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Randy Shrewsberry Headshot

Ich war ein rassistischer Polizist - wie ich meine Vorurteile überwunden habe

Veröffentlicht: Aktualisiert:
AFRICAN PRISONER
Meltem
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Ich war ein rassistischer Polizist.

Vor ein paar Jahren rief mich ein Beamtenkollege zur Unterstützung an eine Unfallstelle. Ein Afroamerikaner war frontal in eine Leitplanke gedonnert. Er starb noch vor Ort.

Während ich mich durch den zähen Verkehr schlängelte, brachte mich mein Kollege per Funk auf den neuesten Stand: "Der Typ war noch am Leben, als ich ankam. Es sah aber bereits schlecht aus. Seine Augen öffneten und schlossen sich ganz langsam und ich konnte spüren, wie sein Puls immer schwächer wurde."

Er verharrte für einen Moment, um seiner nachfolgenden Aussage einen dramatischen Effekt zu verleihen: "Dann flüsterte ich ihm ins Ohr: Dein letztes Stündlein hat geschlagen, Nigger."

Ich war sprachlos.

Und tat absolut nichts.

Schweigen steht in den meisten Polizeirevieren auf der Tagesordnung. Im zweiten Jahr meiner Karriere als Polizist - die sich über mehr als ein Jahrzehnt und über drei US-Bundesstaaten erstrecken sollte - erfuhr ich am eigenen Leibe, was passiert, wenn man seine Stimme erhebt.

Nachdem ein Sergeant Wertgegenstände aus einem beschlagnahmten Auto gestohlen hatte, meldete ich den Vorfall bei den Vorgesetzten. Die Konsequenz: Ich wurde gefeuert.

Kurz vor Weihnachten war das. Ich war jung, erwartete ein Baby mit meiner Frau und meine noch junge Karriere hatte somit ihren Glanz verloren. Die Botschaft war mir klar: Lehne dich nicht auf.

Verdächtiges Verhalten

Die Kriminalitätsrate im Lande ist so niedrig wie selten. Da braucht es ein Rechtfertigung für die Ausgaben für das Polizeiwesen. Anstatt sich also darauf zu fokussieren, einen guten Draht zu den Menschen aufzubauen, führen Polizisten "proaktive Kontrollen" durch:

Eine Taktik, um dem Spott der Verwaltung über die geringen Verhaftungsraten zu entgehen. Ein alter Captain pflegte uns zu lehren: "Mechaniker reparieren Autos, Piloten fliegen Flugzeuge, Polizisten sperren Bösewichte weg."

Das führt zu Aktionismus um der Statistik willen. Am einfachsten sammelt man Punkte, indem man durch prekäre Viertel streift und willkürlich - in den meisten Fällen - junge Afroamerikaner und Latinos zu kontrolliert.

Stoppen, abtasten, ausfragen und durchsuchen. Einfach nur, weil sie "verdächtig" aussehen.

"Er hat mich nicht angesehen." Verdächtig. "Er hat mich die ganze Zeit angesehen." Verdächtig. "Er ist weggelaufen." Verdächtig. "Er ist zu langsam gegangen oder zu langsam Fahrrad gefahren." Verdächtig. "Es ist viel zu früh oder zu spät, er hat um diese Uhrzeit draußen nichts zu suchen." Verdächtig. "Er befindet sich im falschen Viertel oder hängt zu viel in seinem eigenen Viertel rum." Verdächtig.

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So gut wie nie fand ich bei den Durchsuchungen eine Waffe oder erwischte einen gesuchten Straftäter. Niemals resultierten diese aggressiven Ausflüge in der Festnahme eines Mörders oder eines Vergewaltigers. Niemals.

Aber die Verhaftungen stellten die Leute in der Führung zufrieden. Und das gab mir die Bestätigung, dass ich meine Rolle auf diese Weise rechtfertigen musste.

Der rote Faden bei "Bösewichten"

Im Laufe meiner Karriere nahm ich an vier akademischen Schulungen und einer Handvoll Fortgeschrittenen-Kurse teil.

Der rote Faden in all diesen Schulungen war es, nach einer gewissen Taktik zu handeln. Wir sollten auf der Hut sein - vor allem vor Menschen mit dunkler Haut.

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Wir bekamen eine Gehirnwäsche. Bilder und Kriegsszenen voller Gewalt, die von Afroamerikanern oder Latinos ausging, brannten sich in unser Gedächtnis. Das führte dazu, dass "der Schwarze" zu einem Synonym für "Bösewicht" wurde.

Täglich verhaftete ich hauptsächlich arme, junge, farbige Menschen wegen Bagatelldelikten. Es war heimtückische Diskriminierung.

