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Ich trage das Risiko gerne

15/09/2015 19:30 CEST | Aktualisiert 15/09/2016 11:12 CEST
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„Ich habe Angst!" „Ich bin besorgt!" „In Deutschland wird es bald knallen." „Unser Land geht vor die Hunde!" Solche Sätze und teilweise viel derber formuliert, lese ich Tag für Tag. Die meisten davon sind jedoch so undifferenziert, beinhalten Rassismus und Diskriminierung und sind - ganz rational gesehen - weder konstruktiv noch argumentativ.

Auch ich mache mir Gedanken über die momentane Flüchtlingssituation und über eine immer noch von Defiziten durchlöcherte Flüchtlings/Asylpolitik unseres Landes. Doch ich trage diese Gedanken nicht auf dem Rücken und auf den Schultern derer aus, welche unter Todesängsten und den humanistisch widrigsten Umständen ihr Heim, ihre Familie, ihren Job und ihr Land verlassen und vor Krieg, Terror und menschlichen Grausamkeiten fliehen mussten.

Birgt der momentane Flüchtlingsstrom Gefahren und Risiken? Natürlich tut er dies. Immer da wo fremde Kulturen, unterschiedliche Sozialisierungen und religiös konträre Ansichten aufeinander treffen, immer da wird es auch Konflikte und Diskrepanzen geben. Und auch eine der ganz großen Ängste vieler meiner Landsleute, der Islamische Staat (IS), ist sicherlich nicht gänzlich aus dieser Situation zu retuschieren.

Kommen radikalisierte IS-Kämpfer als asylsuchende Flüchtlinge in unser Land? Ich weiß es nicht und es gibt dafür auch keine Argumente bzw. Belege mit tatsächlicher Beweiskraft. Ebenso gibt es aber auch keine Beweise dass es nicht so ist! Aber was sollen wir jetzt tun? Sollen wir unsere Grenzen schließen und einfach alle Flüchtlinge pauschalisiert verdammen? NEIN!

Eine kontrollierte Differenzierung von den ankommenden und hilfesuchenden Menschen ist nicht möglich und dennoch obliegt es unserer Menschlichkeit, eben auch dies Risiko zu tragen. Wenn unter 10.000 Flüchtlingen ein einzelnes Arschloch dabei ist - so haben wir dennoch 9.999 Menschen Zuflucht, Sicherheit und ein wenig Frieden geschenkt. Dieses Risiko gehe ich zumindest, sehr gerne ein.

Die ANGST vor Terror in Deutschland ist ja nicht neu. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es vor 14 Jahren nach dem 11. September 2001 hier gewesen ist. Viele von denen die heute laut schreien und Angst und Hetze verbreiten und betreiben, haben damals auch schon laut geschrien und vor Terror und vor einem Knall in Deutschland gewarnt.

Und in diesen 14 Jahren sind statistisch die meisten terroristischen Aktivitäten in unserem Land von Linksradikalen und Rechtsradikalen verübt worden. Also von Deutschen und nicht von IS-Kämpfern oder religiösen Fanatikern welcher Religion auch immer.

Und an dieser Stelle noch eine kleine Anmerkung an ALLE die auf stupide und verschwörerische Argumentation aufbauend, gegen unsere Regierung und oftmals personifiziert (was an sich schon eine Idiotie ist), gegen Frau Merkel hetzen. Diese Regierung zeigt Menschlichkeit und sie zeigt diese Menschlichkeit, indem sie auch Fehler macht - aber eben nicht nur.

Diese/unsere Regierung ermöglicht es Euch zu hetzen - das nennt man Meinungsfreiheit. Diese Regierung erlaubt Euch in einem Umfeld zu leben, welches nicht immer einfach und nicht immer frei von Ungerechtigkeit ist - aber welches immer ein soziales Auffangnetz für Euch hat. Und noch ein abschließender Satz an jene die unkommentiert und unreflektiert einfach irgendwelche Posts und Kommentare teilen, verbreiten und im Net manifestieren: „Rassismus ist keine Meinungsfreiheit!" ...

Ranndy Frahm, Köln, 14.09.2015

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

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Es ist Zeit, dass wir in Deutschland ein Zeichen setzen. FÜR Weltoffenheit, FÜR Toleranz und FÜR Menschen in Not

Ein Mann im Regen bewegt das Netz: Inmitten des Horrors: Diese Flüchtlingsbilder sind herzzerreißend