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Ich bin dunkelhäutig und Deutsche - trotzdem werde ich oft wie eine Fremde behandelt

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Meine Mutter kommt aus Deutschland, mein Vater kommt aus Ghana und ich komme aus Berlin. Ich bin dunkelhäutig und Deutsche. Trotzdem muss ich mich jeden Tag fragen: Was ist eigentlich euer Problem mit mir?

Im Video oben erfahrt ihr, wie alltäglich Diskriminierung in Deutschland ist.

Es ist nicht so, dass ich häufig direkt dafür angegangen werde, wie ich aussehe. Nein, es ist nicht so krass offensichtlich. Zumindest nicht für Außenstehende.

Es passiert meistens unterschwellig. Es sind die Blicke. Es ist die Art, wie ich angesprochen werde.

Ich habe das schon oft erlebt, wenn ich jemanden nach dem Weg gefragt habe. Oft besonders, wenn es ältere Menschen waren, die ich angesprochen habe. Dann kommen Sätze wie "Entschuldigung, ich kann nur Deutsch" - und das, noch bevor ich überhaupt wirklich etwas gesagt habe.

Viele denken dann, dass ich Tourist bin oder nicht von hier sein kann. Wenn ich dann anfange zu sprechen, sind sie oft überrascht.

Das nervt und macht mich traurig.

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Als ich mal auf einer Messe gearbeitet habe, habe ich mich sehr lange mit einem Mann unterhalten. Er hat mir erzählt, dass er schon oft in Afrika war und die Kultur dort sehr schätzt. Auf einmal sagt er: "Sie sprechen aber gut Deutsch, wo kommen Sie denn eigentlich her?"

"Wo kommst du wirklich her?"

Als ich ihm dann geantwortet habe, dass ich aus Berlin komme, hakte er noch einmal nach. "Ja, aber so wirklich? Wo sind Ihre Wurzeln?"

2017-09-07-1504786616-8796518-CopyofHuffPost4.pngInside AfD - Die Community für Kritiker der Rechtspopulisten

Natürlich ist das kein körperliche Diskriminierung. Vielleicht meinte er es auch nicht böse. Aber die Tatsache, dass ich mich auch heutzutage noch immer wieder dafür rechtfertigen muss, wie ich aussehe und woher ich komme, das verletzt und macht mich fassungslos.

Es sind die kleinen Dinge. Immer wieder wollen Menschen meine Haare anfassen. Manche tun das sogar ohne zu fragen. Im Club, auf der Straße, überall. "Wow, die sind ja total weich, das fühlt sich wie Schafswolle an."

Sie denken, ich wäre geschmeichelt. Aber nein, das bin ich nicht. Ich will einfach nur in Ruhe gelassen werden. Es ist die Art und Weise, wie die Leute auf mich zugehen.

In so vielen Situationen fühle ich mich als Exot.

Es gibt auch Deutsche, die nicht weiß sind und ihre Wurzeln in einem anderen Land haben

Wenn jemand einfach neugierig ist - okay. Aber dieses in Schubladen gepackt zu werden, das ermüdet. Wie oft muss ich mir anhören, dass ich ja sicher diese und jene Musik höre, weil ich dunkelhäutig bin oder mir das gute Tanzen und das Feuer ja sowieso im Blut liegen.

Ich finde es schockierend, dass ich mich noch immer erklären muss. Im Jahr 2017. In einer globalisierten, multikulturellen Welt - auch in einer Weltstadt wie Berlin. Es ist nicht neu, dass es Menschen in Deutschland gibt, die nicht nur weiß sind und deren Wurzeln in irgendeinem anderen Land sind.

Und trotzdem müssen wir uns immer wieder dafür rechtfertigen, dass wir einfach Deutsche sind.

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Manchmal weiß ich nicht, ob es daran liegt, dass ich anders aussehe oder einfach daran, dass die Menschen Vorurteile haben. In Supermärkten spüre ich die Blicke oft direkt auf mir.

Einmal hatte ich ein besonders krasses Erlebnis: Ich bin in einen Drogeriemarkt gegangen und von der Sekunde an, als ich ihn betreten hatte, verfolgte mich die Kassiererin mit ihren Blicken und hat mir hinterher gestarrt. Ich wurde total nervös.

Ich fühlte mich, als würde ich etwas Verbotenes tun, dabei wollte ich nur einkaufen. Nachdem ich gezahlt hatte, wollte sie dann tatsächlich meine Tasche kontrollieren - sie sagte, ich hätte einen Lippenstift eingesteckt.

Das Schlimmste ist, dass ich mich zum Teil sogar daran gewöhnt habe

Ich habe eine Weile mit ihr diskutiert, ihr gesagt, dass ich nichts geklaut habe und dass sie mir auch gerne das Überwachungsvideo zeigen könne. Sie wollte trotzdem meine Tasche sehen. Am Ende hat sie natürlich nichts gefunden. Aber entschuldigt hat sie sich auch nicht.

Das Schlimmste ist, dass ich mich zum Teil sogar daran gewöhnt habe. Ich versuche, das Beste aus solchen beschämenden Situationen zu machen. Meinen Hintergrund zu erklären und darauf zu hoffen, dass sich die Person beim nächsten Mal anders verhält.

Ich ertappe mich auch immer wieder dabei, wie ich versuche, auf fremde Menschen extra freundlich und nett zuzugehen. Ich habe oft das Gefühl, dass ich eine Schippe Höflichkeit obendrauf packen muss, damit sie merken, dass ich eine normale, anständige Frau bin.

Ich versuche dann, mich extra von einer guten Seite zu zeigen - und möglicherweise bestehende Vorurteile nicht zu bestätigen.

Am liebsten würde ich allen Menschen in Deutschland, die es noch nicht verstanden haben, eins sagen: Menschen können auch deutsch sein, ohne deutsch auszusehen. Ich würde mir wünschen, dass sich viel mehr Leute damit auseinandersetzen.

Wenn mich jemand aufrichtig fragt, womit ich mich identifiziere, ist das vollkommen in Ordnung. Aber dass ich mich dafür rechtfertigen muss, wer ich bin, woher ich komme und wie ich aussehe, ist traurig.

Und das ist nicht nur für mich ein Armutszeugnis - sondern vor allem für die Menschen, die mir so respektlos begegnen.

Das Gespräch wurde aufgezeichnet von Uschi Jonas.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

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(lp)