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Erschreckende Entwicklung: Der krankhafte Narzissmus steigt bei Kindern und Jugendlichen unaufhaltsam an

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Amy Guip via Getty Images
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Der krankhafte wie der grenzwertige Narzissmus steigt bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen seit den Achtzigerjahren unaufhaltsam an, insbesondere in der westlichen Welt.

In der bedeutendsten Studie von Jean Twenge, Psychologieprofessorin an der San Diego State University, die mit ihrem Team von 1979 bis 2006 etwa 17 000 Studenten beobachtet und befragt haben, kann man klar feststellen, dass es ĂŒber die Jahre am Narcissistic Personality Inventory (siehe Anhang) zu einem regelrechten Hinaufschnellen der Narzissmuswerte kam.

Im Jahr 2006 sind zwei Drittel der Studenten ĂŒber dem Durchschnitt der Jahre 1979 bis 1985 - das ist eine 30-prozentige Zunahme. Der Anstieg der Narzissmuswerte geht einher mit einer ebensolchen Zunahme an Selbstbewusstsein, Durchsetzungskraft, SelbstwertgefĂŒhl und Extraversion.

Die Ursachen des Narzissmus waren bis vor wenigen Jahren umstritten. Ist er genetisch determiniert und bekommt man ihn schicksalhaft wie die Augenfarbe, die KörpergrĂ¶ĂŸe und den Haarausfall? Oder ist er erworben - durch Erziehung, UmstĂ€nde oder eigene Erfolge?

Die Umwelt kann nur prÀgen, was von Natur aus da ist

Auf die Temperamente, die wie gesagt mit Narzissmus nichts zu tun haben, hat Erziehung bekanntlich relativ wenig Einfluss: Die Umwelt kann nur prÀgen, was von Natur aus - also genetisch bestimmt - schon da ist. Keine Erziehung kann ein cholerisches Kind phlegmatisch machen.

Sicherlich können Eltern aber ein melancholisches Kind durch ĂŒbermĂ€ĂŸige, Ă€ngstliche Kontrolle in die Zwanghaftigkeit treiben oder es andererseits durch eine klare und gelassene Erziehung lehren, mit seinem Temperament richtig umzugehen, um an Freiheit zu gewinnen.

Gleichermaßen können die Eltern das sanguinische Kind Wahrhaftigkeit und NĂŒchternheit lehren oder es andererseits durch ĂŒbermĂ€ĂŸige Bewunderung in die Selbstdarstellung treiben.

Der norwegische Psychologe Svenn Torgersen kommt nach Analyse aller vorhandenen Zwillings- und Adoptionsstudien zum Schluss, dass beim Narzissmus nur ein recht kleiner Anteil an Erblichkeit bestehen dĂŒrfte.

Temperament großenteils genetisch determiniert

Dieser kann schon allein wegen der enormen Zunahme in den letzten 25 Jahren nicht allzu groß sein. Gene Ă€ndern sich nicht so schnell - die gesellschaftlichen EinflĂŒsse allemal.

Cloninger sieht das Temperament großenteils genetisch determiniert und damit als Konstante der menschlichen Persönlichkeit. Dort ist der Narzissmus bekanntlich nicht zu finden. Den Charakter hingegen definiert Cloninger als "what people make of themselves intentionally" - also was Menschen ganz bewusst aus sich selbst machen.

Das ĂŒberzogene SelbstwertgefĂŒhl, die Neigung zur Fremdabwertung und die Selbst­immanenz sind bei Cloninger Teil des Charakters, also der VerĂ€nderlichkeit durch willentliche SelbstprĂ€gung durchaus zugĂ€nglich.

Cloninger zitiert in diesem Zusammenhang gern Immanuel Kant, der sagte: "Es kommt nicht auf das an, was die Natur aus dem Menschen, sondern was dieser aus sich selbst macht; denn das Erstere gehört zum Temperament (wobei das Subjekt grĂ¶ĂŸtenteils passiv ist), und nur das Letztere gibt zu erkennen, dass er einen Charakter habe."

In wenigen Punkten ist sich die Narzissmusforschung so einig wie in der EinschĂ€tzung, dass Narzissmus keine genetische Erbkrankheit ist - sondern großenteils erworben. Gut, man wird also nicht narzisstisch geboren. Aber wie wird man dann narzisstisch?

Freud und seine aufmĂŒpfigen SchĂŒler

Man kommt doch immer wieder auf Sigmund Freud, besonders beim Thema Narzissmus. Er unterschied einen »primĂ€ren Narzissmus« beim SĂ€ugling von einem »sekundĂ€ren Narzissmus« des Erwachsenen, der definitiv pathologisch, gesellschaftsschĂ€dlich und therapiewĂŒrdig ist.

Ersterer wird im Normalfall durch eine gesunde Mutter- und spĂ€ter Elternbindung ĂŒberwunden, also durch Beziehung, der zweiten Dimension des Charakters. Freud sieht eine natĂŒrliche Tendenz des heranwachsenden und erwachsenen Menschen, in den sekundĂ€ren, pathologischen Narzissmus hineinzukippen.