Ich zeigte scheinheilig auf die Gefängniszellen und sagte: "Siehst du? In ihrer Gemeinschaft gibt es keine Moral."

Das entband mich von meiner Verantwortung zum Protest, wenn ich Zeuge von Unrecht wurde. Stattdessen gab ich Sätze von mir wie: "Wenn du's nicht magst, dann lass dich nicht verhaften."

Willkommen auf der Amistad!

Während meines ersten Besuchs in einem Bezirksgefängnis ließ einer der Häftlinge sehr treffend verlauten: "Willkommen auf der Amistad!" (Eine Anspielung auf das Sklavenschiff Amistad im 19. Jahrhundert, Anm. d. Red.) Es sah dort wirklich nicht viel anders aus.

Ich ging an einer Reihe von Zellen vorbei, die für eigentlich zehn bis 15 Insassen gedacht waren. Sie waren vollgepackt mit 30 oder 40 Häftlingen.

Der größte Teil von ihnen: Afroamerikaner und Latinos. Ich beobachtete, wie sie verfaultes Essen serviert bekamen und unter unerträgliche Bedingungen dahinvegetierten.

Ich wusste: Das war falsch. Aber die Entmenschlichung hatte bereits stattgefunden.

Einmal stand ich mit ungefähr einem Dutzend Polizeibeamten vor dem Revier, als einer von ihnen scherzhaft rief: "Hey Shrewsberry, weißt du, warum die Südstaatler die Yankees so hassen? Weil sie alle denken, Neger seien auch nur Menschen." Daraufhin brachen alle in Gelächter aus.

Was tat ich?

Ich lachte mit.

Und tat danach nichts.

Was passiert in Zukunft?

In Amerika gibt es weiterhin Rassismus, aus verschiedenen und komplexen Gründen. Gleichgültigkeit ist einer davon.

Ja, ich habe einen moralischen Kompass, aber für mich war es sicherer, ihn im Job zu ignorieren. Ich lehnte mich nicht auf. Und habe mir so mein eigenes Armutszeugnis ausgestellt.

2015 sagte der damalige FBI-Direktor James Comey in seiner Rede über rassistische Vorurteile: "Wenn wir unsere latenten Vorurteile nicht über Bord werfen können, können wir wenigstens unser Verhalten steuern. Was wirklich zählt, ist das, was wir als nächstes tun."

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Was ist das Nächste? Für mich ist es, dass ich mir meinen eigenen Rassismus, meine Vorurteile, meine sogenannten Privilegien als weißer Mann bewusst mache.

Ich habe meine Haltung zu polizeilichen Schießereien, Massenverhaftungen, den Krieg gegen Drogen, das willkürliche Anhalten und Durchsuchen von Personen hinterfragt.

All diese Vorfälle und Maßnahmen treffen farbige Menschen am härtesten. Und damit deren Familien und Angehörige. Ich frage mich, warum amerikanische Ureinwohner fünfmal häufiger von Polizisten getötet werden als Weiße. Warum Afroamerikaner dreimal und Latinos beinahe doppelt häufig getötet werden wie der Durchschnitt.

Habt Mut, den Mund aufzumachen!

Ich habe begriffen, dass ich offen über meine Erlebnisse sprechen und - noch viel wichtiger - anderen zuhören muss, um eine Lösung zu entwickeln.

An alle Beamten, die noch im Dienst sind: Habt den Mut zu tun, was ich mich nie traute: den Mund aufzumachen, wenn Unrecht geschieht. Sich aufzulehnen.

Rassismus ist nicht das einzige Problem im Justizsystem. Aber es verschärft beinahe jedes andere Problem.

Weiß zu sein bietet in Amerika den Komfort, tatenlos zusehen zu können bei Aussagen und Haltungen, die einfach falsch sind.

Protest ist dafür da, Diskussionen anzufachen. Viele großartige Bewegungen fingen mit Protesten an. Doch um erfolgreich zu sein, müssen wir bereit sein, unsere Komfortzone zu verlassen.

Zu schweigen bedeutet, dass man die moralische Pflicht, etwas zu unternehmen, anderen aufbürdet.

Ich kenne Colin Kaepernick nicht, den ehemaligen Quarterback des Football-Teams San Francisco 49ers. Während der Nationalhymne kniete er nieder, um gegen unfaire Polizeiarbeit zu protestieren. Er wäre sicher lieber zwischen seinen Teamkameraden gestanden, zufrieden mit einem fairen und gerechten System. Stattdessen ging er auf die Knie.

Ich war zu feige dafür.

Dieser Text erschien zunächst in der HuffPost USA wurde aus dem Englischen übersetzt von Meltem Yurt.

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