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Wie ich einem IS-Kämpfer klarmachte, dass er missbraucht wurde

26/11/2017 12:18 CET | Aktualisiert 26/11/2017 12:18 CET
Diy13 via Getty Images

Ramazan Demir ist Gefängnis-Seelsorger in Wien. Unter den Männern, um die er sich kümmert, sind auch Radikale. Wenn er auch nur eine kleine Chance sieht, die Männer umzustimmen, versucht er es. Wie, beschreibt er in seinem Buch:

Mansur, ein Mann kurdischer Abstammung in den mittleren Zwanzigern, ist so ein Träger von Zweifeln. Darum kommt es überhaupt erst zu einem ersten Gespräch zwischen uns.

Seine verschlossene Art bei den Freitagsgebeten ist mir schon lange aufgefallen, und eines Tages, unmittelbar nach dem Gebet, biete ich ihm eine Unterhaltung an. Mansur zögert nicht lange, nickt stumm.

Wie üblich, ist erstmal das Schöpfen von Vertrauen angesagt. Und so drehen sich unsere ersten Treffen auch nur um Alltägliches, doch nicht Belangloses: die Familie, die Haft, der baldige Prozess, solche Dinge. Und erst allmählich, als folgte man den Windungen eines Schneckengehäuses zu seinem Ursprung, nähern wir uns dem Kern. Dem Kern seiner radikalen Gesinnung.

Wir sprechen über die Türkei. Dann auch über Syrien, wo er bereits einmal als IS-Kämpfer gewesen ist. Unvermutet beugt Mansur sich über den kleinen Tisch, und ich wappne mich innerlich bereits für eine ausführliche Lebensbeichte.

"Egal, was wir hier reden, Imam", sagt er. "Wenn ich hier raus bin, gehe ich zurück nach Syrien." Er habe blendende Kontakte in der Region, habe auch, kurz vor seiner Verhaftung, via Skype erste Details seiner Rückkehr ausverhandelt.

Die angebliche Pflicht, in den Krieg zu ziehen

Ich fange mich rasch. "Du willst zurück in den Krieg?" Er schweigt, also fahre ich fort. "Warum willst du das tun?"

"Weil es unsere Pflicht ist."

"Ist es eure Pflicht, schuldlose Menschen, Frauen und Kinder zu töten?"

Mansur funkelt mich aus seinen Knopfaugen an, sagt jedoch kein Wort.

"Ich bin auch Muslim", sage ich. "Ich bin sogar Imam. Aber ich kämpfe nicht in Syrien, und ich habe es auch nicht vor. Kenne ich deshalb meine Pflichten nicht? Nun?"

Schweigen.

"Warum sind mehr als 99 Prozent aller Muslime weltweit gegen den IS? Kennen sie alle ihre Pflichten nicht?"

Mansur versteht kein Arabisch

Mansur hebt den Kopf, und ich erkenne, dass ein paar Tropfen Wasser den Samen seines Zweifels erreicht haben. Und eine innere Stimme sagt mir, dass es diesem Samen nach mehr dürstet. Also setze ich mit einem Koranvers nach. Auf Arabisch.

Mansur sieht mich irritiert an.

"Du verstehst es nicht? Also gut, ich übersetze für dich: 'Wer einen Menschen tötet, so ist es, als ob er alle Menschen getötet hätte. Und wer einen Menschen am Leben erhält, so ist es, als ob er alle Menschen am Leben erhält.' Kennst du die Sure?"

Mansur schweigt.

"Allah sagt das im Koran. Sure 5, Vers 32. Schlag es in der Anstaltsbibliothek nach, wenn du mir nicht glaubst. Nun, was willst du? Die Menschheit töten oder sie retten?"

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Abermals antwortet Mansur nicht, doch seine Angespanntheit knistert hörbar. Der ganze junge Mann steht unter Strom. Ich muss innerlich schmunzeln, denn auf einmal steht mir das Bild eines Zitteraals vor Augen, wie ich erst Tage zuvor einen im Fernsehen gesehen habe. Ich glaube, es war die Universum-Reihe.