Dabei - so Freud - zieht der Mensch seine sexuelle Energie von Ă€ußeren Objekten (also von anderen Menschen, vom Du) wieder ab und richtet die Libido erneut auf sich selbst. Anders ausgedrĂŒckt: Freud sieht im Narzissmus in Eigenliebe umgelenkte Libido, die mit dem Verlust der LiebesfĂ€higkeit zu anderen Menschen einhergeht.

Dieser Zustand ist bei Freud ein beklagenswerter RĂŒckschritt ("Regression"). Das Konzept des primĂ€ren Narzissmus deckt sich interessanterweise mit der Beobachtung praktisch aller Weltreligionen, dass dem Menschen von Anfang an ein natĂŒrlicher Hang zur gesteigerten Selbstliebe innewohnt.

Affenliebe der Eltern und Bezug zum primÀren Narzissmus

Sigmund Freud philosophierte schon 1914 in seinem epochalen Werk Zur EinfĂŒhrung des Narzissmus mit brillanter PhĂ€nomenologie ĂŒber die Affenliebe mancher Eltern und setzte sie in Bezug zum primĂ€ren Narzissmus (Originaltext zwecks besserer Lesbarkeit gekĂŒrzt):

"Wenn man die Einstellung zĂ€rtlicher Eltern gegen ihre Kinder ins Auge fasst, muss man sie als Wiederaufleben des eigenen Narzissmus erkennen. Das gute Kennzeichen der ÜberschĂ€tzung beherrscht, wie allbekannt, diese GefĂŒhlsbeziehung. So besteht ein Zwang, dem Kinde alle Vollkommenheiten zuzusprechen, wozu nĂŒchterne Beobachtung keinen Anlass fĂ€nde, und alle seine MĂ€ngel zu verdecken und zu vergessen.

Es besteht aber auch die Neigung, alle kulturellen Erwerbungen, deren Anerkennung man seinem Narzissmus abgezwungen hat, vor dem Kinde zu suspendieren und die AnsprĂŒche auf lĂ€ngst aufgegebene Vorrechte bei ihm zu erneuern.

His Majesty the Baby, wie man sich einst selbst dĂŒnkte. Es soll die unausgefĂŒhrten WunschtrĂ€ume der Eltern erfĂŒllen, ein großer Mann und Held werden anstelle des Vaters, einen Prinzen zum Gemahl bekommen zur spĂ€ten EntschĂ€digung der Mutter. Der heikelste Punkt des narzisstischen Systems, die von der RealitĂ€t hart bedrĂ€ngte Unsterblichkeit des Ichs, hat ihre Sicherung in der Zuflucht zum Kinde gewonnen."

Wir werden noch sehen, dass seine EinschÀtzung nach vielen Irrwegen von der empirischen Forschung des 21. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde.

"His Majesty the Baby" - da haben wir ein humorvolles Freud-Zitat, das bis heute die Runde macht. Den Text kann man als Problematisierung und Pathologisierung normaler elterlicher Liebe verstehen, aber auch einen Hinweis auf elterliche Überbewertung des Kindes herauslesen. Die spĂ€tere Psychoanalyse ging jedoch andere Wege.

Narzissmus des Kindes ist Verteidigungsreaktion

Der österreichisch-amerikanische Analytiker Otto F. Kernberg grĂŒndete eine Tradition, der die meisten Analytiker folgten. Er stufte die Eltern des Narzissten als kalt, streng oder sogar feindselig ein und erklĂ€rte den Narzissmus des Kindes als Verteidigungsreaktion.

Die lieblosen Eltern können bei dieser Theorie vom Kind nicht idealisiert werden, sodass das Kind sich nicht mit ihnen identifiziert; damit versĂ€umt es die Gelegenheit, zu reifen und zu erstarken und ĂŒber die ursprĂŒngliche naive GrandiositĂ€t hinauszuwachsen; das narzisstische Kind bleibt auf sich allein gestellt.

Heinz Kohut hingegen, ein anderer US-Psychoanalytiker österreichischer Herkunft, vermutete, dass die Eltern des Narzissten es versĂ€umen, dem Kind ein gesundes Maß an Frustration zuzumuten, die ihm hilft, aus der kindlichen GrandiositĂ€t nach und nach zu einem realistischen Selbstbild zu finden.

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Der US-Psychologe Theodore Millon wiederum - immerhin 2008 von der amerikanischen Psychologenvereinigung mit dem "Gold Medal Award For Life Achievement" ausgezeichnet - postulierte, dass Narzissten von ihren Eltern daran gewöhnt worden seien, von anderen Menschen Ergebenheit erwarten zu dĂŒrfen.

Hinsichtlich der Frage, ob elterliche ÜberbehĂŒtung und Bewunderung die Entstehung narzisstischer Persönlichkeitsstörungen begĂŒnstigen oder im Gegenteil verhindern, sind sich die Analytiker bis heute weitgehend uneinig.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "MÀnnlicher Narzissmus. Das Drama der Liebe, die um sich selbst kreist" von Dr. Raphael M. Bonelli. Es ist erschienen beim Verlag Kösel.

Hier könnt ihr das Buch bei amazon kaufen.

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