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Als Gefängnis-Imam habe ich schon viele Extremisten gestoppt. Mit einer simplen Frage

25/11/2017 12:03 CET | Aktualisiert 26/11/2017 14:17 CET
Getty Images, edition a

Der gebürtige Pfälzer Ramazan Demir ist muslimischer Gefängnis-Seelsorger in Österreich. Der Umgang mit Extremisten gehört für ihn zum Alltag. Viele von ihnen sind überzeugt, dass ihnen die Religion es gebiete, sogenannte Ungläubige zu töten. Und viele von ihnen hat Demir umstimmen können, wie er sagt. Mit der simplen Frage: "Wo genau im Koran steht denn diese Vorschrift?"

Adam (Namen aller Beteiligten geändert) war mein erster Schwerverbrecher. 19 Jahre alt, drahtig, blass. Mörder seiner Schwester Esra. Überzeugt, dass seine tödlichen Messerstiche vom Islam gedeckt waren - schließlich hat Esra mit einem Mann geschlafen, mit dem sie nicht verheiratet war.

Ich bin der Leiter aller Gefängnis-Imame für Österreich und zusammen mit weiteren ehrenamtlichen Kollegen zuständig für die Seelsorge an den 2044 Muslimen unter den 9500 Gefangenen im Land.

Ich wollte nie Gefängnis-Imam werden

Eigentlich wollte ich diesen Beruf nie ausüben. Ich hatte wie wohl die meisten Menschen Scheu vor dem Gefängnis, vor den Menschen, die ich dort treffen würde. Vor sieben Jahren - ich war in meinem letzten Semester Islam-Studium an der Islamischen Akademie in Wien -

habe ich mich dann von einem Kollegen breitschlagen lassen, mir Österreichs größtes Gefängnis, Wien Josefstadt, wenigstens einmal zu besuchen. Und habe gesehen, wie sehr die Arbeit dort nötig ist.

Adam war überzeugt davon, dass die tödlichen Messerstiche richtig waren. Warum? "Weil es der Islam verlangt." Sicher? "Mein Opa hat gesagt, ich muss sie umbringen. Er betet immer, also muss er sich mit dem Islam ja auskennen."

Adam, der Schwestermörder

Nachdem Adam beschlossen hatte, sich mir zu öffnen, hat es 20 Minuten gedauert, ihm zu erklären, dass das, was er beschrieb, die Interpretation einer überkommenen Tradition war, nicht der Religion. Dass das, was er getan hatte, definitiv nicht islamisch war.

Adam war völlig zerstört. Er hat nur noch geweint. Er hat erst dann wirklich verstanden, dass seine zwei Jahre ältere Schwester nicht mehr da war. "Und ich bin der Schuldige. Ich habe sie umgebracht."

Es ist fürchterlich, wozu Unwissenheit führen kann. Deshalb habe ich mich entschieden, das, was ich in der Betreuung Hunderter Muslime im Knast erlebt habe, nicht für mich zu behalten, sondern anonymisiert zu veröffentlichen.

Mansur, der IS-Sympathisant

Mansur ist einer von den vielen Radikalen, mit denen ich zu tun habe. Er war mir aufgefallen bei den gemeinsamen Gebeten, weil er sich gar so abkapselte. Ich habe gefragt, ob er allein mit mir reden will. Er wollte.

Wie immer musste ich erst einmal Vertrauen aufbauen. Wir redeten über seinen Prozess, den Knast, das Übliche. Plötzlich beugte er sich über den Tisch in diesem kleinen Zimmer, in dem wir allein waren. Und sagte:

Sobald er wieder draußen ist, wird er runterfahren nach Syrien, um mit dem IS zu kämpfen. Wie er es schon einmal getan hatte. Denn nur der IS sei wirklich islamisch. Warum er das glaube? Sein Cousin habe ihm das gesagt. Der kenne den Koran. Da stehe, man müsse Ungläubige töten.