Zitteraale sondern ihre teils enormen Stromstöße nicht bloß beim Angriff auf Beute ab, sondern vor allem auch im Zustand von Bedrohung. Zur Verteidigung.

Der fatale Einfluss des Cousins

"Wer erlaubt uns zu töten?", frage ich.

"Ich habe mit Islamexperten in der Türkei gesprochen", sagt Mansur. "Mit Experten. Und die wissen ..."

"Dort wissen sie was? Was Allah will?"

Er nickt.

"Sind das Freunde von dir?"

Abermals Nicken. Dann: "Eigentlich mein Cousin. Und seine Freunde."

"Kennst du sie gut?"

"Sehr gut."

"Wie oft besuchst du deinen Cousin und seine Freunde?"

"Jedes Jahr."

Ich sehe ihn zweifelnd an, einen endlosen Augenblick lang. Mansurs Augen flackern. "Also gut. Jedes zweite Jahr. Mindestens."

"Was genau erzählen dein Cousin und seine Freunde?"

"Dass wir die Ungläubigen töten müssen. Dass es so im Koran steht. Arif weiß das."

"Arif ?"

"Er ist der Älteste."

"Und woher weiß es Arif?"

"Er weiß es eben."

"Behauptet Arif auch, dass er sich im Islam sehr gut auskennt?"

Misstrauische Blicke in meine Richtung, dann erst ein zögerliches Ja.

"Wenn er sich also auf den Koran beruft ... hast du die Verse schon einmal nachgeschlagen?"

Schweigen.

"Welche Stelle hat er zitiert? Weißt du es noch ... so ungefähr?"

Jetzt scheint Mansur seine Chance zu wittern. "Ja!", ruft er. "Dass wir für unsere Geschwister kämpfen und die Ungläubigen töten müssen."

"Also gut", sage ich, wissend, dass die Zeit abgelaufen ist, aber auch, weil das viele Gesagte in Mansur sickern soll, "wir reden ein andermal weiter."

Mansur wirkt enttäuscht

Gleich beim nächsten Treffen knüpfe ich den Gesprächsteppich an derselben Stelle fort. "Dieser Vers mit dem Töten von Ungläubigen ...", eröffne ich.

"Ja?"

"Der steht tatsächlich im Koran."

Mansur starrt mich an. Er macht einen nahezu enttäuschten Eindruck auf mich. Als hätte der schon ein stückweit etablierte Keim des Zweifels in seinem Sprießen einen unerwarteten Dämpfer erlitten.

"Kennst du auch die Verse davor und danach?"

Ich hätte mir die Frage ersparen können. Natürlich kennt Mansur sie nicht. Natürlich ist auch er der willkürlichen Entnahme eines obendrein verzerrten Koran-Zitates durch IS-Schergen erlegen.

"Denkst du, du würdest deinen muslimischen Geschwistern helfen, indem du mordest? Wenn du womöglich selbst dein Leben verlierst und deine Mutter, deine leiblichen Geschwister alleine zurücklässt?"

Augenzucken. Schweigen.

Der IS - eine einzige Lüge

Ich lege nun einige Strenge in meine Stimme. "Allah will, dass du der Gesellschaft, in der du lebst, dienlich bist. Dass du dich in sie einfügst. Willst du etwas für Allah tun? Ja? Also gut. Es gibt viele Wege. Aber nicht einer heißt: 'Töte andere Menschen.' Allah gibt das Leben. Allah nimmt das Leben. Er allein darf das."

"Aber, Imam ..." Mansur zieht die Stirn kraus. "Der IS ... dass er eine einzige Lüge ist ... das kann nicht sein."

