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Warum ich ab jetzt aufhören werde, eine "gute" Mutter zu sein

16/05/2017 12:49 CEST | Aktualisiert 16/05/2017 13:45 CEST

Okay Leute, ich hab genau 20 Minuten, um das loszuwerden, denn danach wacht meine neun Monate alte Tochter mit absoluter Sicherheit von ihrem Mittagsschläfchen auf.

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Ich weiß nicht, ob man das auf dem obigen Bild so genau erkennen kann, aber meine Tochter hatte eine allergische Reaktion. Na gut - ich weiß natürlich auch, dass das Bild schrecklich aussieht. Aber irgendwie muss ich mich doch ein wenig selbst beruhigen. Der Ausschlag meiner Tochter sieht grauenvoll aus, und es tut mir in der Seele weh, sie so leiden zu sehen.

Ich möchte an dieser Stelle mit meiner Geschichte ein bisschen weiter ausholen. Denn wie so oft spielte Google auch bei diesem ganzen Fiasko eine nicht gerade unbedeutende Rolle.

Ich beschloss, an diesem Wochenende eine "gute" Mutter zu sein

Als ich anfing, meiner Tochter feste Nahrung zu geben, kam ich mir wie ein ziemlicher Faulpelz vor, weil ich ihren Brei nicht selbst zubereitete. Ursprünglich war ich einst fest entschlossen, selbst für sie zu kochen. Doch dann sah ich, wie viel Arbeit dahinter steckte und plötzlich konnte ich den fertigen Babybrei-Gläschen im Angebot einfach nicht mehr widerstehen.

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Ich hatte meine Tochter bisher mit Püriertem gefüttert oder mit zerdrückten Bananen und Avocados. Doch als ich las, was andere Kinder in ihrem Alter bereits alles aßen, wurde mir klar, dass ich dringend noch eine Schippe drauflegen musste.

In sämtlichen Online-Foren unterhielten sich die Mütter darüber, dass ihre Kinder einfach alles aßen, was sie ihnen vorsetzten. Und was für tolle Dinge das waren: Räucherlachs, gebackenes Linsen-Soufflé und was weiß ich noch alles.

Und dann fand ich einen Artikel, in dem stand, dass man seinem Kind entgegen der bisherigen Meinung bereits vor dem ersten Geburtstag Lebensmittel wie Eier und Erdnussbutter geben sollte, da dies der Entwicklung von Allergien vorbeugen würde.

Das klang einleuchtend. Und so beschloss ich, an diesem Wochenende eine "gute" Mutter zu sein und meine Tochter an neue Lebensmittel zu gewöhnen.

In diesem Moment kam ich mir alles andere als "gut" vor

Am Samstag aßen wir Pfannkuchen aus Bio-Weizen mit einem Klecks Erdnussbutter und am Sonntag ließ ich sie beim Frühstück ein kleines bisschen von meinem Rührei probieren. Beides schmeckte ihr.

Als mein Mann dann am Montagmorgen zur Arbeit gehen wollte, entdeckte er am Hals unserer Tochter rote Flecken. Ich öffnete ihren Schlafanzug und musste mit Entsetzen feststellen, dass ihr ganzer Körper von einem Ausschlag bedeckt war, der aussah wie ein Picasso-Gemälde. In diesem Moment kam ich mir alles andere als "gut" vor.

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Da ich Angst hatte, dass sie keine Luft mehr bekommen könnte, oder dass ihr Hals zuschwellen könnte, suchte ich auf Google und in Online-Gesundheitsforen wie WebMD nach der Lösung für mein Problem. Ich bat die anderen Mütter in meinem Umkreis per SMS um Rat, da wir erst nachmittags einen Arzttermin hatten.

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Beim Arzt erzählte ich, dass ich meiner Tochter Eier und Erdnussbutter gegeben hatte, weil ich wollte, dass sie ein paar neue Lebensmittel ausprobiert. "Und das alles an einem Wochenende?", fragte der Arzt mich mit fassungsloser Miene. "Man muss mindestens drei Tage abwarten, bevor man ein neues Lebensmittel hinzunehmen kann."

Meine Tochter so sehen zu müssen war einfach nur schrecklich

Verdammt. Eigentlich kannte ich diese Regel und ich hatte mich bisher auch immer strikt daran gehalten. Doch bloß weil ich unbedingt in die erlauchten Kreise dieser blöden Soufflé-Mütter aufgenommen werden wollte, hatte ich dieses Wissen einfach verdrängt.

Ich brach sofort in Tränen aus. Ich weiß, das hört sich jetzt übertrieben an, doch meine Tochter so sehen zu müssen war einfach nur schrecklich, und zudem gab ich mir selbst die Schuld an ihrem Unglück. Mein Plan, eine vorbildliche Mutter zu sein, war total in die Hose gegangen.

Meine Tochter musste Steroide und das Allergie-Medikament Benadryl einnehmen, und außerdem wurde mir geraten, ihr erst mit frühestens einem Jahr wieder Eier und Erdnussbutter zu geben.

Ich fuhr auf diesen Schock hin erst einmal zu Taco Bell und bestellte mir all die Dinge, die ich zu College-Zeiten gerne gegessen hatte, wenn ich betrunken war.

Zum Nachtisch gönnte ich mir noch zwei Eiscreme-Sandwiches, obwohl mir klar war, dass das zweite Sandwich wirklich nicht mehr hätte sein müssen. In diesem Moment war es jedoch genau das, was ich brauchte.

Nach meiner Tex-Mex-Fressattacke konnte ich dann auch wieder ein kleines bisschen klarer sehen. Wir werden mittlerweile von Informationen geradezu überflutet. Das ist alles viel zu viel.

Ich bin viel lieber eine Mama, die auf ihr Bauchgefühl hört

Wir nehmen unsere Elternrolle heutzutage viel zu ernst. Es gibt so viele Theorien darüber, was falsch und was richtig ist, und es kommen ständig neue Studien heraus, die im Widerspruch zu vorherigen Studien stehen, dass wir am Ende überhaupt keine Ahnung mehr haben, was wir denn nun eigentlich tun sollen.

Und damit ist für mich jetzt Schluss. Statt eine "gute" Mutter sein zu wollen, bin ich viel lieber eine Mama, die auf ihr Bauchgefühl hört. Natürlich kann meine Tochter auch in einem anderen Alter noch bestimmte Lebensmittelallergien entwickeln.

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Doch statt sie mit anderen Kindern zu vergleichen, sollte ich mich einzig und allein auf das konzentrieren, was für sie persönlich am besten ist. Denn wie man es auch dreht und wendet: Alle Mamas tun immer nur das Beste für ihre Kinder, und zwar in genau dem Wissen, über das sie zu diesem Zeitpunkt eben gerade verfügen.

Ich selbst bin das beste Beispiel dafür: Obwohl ich mich als Kind hauptsächlich von Dosenravioli und rohem Kuchenteig ernährt habe, bin ich ziemlich wohlgeraten, selbst wenn das so manch einer vielleicht in Frage stellen würde.

Wie immer rief ich auch an diesem Vormittag meine Mama an, um mich von ihr beruhigen zu lassen. Sie erklärte mir: "Ach Schätzchen, als Mutter machst du eben einen Fehler nach dem nächsten." Wie recht du hast, Mama. Und dieser Fehler wird mit Sicherheit nicht mein letzter bleiben.

Wir hören ja immer wieder, wie wichtig es ist, anderen zu vergeben. Durch mein Leben als Mama habe ich jedoch auch ziemlich schnell gelernt, dass es ebenso wichtig ist, auch Nachsicht mit sich selbst zu haben.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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(lk)