir auch heute noch gesagt: "Bist du aus Afrika? Du kannst aber gut Deutsch.", "Darf ich mal deine Haare anfassen?"

Und daraufhin würde ich am liebsten herausschreien: "Nein, Sie dürfen nicht meine Haare anfassen, denn wir sind hier nicht im Streichelzoo! Und ja, ich kann ganz wunderbar deutsch sprechen, denn ich bin deutsch, kann wunderbar Sauerkraut und Schweinshaxen kochen, zahle Steuern in diesem Land, von denen Sie wahrscheinlich leben und habe einen Hochschulabschluss."

Natürlich sage ich das nicht und ich sage auch nicht "Oh, Sie sehen aber nicht besonders schlau aus. Wissen Sie eigentlich, dass nicht alle schwarzen Menschen aus Afrika kommen? Es gibt auch noch andere Länder mit dunkelhäutigen Menschen."

Und all die anderen unhöflichen Dinge, die ich mir schon oft in meiner Fantasie ausgemalt habe.

Die ich mich nicht wage zu sagen, denn sie wären zu unhöflich.

Da ich zu gut erzogen bin und denke, dass bei den meisten dieser Menschen eh Hopfen und Malz verloren ist, antworte ich nur recht knapp.

Ich verstehe bis heute nicht, warum es Menschen gibt, die sich partout weigern, sich in andere hineinzuversetzen. Nur weil es mich persönlich nicht betrifft, muss doch nicht ignoriert werden, was die eine oder andere Äußerung mit dem Gegenüber macht.

Es wird mit keinem Moment auch nur der Versuch gewagt, über den Tellerrand zu schauen. Denn empathisch durch die Welt zu gehen, ist leider für den Einen oder anderen Mitmenschen zu viel verlangt ... schade.

"Bist du ein Flüchtling?"

Eine neue Erfahrung machte ich letzte Woche. Und die hat mich so nachhaltig erstaunt und beeindruckt. So sehr, dass ich immer noch nicht so recht weiß, wie ich sie einordnen soll.

Ich bin gerade auf der Suche nach einer neuen Schule für unsere Tochter, da wir bedingt durch unseren Umzug nicht jeden Morgen 30 Minuten durch die Stadt fahren möchten. Also steht ein Schulwechsel an.

Ich mache also einen Termin an einer sehr etablierten Schule mit gutem Ruf. Zumindest auf der Homepage macht sie einen vielversprechenden Eindruck. In den Wertvorstellungen steht sogar das Wort "Weltoffener Umgang" geschrieben.

Ich schaue mich also in der besagten Schule um und unterhalte mich mit den Kindern. Der dritte Satz, den ich höre, ist: "Bist du ein Flüchtling?" Ich bin erstaunt und antworte mit einem freundlichen "Nein".

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Grundsätzlich finde ich es nicht schlimm, wenn Kinder solche Fragen stellen, und ich bin da weder böse noch emotional getroffen. Doch wenn die Frage dann noch zehn Mal gestellt wird und noch ein "Bist du aus Aleppo?" oder „Na ja, alle Flüchtlinge sind doch schwarz!" hinterhergeschoben wird, komme ich nicht umhin mich zu fragen, aus welchem Elternhaus diese Kinder stammen.

Denn der blond gelockte Junge mit seinem weißen Hemd und dem roten Woll-Pullover sieht mir nicht danach aus, als würde er aus einem sozialschwachem und vor allem einem bildungsschwachen Elternhaus kommen.

Also frage ich mich: Wie soll unsere Welt eine bessere werden, wenn es noch nicht mal die Menschen mit Zugang zu Bildung und Medien schaffen, ihre Kinder mit einem weltoffenen Blick großzuziehen?

Ist es nicht in unserer Verantwortung und auch in der der Lehrer, unseren Kindern einen besseren Umgang mit dieser Thematik zu ermöglichen? Ich denke jedes Kind, das heute in die Welt hinein geboren wird, sollte von Anfang lernen, dass alle Menschen gleich sind.

Durch die uns umgebende Mediatisierung sind wir mit der ganzen Welt verbunden und so sollte es doch ein leichtes sein, unseren Kindern dieses Gefühl mit auf den Weg zu geben.

Es würde zu weit gehen, wenn ich euch nun auch noch erzählen würde, wie das Gespräch mit der Direktorin verlaufen ist. Nur so viel ... Es wäre vielleicht besser gewesen, ich wäre mit meinem Mann dort gewesen oder noch besser: er alleine.

Die Mütter, die besser in das Schulbild passten, durften in jedem Fall länger im Zimmer bleiben. (Versteht mich nicht falsch. Die Direktorin war wirklich sehr sehr nett, aber augenscheinlich passen wir nicht zu dieser Schule).

Schade für sie, denn ohne meine Kinder entgeht der Schule sehr viel.

Ich vermag zu behaupten, dass meine Kinder diese Welt zu einer besseren machen werden.

Wir sind doch keine Zootiere!

Zwei Tage später hatten wir folgendes Erlebnis an einem Rasthof kurz vor Berlin.