"Warum nicht? Behauptet nicht der IS genau dasselbe? Dass der Westen und seine Demokratie eine einzige große Lüge sind? Die Zahl der IS-Anhänger ist im Vergleich zur gesamten Menschheit glücklicherweise verschwindend gering. Und doch geben sie vor, die Wahrheit ganz allein für sich gepachtet zu haben.

Allah fordert uns im Koran dazu auf, unser Hirn einzuschalten. Sollte es uns nicht wenigstens zu denken geben, wenn von - sagen wir - zehntausend Menschen ein einziger behauptet, der Himmel ist tiefschwarz, obwohl auch alle anderen ihn vor Augen haben und sehen, dass er hellblau ist?"

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Auch bei Mansur spule ich auf eine gewisse Weise mein "Programm" ab. Jenes, das ihn zum Nachdenken bringen soll. Das ihn dringende, ihn bedrängende Fragen auch an sich selbst richten lässt. Ohne meinen erhobenen Zeigefinger.

Und auf eine gewisse Weise verliere ich dabei nie den Menschen aus den Augen, der da von Angesicht zu Angesicht vor mir sitzt. Seine ganz persönlichen Umstände. Seine ganz persönlichen Fehlansichten, die auch mir einen ganz persönlichen Zugang abverlangen.

"Es ist unmenschlich, zu morden", sage ich. "Der IS ist unmenschlich. Und er ist zutiefst unislamisch."

Ich halte abrupt inne, reiche ihm die Hand, erhebe mich. "Ich muss jetzt weiter. Sprechen wir das nächste Mal darüber." Ganz bewusst erkläre ich unser Treffen für beendet. Ein paar Minuten früher als veranschlagt. Mansur hat genug zu kauen und verdauen.

(...)

Er ist sichtbar geknickt, murmelt unentwegt Worte wie Alles falsch gemacht in seinen Dreitagesbart. Unübersehbar hat Mansur auf das richtige Gleis eingeschwenkt.

Gesäugt mit einer Muttermilch voller Nährstoffe, die ein tolerantes Miteinander heranwachsen lässt, mag das Hervorheben einer solchen Einsicht lachhaft, weil selbstverständlich erscheinen.

Tatsächlich bedeutet sie für einen jungen Mann wie Mansur eine enorme Zäsur.

Das Abbröckeln dessen, woran er unverbrüchlich geglaubt, ja, woran er seine ganze Existenz geknüpft hat. Das muss ihm so erscheinen, als würde ein Ritter plötzlich ohne Rüstung dastehen. Mit nichts darunter. Splitternackt.

Mansur zittert wie ein Heroinsüchtiger

Ich besuche Mansur ab und an in seiner Zelle, und wenn der Beamte die Klinke umlegt und die Türe aufschwingt, finde ich den jungen Mann bisweilen in Zuständen vor, die an Heroinsüchtige auf kaltem Entzug erinnern - jene Spielart, wie man sie aus Filmen kennt. Man zittert am ganzen Leib, schwitzt, weint, verkrampft den Körper, beißt sich die Fingernägel blutig.

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Manchmal sitzt er aber auch nur apathisch da, starrt Löcher in die Luft . Je nachdem. Einmal will er mit dem Kopf gegen die Wand schlagen, als ich, von ihm unbemerkt, die Zelle betrete. Auch das ein Zeichen des Kampfes, den er gegen sich selbst führt.

"Allah wird mir niemals verzeihen", stammelt er.

"Allah ist allbarmherzig und allgnädig", erwidere ich. "Was immer du getan hast, er verzeiht dir."

"Aber, Iman. Meine Sünden sind zu groß."

"Nicht die Schwere der Sünden gibt den Ausschlag, sondern die Tiefe deiner Reue. Allah nimmt die Reue eines jeden Sünders bis zum letzten Atemzug. Solange es nur aufrichtige Reue ist."

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Der Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "Unter Extremisten. Ein Gefängnisseelsorger blickt in die Seelen radikaler Muslime."

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

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