Ich habe ihn gebeten, mir die Stelle zu zeigen. Er konnte es nicht. Also habe ich ihm, die von ihm falsch übersetzte und interpretierte Stelle, gezeigt. Und ich habe ihn auf die Stelle hingewiesen, in der steht, dass derjenige, der einen anderen tötet, so handelt, als töte er alle Menschen. Er kannte sie nicht.

Letztlich habe ich erreicht, dass er nicht in den Krieg gezogen ist. Er hat gelernt, den Islam, so wie er ist, als Friedensbotschaft zu verinnerlichen.

Die Mitläufer haben keine Ahnung von ihrer Religion

In den Tausenden Stunden, die ich nun Muslime im Gefängnis betreut habe, ist mir wieder und wieder aufgefallen, dass die meisten, die sich aufführen, als hätten sie die Heilige Schrift selbst verfasst, keinen blassen Schimmer davon haben.

Der Koran ist das pure, unkommentierte Wort Gottes. Was nicht heißt, dass er deswegen immer wörtlich zu nehmen wäre. Man muss die historischen Bezüge verstehen, um ihn zeitgemäß deuten zu können.

Dazu muss man die Sunna kennen - das, was Prophet Mohammed wirklich getan und gesagt hat. Natürlich ist es gut 1400 Jahre später eine Herausforderung die Authentizität zu überprüfen. Muslime haben dafür Abertausende Hadithe, Überlieferungen über Mohammeds Wirken. Manche von Mohammeds Taten sind durch eine Vielzahl historischer Quellen gut belegt, zu anderen gibt es schwache und lückenhafte Überlieferungen, die mit allergrößter Vorsicht zu genießen sind.

Wer sich damit nicht auskennt, fällt leicht auf Hassprediger herein. Die missbrauchen die Terminologie und picken einzelne Sätze aus dem Koran heraus und geben sie in anderem Kontext wider. Adam und Mansur haben diese Art von Giftköder geschluckt. Wie viele andere auch.

Freie Bahn für Hassprediger

Wenn zum religiösen Unwissen dann noch soziale Probleme kommen, haben Hassprediger ganz leichtes Spiel:

Das können Traumata aus Kriegen sein, wie bei Mansur aus Tschetschenien. Oder Identitätsprobleme und die Suche nach Anerkennung, weil sie ohne Vater aufwachsen und sich Ersatz-Väter suchen. Oder Anti-Islam-Kampagnen wie die von der AfD in Deutschland oder der FPÖ in Österreich. Sie sehen, dass sie hier gehasst werden und fragen sich, wo sie denn zuhause sind, wo sie nicht mehr als Nichtsnutze gemobbt werden.

Und dann kommen die Extremisten, die sie verblenden. Und das Schlaraffenland im IS-Gebiet versprechen. Sie erzählen den jungen Männern vom Schlaraffenland dort, denn die verlassenen Villen der Reichen in Syrien, die dürften jetzt sie bewohnen.

Deswegen wäre es so wichtig, dass Muslime guten Religionsunterricht bekommen. Damit sie lernen zwischen Religiösen und Radikalen zu unterscheiden, zwischen Kultur, Tradition und Religion.

Deswegen wäre es so wichtig, dass Politik und Medien nicht alle Muslime in einen Topf werfen und mit Paranoia auf sie reagieren und sie aus der Gesellschaft ausschließen.

Amr hasst mich, weil ich für den Staat arbeite

Viele Experten warnen, dass sich viele Muslime erst im Gefängnis so richtig radikalisieren. Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Das stimmt.

Im Gefängnis sind alle Insassen in einer besonders heiklen sozialen Situation, also besonders anfällig für radikale Leader-Typen - von ihnen gibt es einige im Knast.