"Darf ich mal ihre Tochter anfassen? Ich habe noch nie so einen Menschen angefasst." In solchen Momenten denke ich tatsächlich: ich bin im falschen Film. Und die Betonung liegt hier auf Film, denn es sind Situationen, die man sich so nicht ausdenken kann. Unser Verstand würde soviel Dummheit einfach nicht zulassen, es ist eine filmische Fiktion, die sich kein Drehbuchautor so ausdenken würde. (Wobei, der Film "Willkommen bei den Hartmanns" ist da schon sehr dicht dran, doch das ist ein anderes Thema." ) .

Ein "Darf ich mal anfassen?" ist einfach nicht mehr zeitgemäß.

Und ich muss mich über meine eigenen Worte wundern. Nicht mehr zeitgemäß?! Was soll das bedeuten? Bedeutet es, dass es vor sagen wir 50 Jahren total okay gewesen wäre, einen dunkelhäutigen Menschen zu fragen, ob man ihn mal anfassen dürfe? Denn jeder Mensch sollte doch mal die Erfahrung gemacht haben, einen schwarzen Menschen zu befühlen?

Nein!

Das ist menschenunwürdig! Wir sind alle Menschen, haben Gefühle und wir sind hier nicht im Zoo! Schlimm genug, dass es tatsächlich auch schon in Deutschland eine Zeit gab, in der schwarze Menschen in einer Art Zoo zu bestaunen waren. Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei, aber in manchen Köpfen scheint diese Veränderung noch nicht angekommen zu sein. Schade.

Schlimm wird es, wenn in mir Erinnerungen hochkommen von einem Schützenfest in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Ich war 8 Jahre alt und ein Mann richtete ein Gewehr auf mich. Er sagte, dass Neger hier nichts zu suchen haben und er würde das mal schnell regeln.

Schlimm wird es, wenn ich in Berlin am Ostkreuz aus der Bahn steige und von Menschen mit rechter Gesinnung verfolgt werde.

Schlimm wird es wenn mein Kind "Kakalena" genannt wird ...

... all diese Erfahrungen machen uns vielleicht stärker, aber es sind auch Erinnerungen, die tief verwurzelt in uns ruhen und uns an manchen Tagen das Leben schwer machen. Von daher ist es gerade in diesen unruhigen Zeiten umso wichtiger, dass jeder über seine Worte nachdenkt bevor sie gesprochen werden, dass wir alle unsere Kinder zu weltoffenen Menschen erziehen.

Über literarische Fehler

Und, dass auch der eine oder andere Verlag es endlich auf die Reihe bekommt, das Wort "Neger" aus Pippi Langstrumpf und der kleinen Hexe zu streichen. Und noch viel wichtiger ist es, dass in Büchern von neuen Autoren keine Negerküsse mehr vorkommen.

Wenn in dem Buch "Wir Kinder vom Möwenweg" einen so literarischen Fauxpas erscheint, dann frage ich mich tatsächlich, ob die Autorin, das Lektorat und der Verlag wirklich ernsthaft dieses Wort überlesen konnten oder wir es einfach nur mit einer totalen Ignoranz zu tun haben.

Ich glaube, dass genau durch solche nicht aufgearbeiteten Bücher, die wir unseren Kindern in jungen Jahren vorlesen, ein falsches Bild vermittelt wird. Ich überlese diese Worte einfach und mache „Südsee König" oder "Schokoküsse" aus den falsch geschrieben Wörtern.

Klebe die Liederseite mit den "10 kleinen Negerlein" im Liederbuch zusammen und erkläre meiner Tochter, warum dieses Wort so belastet ist.

Aber eigentlich wünsche ich mir, dass uns diese Worte im Alltag nicht mehr über den Weg laufen.

Nichts ändert sich

Vor etwa einem halben Jahr habe ich folgendes auf Facebook geschrieben, damals war ich überwältigt von all euren Reaktionen, von daher dachte ich auch ich muss mal ein wenig ausführlicher über dieses Thema schreiben

Ich hoffe es ist in eurem Sinne, dass es hier heute mal nicht um die Schönheit im Alltag geht, sondern um die grauen Seiten, die aber auch ihre Berechtigung haben sollten.

Mehr zum Thema: Die Aufstiegschancen für Migrantenkinder sind ein Armutszeugnis - so können wir das ändern

Doch hier auch noch mal der Vollständigkeit halber mein Facebook Text:

Da ist ein wunderschönes Mädchen mit leuchtenden Augen einer zarten karamellfarbenen Haut und es wird von dummen, vielleicht unwissenden Kindern in ihrer Schule seit nun einem Jahr "Kakalena" genannt, denn ihr Haut sieht angeblich aus wie ...

Ich bin erstaunt, dass sich seit meiner Schulzeit nichts geändert hat und wir nach wie vor von sehr sehr schlichten Menschen umgeben sind, auch an Schulen oder Orten, an denen wir es nicht erwarten. Es macht mich traurig, dass selbst heutzutage ein Kind mit einer nicht ganz weißen Haut immer noch mit diesen Dingen kämpfen muss.

Ich wünsche mir, dass mit Worten einfach viel bewusster umgegangen wird, damit sie nicht Traurigkeit verbreiten. Ich bin froh, dass mein Kind mit einem so guten Selbstbewusstsein gesegnet ist und es ihr kleines Seelenheil nur streift und nicht zutiefst verletzt.

Alles liebe, Rebecca

Dieser Beitrag erschien zuerst auf meinem Blog Elfenkind.

Lesenswert:

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