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Ein offener Brief an Frauke Petry

Veröffentlicht: Aktualisiert:
FRAUKE PETRY
dpa
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Sehr geehrte Frauke Petry,

ich als Kopftuchträgerin möchte mich bezüglich einiger Anliegen an Sie wenden. Ich habe einige Fragen an Sie. Zum einen über Ihr Verständnis von Integration in Deutschland und der sogenannten all umstrittenen „Willkommenskultur". Sie sprechen davon, dass ein Kopftuch dafür stehen würde, dass eine Muslima noch nicht in die Gesellschaft integriert ist.

Jetzt möchte ich mich mal zunächst mit der Frage beschäftigen: Was kennzeichnet sich denn eine Gesellschaft und durch was wird sie geprägt? Ich glaube wir sind uns alle einig, dass zuerst einmal das Grundgesetz das Fundament bilden sollte. Wer sich nicht an die allgemeinen Gesetze im Land hält, braucht gar nicht mitzureden.

Im Weiteren besteht eine Gesellschaft aus den Normen, Werten, Sitten und Traditionen, die in diesem Land beziehungsweise in der Region vorherrschen. Auch die Religion zählt für viele dazu. Dann natürlich die ungeschriebenen Regeln des Umgangs im Alltag und im Miteinander.

Auch könne man an dieser Stelle einzelne Gruppierungen, Strömungen und Institutionen zum Einfluss einer Gesellschaft dazu zählen. Und letztendlich als letzte und kleinste Instanz die Persönlichkeit des Einzelnen und die Entfaltung derer in dieser Gesellschaft. Die letzte Einheit ist nicht die unbedeutendste, denn all das, das vorangeht, bildet die Basis und den Spielraum für eine individuelle Entfaltung.

So jetzt wo es um die Diskussion geht, ob eine Muslima mit ihrem Kopftuch in die Gesellschaft integriert werden kann, beziehungsweise Sie behaupten, das sei nicht möglich, wollen wir diesen Sachverhalt anhand der deutschen Gesellschaft erörtern. Zumal der Terminus Gesellschaft von jedem anders definiert und ausgelegt wird, widmen wir uns der übergreifenden Definition in Wikipedia zu.

„Gesellschaft bezeichnet in der Soziologie und den anthropologischen Wissenschaften allgemein eine durch unterschiedliche Merkmale zusammengefasste und abgegrenzte Anzahl von Personen, die als sozial Handelnde (Akteure) miteinander verknüpft leben und direkt oder indirekt sozial interagieren."

Eine Gesellschaft grenzt sich also mit seinen Werten und Normen von einer anderen ab.

Jetzt würden Sie, liebe Frau Petry, behaupten: Die deutsche Gesellschaft toleriert keine Kopftuchträgerinnen, da Sie von der Norm, also unserer westlichen Gesellschaft abweichen. Hangeln wir uns nun an den verschiedenen Grundsteinen ab, die den Gesellschaftsbegriff zusammensetzen.

Das Kopftuch verstößt nicht gegen das Grundgesetz. Islamkritiker werden an dieser Stelle tief Luft holen und ihre einstudierten Parolen runter rattern. „Aber, aber das Kopftuch steht für Unterdrückung, steht für politische Motivation, steht für Radikalität, Ideologie und und und...".

Nein, ich spreche nicht von einer Minderheit, die sich radikalisiert, auch spreche ich nicht für die Frauen, die ein Kopftuch aus Zwang tragen müssen. Ich spreche auch nicht im Namen sogenannter muslimischer Länder und Regierungen, die behaupten nach dem Koran zu handeln.

Ich spreche von den Frauen, die ein Kopftuch tragen wollen. Die Frauen, die sich dafür entschieden haben, nicht ihren Körper, ihre Haare und anderes zu zeigen. Und diese Freiheit ist in der deutschen Grundordnung garantiert! Frau Petry, Sie können nicht behaupten, eine Muslima sei nicht integriert, nur weil sie sich dafür entschieden hat, ihre Individualität nach ihren eigenen Interessen zu formen.

Beantworten Sie mir die Frage: Verstößt Sie mit Ihrem Auftreten gegen das Grundgesetz? Ich behaupte hier an dieser Stelle, Sie verstoßen mit Ihrer Meinung gegen das Grundgesetz!

Vor wenigen Tagen reißt eine Frau, einem 13-jährigen Mädchen das Kopftuch herunter und Sie tätigen die Aussage, dass Kopftuchträgerinnen nicht Teil der deutschen Gesellschaft sein können. Wissen Sie was Sie damit anrichten? Sie fördern solche Taten! Mit solchen Behauptungen fördern Sie den Rassismus und stärken die Fremdenfeindlichkeit!

Auch wenn wir die Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit zur Seite schieben: Was ist mit der Unantastbarkeit der Menschenwürde? Als zweite Stufe kommen die Normen, Werte und Traditionen zur Rede. Die Norm wird heutzutage nach der Mehrheit definiert. Es ist kein Zweifel daran, dass wir uns daran orientieren, was im Trend liegt und was die anderen machen.

Mode gibt uns das Gefühl nach Zusammengehörigkeit, nach Einheit und nach Geborgenheit. Unterscheide ich mich von allen anderen, hat das auch gewisse Grenzen. Bis zu einer „Obergrenze" wird noch einiges toleriert. Fällt jemand jedoch komplett aus dem Rahmen wird das sofort abgelehnt
.

Wieso muss immer das richtig sein, was alle anderen machen?

Wieso kann ich mich als Mensch nicht so definieren, wie ich möchte? Vielleicht finde ich es schön lange Gewänder zu tragen, ohne Schuhe herumzulaufen, Dreadlocks zu haben oder ein Kopftuch zu tragen.

Nein liebe Frau Petry, ich möchte mit meinem Kopftuch nicht Deutschland übernehmen, die Scharia einführen oder andere beurteilen. Ich möchte nicht die Werte ändern, nicht eine „Islamisierung" bewirken. Alles was ich möchte, ist, akzeptiert zu werden.

Das ist auch meine Heimat. Ich liebe meine Heimat und hier will ich zum Fortschritt beitragen. Durch Ehrenamt, durch meine Meinung, durch Ideen und durch Liebe. Sie brauchen keine Angst vor mir zu haben. Ein Mensch kann radikale oder zutiefst extreme Gedanken haben auch ohne es zu zeigen.

Anhand des Äußeren kann keine Ideologie, kein Mensch festgemacht werden. Ich lehne jegliche Radikalität und Unterdrückung ab. Und so auch meine Religion der Islam. Nur leider ist über die Jahre der Kern und die wahre Botschaft im Islam immer mehr in das Abseits gerückt. Wenn Sie mir nicht glauben, dann lernen Sie mich kennen. Lernen Sie meine Glaubensbrüder und Schwestern kennen. Halten Sie sich nicht an gängige Stereotypen und negativ Beispielen.

Halten Sie sich nicht an den politischen Missbrauch von Religion. Nein, halten Sie sich an die Menschen. An die Menschen in Deutschland. An die Muslime in Deutschland. Und sagen Sie mir dann, ob diese nicht schon längst in diese Gesellschaft integriert sind.

Wir sind doch die Gesellschaft. Wir zusammen! Eine Gesellschaft besteht nicht nur aus Einseitigkeit und Mainstream. Wir, mit unserer bunten Vielfalt, unseren verschiedenen Kulturen und Meinungen bilden eine Gesellschaft. Ja, auch die deutsche Gesellschaft.

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