Als Imam versuche ich, diese Leader von ihrem radikalen Kurs abzubringen. So weit das eben geht, wenn man als Imam in der größten Justizanstalt Österreichs über 300 muslimische Häftlinge betreuen soll. Und das noch ehrenamtlich. Unfassbar.

Aber wenn die Leader schon Anerkennung von einer Gruppe deswegen bekommen haben und nun das Gesicht wahren wollen, wird es extrem schwierig.

Amr aus Tschetschenien war so einer. Er sagte mir, ich sei "die Pest", weil ich als Gefängnis-Imam für den Staat arbeite. Leute wie ich stünden beim IS auf der Todesliste. Ich habe wieder und wieder mit ihm gesprochen und fragte irgendwann, ob er mich beschützen würde, wenn jemand käme, um mich zu töten. "Warum sollte ich wenn er doch recht hat?", sagte er.

Damals lief es mir kalt den Rücken herunter. Heute weiß ich, wie bitter ernst es IS-Sympathisanten ist, mich loszuwerden.

Warnung, dass ich kaltgemacht werden soll

Musa, ein anderer tschetschenischer Häftling und Ex-IS-Kämpfer, dessen Vertrauen ich gewonnen hatte, ließ mir eine Warnung zukommen: Seine Landsleute würden mich kaltmachen, wenn sie freikämen.

Musa war dabei, wenn IS-Schergen ihre Gegner an das Heck eines Geländewagens gebunden und durch eine Stadt geschleift haben. Er war bei vielen Gräueltaten in Syrien dabei. Er weiß also, wovon er spricht.

Erst kürzlich hat der österreichische Verfassungsschutz die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich darüber informiert, dass die offizielle Zeitschrift des IS dazu aufgerufen hat, alle Imame der Unislamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich zu ermorden. Freunde teilten mir mit, ich solle "aus der Schusslinie" verschwinden.

Aber ich will meine Arbeit weitermachen. Ich muss es tun, um der Insassen willen, bei denen ich noch etwas ausrichten kann, und um der Gesellschaft willen.

Die Sache mit der Schweigepflicht

Leute wie Amr kann ich schwer umstimmen. Aber ich kann verhindern, dass er andere radikalisiert.

Ich unterliege als Gefängnis-Imam der Schweigepflicht. Ohne das Vertrauen, das ich dadurch genieße, wäre meine Arbeit wertlos. Deswegen spreche ich sowohl gegenüber den Justizbeamten als auch öffentlich nur anonymisiert über das, was ich in den Vier-Augen-Gesprächen erfahre.

Was ich in Fällen wie von Amr aber machen kann: Ich kann der Anstaltsleitung sagen, dass sie so jemanden wie Amr nicht mit anderen Muslimen eine Zelle setzen dürfen.

Der Typ, der auf Amerikaner schießen wollte

Ein Insasse sagte, sobald er draußen ist, würde er einen Amerikaner erschießen. Es war einer der Fälle, in denen ich es mit meinen Gewissen nicht vereinbaren konnte zu schweigen, solche Angst hatte ich um die Menschen da draußen.

Ich musste und konnte jedoch erreichen, seine Augen zu öffnen. Vertrauen aufbauen und die eigene Einsicht des Gegenüber fördern, Verschwörungstheorien und Vorurteile beseitigen, Aufklärung über die falsche Sichtweise des Islam, all das ist für die Deradikalisierung von großer Bedeutung.

Ich möchte mit meiner Geschichte keine Panik schüren. Aber ich möchte klar machen: Die Bedeutung von Religion nimmt in Haft zu und wenn die Imame nicht vor Ort sind, um die religiösen Bedürfnisse der Muslime zu stillen, dann übernehmen Mithäftlinge diese Aufgabe und sorgen dafür, dass die Gefängnisse eine Brutstätte für Radikalisierung sind.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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Ramazan Demir ist Autor des Buchs: "Unter Extremisten. Ein Gefängnisseelsorger blickt in die Seelen radikaler Muslime."

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.

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