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Der Syrer - eine Flüchtlingsgeschichte

Veröffentlicht: Aktualisiert:
REFUGEE SUPERMARKET
Salah Malkawi via Getty Images
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Heute hatte ich eine interessante Begegnung mit einem jungen Syrer. Ich stand an der Supermarktkasse, als er versuchte, die Kassiererin nach den Einzelheiten der vom Discounter angebotenen Handy-Karte zu fragen. Die verstand aber kein Englisch, also half ich aus. Ich kam mit dem jungen Mann ins Gespräch. Eine gute Gelegenheit, mal von einem Betroffenen zu erfahren, was seine Motive zum Gehen waren und wieso er sich Deutschland ausgesucht hat.

Folgenden Dialog gebe ich aus der Erinnerung wieder:

"Woher kommst Du? Seit wann bist Du hier?"
"Syrien. Ich war ein Jahr lang in Gießen, bin jetzt hier bei Freunden und suche eine Wohnung."

"Dein Asylantrag wurde also anerkannt?"
"Ja, ich musste daher innerhalb von vier Wochen aus dem Camp und mir etwas suchen. Es ist schwer."

"Wie alt bist Du? Wo ist Deine Familie?"
"Meine Mutter lebt in Amerika, mein Vater ist schon lange tot. Meine Schwester lebt in Syrien."

"Bist Du mit Deiner Mutter geflohen? Warum ist deine Schwester nicht mitgekommen?"
"Nein, ich bin nicht geflohen. Keiner von uns muss fliehen. Das Assad-Regime ist zwar grausam und ungerecht, aber man kann in Syrien leben, wenn man sich nicht mit ihm anlegt."

"Und der IS?"
"Ich komme aus Damaskus, wie die meisten, die ich im Camp getroffen habe. Da gibt es keinen IS, das ist in anderen Regionen, zum Beispiel Richtung Irak."

"Willst Du damit sagen, die meisten Syrer fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung?"
"Ja. Meine Freunde und ich sind gegangen, weil wir nicht nur Armee wollten. Und weil es eben in Europa leichter ist, einen guten Beruf zu bekommen und Geld zu verdienen."

"Und warum kommen gerade jetzt so viele? Ist das Assad-Regime schlimmer geworden?"
"Nein. Er ist ja schon einige Jahre an der Macht. Er ist grausam und lässt Regime-Gegner umbringen, aber meine Familie und ich hat das nicht betroffen. Auch nicht meine Freunde."

"Warum also jetzt?"
"Im Sommer haben wir im Internet gesehen, dass Deutschland Menschen sucht, die dort leben wollen. Wir wurden von Euch eingeladen, hier her zu kommen. Und es hieß, der Staat würde für uns sorgen und wir würden hier eine Arbeit finden. Aber ich finde keine."

"Wo warst Du, als Du Dich auf den Weg gemacht hast?"
"In der Türkei. Ich habe da einige Zeit gelebt, nachdem meine Mutter zu Verwandten in die USA ausgewandert war. Ich habe aber kein Visum für die USA bekommen, obwohl meine Mutter dort eine Green Card hat."

"Und Du warst dorthin geflohen, wegen des Krieges in Syrien?"
"Nein (lacht). Ich bin da mit Freunden hin, weil wir dachten, wir finden dort Arbeit. In der Türkei hat es uns aber nicht gefallen."

"Und die Bomben? Und der Krieg?"
"Das gehörte zu unserem Leben, deswegen ist keiner, den ich kenne, aus Syrien weggegangen."

"Wie lange hast Du für Deinen Weg von der Türkei hierher gebraucht?"
"Etwa zwei Wochen. Ich wollte unbedingt nach Deutschland, weil dort auch jeder bleiben darf, nicht wie in anderen Ländern, die einen wieder wegschicken."

"Ist Deine Geschichte typisch für die Menschen, die aus Syrien weggehen?"
"Ich denke, die meisten gehen aus demselben Grund wie ich. Alles Männer in meinem Alter, die eben woanders besser leben wollen. Auf der Bootsüberfahrt nach Griechenland saß eine Frau mit einem Kind mit im Boot. Das war etwas besonderes für uns. Aber keiner hat sie angefasst, da hat einer der Männer aufgepasst. In Gießen habe ich dann einige Familien getroffen, aber die kamen wie ich aus Damaskus und sind nach Deutschland gekommen, weil man hier besser leben kann."

Eine Zufallsbegegnung, womöglich nicht repräsentativ. Dennoch interessante Einblicke aus erster Hand.

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