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Unruhe in der Mittelschicht: Die Krise der Political Correctness

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Wild hat die Politik es getrieben. Und offenbar hat sie es nun übertrieben. Immer mehr Menschen in Deutschland wehren sich gegen einen Bevormundungsstaat, der ihnen vorschreiben will, wie sie zu denken und zu handeln haben. Zwar laufen sie nicht mehr zu Zehntausenden jeden Montag durch die Innenstädte, seit die Kanzlerin sie in einen Topf mit Rechtsradikalen geworfen hat, doch sind sie deswegen nicht weniger präsent. Und es werden immer mehr. Waren es früher die Studenten, die aufbegehrten, ist es heute die gut gebildete Mittelschicht des Landes, die durchschaut, welches Spiel da getrieben wird.

Diese gibt den vielen Millionen Mitbürgern eine Stimme, die ihr Unwohlsein nicht recht artikulieren können oder schlicht keinen Sinn darin sehen, sich in die Auseinandersetzung mit der politischen Klasse zu begeben. Sie alle eint die Wut auf den offensichtlichen Wunsch von Politik und Medien, die Menschen immer unmündiger zu machen. Einerseits durch die Errichtung eines Nanny-Staates, der vorgaukelt, er könne die Risiken aller persönlichen Lebensentscheidungen abnehmen, andererseits durch die offenbar bewusste Verbreitung einseitiger Sichtweisen, vor allem im Staatsfernsehen.

Natürlich leben wir in einem Land, in dem jeder seine Meinung frei äußern kann, ohne Angst haben zu müssen, deswegen gleich verschleppt und eingekerkert zu werden. Das sollte allerdings der Mindestanspruch an eine Demokratie sein. Doch staatliche Ächtung und Ausgrenzung Andersdenkender gibt es heute ebenso wie damals. Sie funktioniert inzwischen zwar viel subtiler als vor 70 Jahren, ist aber vielleicht gerade deswegen weit wirkungsvoller. Und der erzeugte öffentliche Druck bleibt nicht ohne Folgen. Beispiele sind die Energiewende, der Umgang mit Russland, die Islamdebatte und die Euro-Politik.

In Deutschland herrscht Meinungsfreiheit. Doch was nutzt dies, wenn es keinen ergebnisoffenen Diskurs mehr geben darf? Wenn Andersdenkende nur zu Scheingefechten oder zum Kreuzverhör ins Studio und aufs Podium geladen werden? Wenn Tabuzonen abgesteckt und jene, die sich an sie heranwagen, in die rechte Ecke gedrängt werden? Abweichende Meinungen werden zwar hingenommen, aber mit kollektiver politischer Anstrengung kleingeredet, lächerlich gemacht oder als populistisch verunglimpft. Die sogenannte politische Elite, eine Schar von wenigen Tausend Menschen, hat sich der Demokratie bemächtigt.

Sie arbeitet an der Erschaffung des Einheitsmenschen, der sich viel leichter lenken lässt, als die in Sonntagsreden beschworene pluralistische Gesellschaft. Mit medialem Dauerfeuer wird ein gewünschtes Denk- und Verhaltensmuster in die Köpfe der (vielfach unpolitischen) Bürger des Landes gehämmert, die dann in Umfragen und Studien den Ohrwurm der politischen Kaste mitsingen. Medien und Politik diskriminieren weite Teile der Bevölkerung, in dem Irrglauben, man bewahre auf diese Weise andere gesellschaftliche Gruppen vor Ungerechtigkeiten.

Über die Diskriminierung von Männern, Kinderlosen und Menschen, die sich für den Erhalt unserer westlichen Werte einsetzen, glaubt man, Frauen, Familien und Migranten einen Dienst zu erweisen. Das Gegenteil ist der Fall, weil eine zum Selbstzweck verkommene Political Correctness immer mehr Befindlichkeiten Raum gibt und neue Empfindlichkeiten weckt. Dazu gesellt sich eine geradezu wahrheitsverfälschende Verniedlichung des linken Extremismus, dessen moderatere Ausprägung sich allzu gerne hinter dem Totschlagargument "Soziale Gerechtigkeit" verschanzt.

Am Ende nutzt es niemandem, mit Blick auf die derzeitige Eskalation im Ukraine-Konflikt, dem Scheitern der Euro-Politik oder dem immer aggressiveren islamistischen Terror Recht gehabt zu haben. Vielleicht aber trägt es dazu bei, dass künftig kritisches, freies Denken wieder eine Chance in Deutschland hat. Oder, um es mit den Worten von Frank Schäffler zu sagen, der das Vorwort zu meinem aktuellen Buch "Endstation Klodeckel" geschrieben hat: " Wenn diese Freiheitskeime gedüngt, gehegt und regelmäßig gegossen werden, dann werden sie irgendwann auch wieder die Früchte einer offenen und freien Gesellschaft tragen."

"Endstation Klodeckel" ist unter ISBN 978-3-7347-4743-4 im Handel erhältlich.

Endstation Klodeckel

Lesen Sie mehr von Ramin Peymani in seinem Blog Klodeckel des Tages.