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Keine rosarote Brille auf Barrieren

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Neue mobile Technologien haben den Alltag von Menschen mit Behinderungen einfacher gemacht. Rollstuhlfahrer und Wheelmap.org-Erfinder Raul Krauthausen hat ein paar Beispiele gesammelt und erinnert daran, dass die Barrieren noch nicht verschwunden sind.

Ich weiß nicht mehr ganz genau, wann ich mein erstes Handy bekommen habe, aber ich weiß noch ganz genau, dass ich damit nicht viel machen konnte. Außer ein bisschen telefonieren, SMS schreiben und Snake spielen, war der schwarze Block wohl faszinierender für meine Eltern, die mich jetzt besser erreichen konnten, als für mich. Technologisch gefühlte hundert Jahre später, sieht das natürlich ganz anders aus - wer mich kennt, der kennt mich auch mit meinem Smartphone in der Hand. Denn neben meinem Rollstuhl ist das Handy heute ein wichtiger Bestandteil für mehr Freiheit.

Als ich mit meinem Kumpel Holger im Sommer 2010 vor der Frage stand: wie können wir uns endlich merken, welcher Ort für Rollstuhlfahrer zugänglich ist und welcher nicht, war uns schnell klar, dass es irgendwas mit dem Internet sein muss. In der Zeit brachte gerade Wikipedia viele Lehrer und Professoren zur Verzweiflung und wir dachten uns, dass man mit Crowdsourcing vielleicht auch Daten zu Orten sammeln kann und wir versuchten auf Wheelmap.org Orte nach einem einfachen Ampelsystem bewerten zu lassen, ob sie für Rollstuhlfahrer zugänglich sind. Natürlich waren uns dabei auch Smartphone-Apps sehr wichtig, weil die Nutzer sich am besten an Stufen erinnern, wenn sie direkt davor stehen.

Neue Technologien in kleinen Geräten, helfen aber nicht nur mir weiter, sondern auch anderen Menschen. So erzählte mir vor kurzem eine Freundin, dass sie sich sehr gewundert hatte, als vor Jahren der erste Nokia Communicator (das Ding mit der kompletten Tastatur zum Aufklappen), viele gehörlose Menschen vor dem Laden gestanden haben. Denn wozu brauchen gehörlose Menschen ein Telefon, fragte sie sich (und ich mich in dem Moment auch), bis ihr auffiel, dass die kleine Tastatur wohl ziemlich gut bei der unmittelbaren Kommunikation mit dem Menschen gegenüber geholfen hat.

Als ich mit Michael Wahl auf der Wahllokaltest-Tour war, konnte ich auch beobachten wie ein blinder Mensch sein iPhone nutzt und sich alles mögliche in einer rasenden Geschwindigkeit vorlesen ließ. Im Internet gibt es ein Video, wie der blinde Filmkritiker, Tommy Edision Instagram nutzt, um damit auch zu kommunizieren.

Ich glaube, dass in Zukunft, Erfindungen, wie die Google Glasses ein weiterer Meilenstein für Menschen mit Behinderungen sein können, um ihren Alltag planbarer zu machen. Vor meinen Augen sehe ich auch schon die Vision, wie Menschen im Rollstuhl sich zum nächsten zugänglichen Restaurant führen lassen können.

Aber bei all der Euphorie sollten wir auch daran denken, dass kein noch so fancy Gadget in oder an einem Smartphone bisher physische Barrieren abbauen konnte. In die nicht rollstuhlgerechte Bar komme ich weiterhin nicht rein und auch weiterhin werden manche Menschen, Seiten im Netz nicht verstehen, weil sie zu kompliziert geschrieben sind oder die technischen Barrieren zu hoch sind.

Eine klassische Brille kann eine Sehbehinderung ausgleichen, aber eine technische Brille noch lange keine Stufe entfernen. Trotzdem bin ich sehr gespannt, was die Zukunft noch bringt...oh, Mutter ruft an.

sent from my wheelchair.