BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Ralf Oldenburg Headshot

Meine Begegnung mit Wiktor Juschtschenko

Veröffentlicht: Aktualisiert:
JUSCHTSCHENKO
Muuumi
Drucken

Einst war Wiktor Juschtschenko der Held der Orange Revolution in der Ukraine. Er und seine Mitkämpferin Julia Timoschenko versprachen dem Land Demokratie, Wohlstand und eine schnelle Integration in die EU und Nato. 2005 wurde Juschtschenko dafür zum Präsidenten des Landes gewählt, doch keine seiner Versprechen konnte er umsetzen. 2010 wollten ihn nur knapp sechs Prozent der Ukrainer wiederwählen - ein desolates Ergebnis.

Sein Nachfolger wurde der pro-russische Präsidentschaftskandidat und Juschtschenkos Erzfeind Viktor Janukowitsch, der während den Aufständen in den vergangene Wochen gestürzt wurde. Was bis heute unklar bleibt ist, wer Juschtschenko während seines Wahlkampfs 2004 mit Dioxin vergiftete und so fast tötete. In der Ukraine wird Russland verantwortlich gemacht. Dieser Auszug einer noch unveröffentlichten Biographie Juschtschenkos ist ein Aufklärungsversuch.

Die Begegnung mit Wiktor Juschtschenko hat mich emotional sehr berührt. Dem ukrainischen Präsidenten steht es im wahrsten Sinne des Wortes ins Gesicht geschrieben, was er für seine Überzeugungen erlitten hat. Die Narben vom Giftanschlag im Herbst 2004 indes sind inzwischen verblasst, das Gesicht ist glatter als befürchtet.

Ein schmaler Mann, jugendlicher Körper, filigrane Hände, eine feine, romantisch anmutende Person. Und die Stimme leise, beinahe sachlich, wie man es von einem gelernten Buchhalterund ehemaligen Nationalbankpräsidenten auch erwarten darf. Wie der Dolmetscher überhaupt etwas verstehen konnte, bleibt mir bis heute rätselhaft.

Er beginnt zu reden, spreizt Finger und Worte, dreht mit der Hand kleine Pirouetten in die Luft, prescht in seinem Tempo des wechselseitigen Ausgleichs und Kompromisses vor, dem man entweder folgt oder es lässt, zeigt sich gegenwärtig, vital, auf der Höhe, die Hand an der Brille, am Kinn, unter dem Mund. Hat er es mit Wörtern zu tun, die ihm unangenehm sind, dann winkt er sie mit zwei, drei Fingern ungnädig zur Vorführung heran.

Oder er lässt sie in einer wegwerfenden Bewegung von der Armbeuge zur Hand hin abrollen. Oder er wischt sie, kaum gesagt, vom Tisch. Spricht er aber Wörter aus, denen er vertraut, dann hebt er sie mit ausgestreckten Händen ans Licht und begleitet seine Sätze mit beinahe schon schüchternen Gesten, bis ihr Sinn ganz erfasst ist. Ein geformter Mensch.

Präsidentschaftswahlen und Dioxin-Vergiftung

Juschtschenko habe die Einladung angenommen, um den Geheimdienst zu einer neutralen Haltung im Wahlkampf zu bewegen, heißt es in der Tageszeitung „Ukrainskaya Prawda". Es habe nämlich zuvor eine Reihe von Übergriffen auf Oppositionspolitiker gegeben, die auch auf das Konto des FSB gegangen seien. Daher habe er verdeutlichen wollen, dass das Recht eingehalten werden müsse. Dessen Reaktion sei korrekt und klar hinsichtlich bestimmter Vorfälle gewesen. Und Juschtschenko hatte den Eindruck, der FSB-Chef habe auch verstanden.

An diesem Abend des 5. September wurden die Männer von neun Bediensteten beköstigt, darunter von zwei usbekischen Köchen, die „Plov", eine Spezialität ihres Landes, für die Gesellschaft zubereiteten. Laut späterer Zeugenaussage brachten die Bediensteten lediglich den „Plov" herein, während alle anderen Speisen - Rahmsuppe, Sushi, Flusskrebse und Wassermelonen - sowie Wein, Brandy und Schnaps auf dem Tisch bereits auf die Herren warteten. Keiner der Teilnehmer verließ während des Essens das Zimmer.

So konnte nur der „Plov" vergiftet sein, folgerte später die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft. Das Bedienungspersonal wird von der Polizei verhört - kein Ergebnis. Doch: sind Smeschko und Stasiuk so dumm und organisieren eine gemeinschaftliche Vergiftung des Präsidentschaftskandidaten, dessen Tod unweigerlich ihre beiden (politischen wie privaten) Todesurteile bedeutet hätten? Warum Zeugen (oder Mitwisser) zulassen, die früher oder später darüber plaudern würden?

Am frühen Morgen des 6. September kam Juschtschenko - aus Tschernikow wieder zurück in Kiew - nach Hause. Schon in der Nacht hatte er über starke Kopfschmerzen sowie Übelkeit geklagt. Einem Untersuchungsbericht des ukrainischen Parlaments zufolge ließ Juschtschenko am Morgen des 6. September einen Masseur in sein Kiewer Haus kommen. Der sagte später aus, der Politiker habe krank ausgesehen. Auch ärztliche Hilfe sei bereitgestellt worden.

„Ich kann mich sehr gut daran erinnern", sagt Juschtschenkos Ehefrau Katarina in einem Gespräch mit der Kiewer Wochenzeitung „ZerkaloNedeli". „Ich küsste ihn, wie üblich, und bemerkte einen eigenartigen Geschmack nach Medizin auf seinen Lippen. Ich fragte ihn, ob er Medizin genommen habe, aber Wiktor sagte Nein". Juschtschenko habe beim Essen nichts Besonderes geschmeckt, berichtet später sein behandelnder Arzt, Dr. Nikolai Korpan, ein aus der Ukraine stammender und seit vielen Jahren in Wien tätiger Allgemeinchirurg, der im Rudolfinerhaus als Belegarzt ordiniert. TCDD - die Bezeichnung für Vertreter der chlorierten Dioxine, die vier Chloratome enthalten - ist geschmacksneutral.

Die Ärzte fanden TCDD im Körper Juschtschenkos. Wie kann es also sein, dass seine Frau ein geschmacksneutrales Mittel noch stundenspäter irritieren konnte? Der Politiker schenkte dieser Situation keinerlei Aufmerksamkeit und ging schlafen.

Klagen über starke Kopfschmerzen

Gegen Mittag des 6. September - bereits außer Haus - klagte Juschtschenko gegenüber einem seiner Sicherheitsleute über starke Kopfschmerzen. Der reichte ihm ein „Alka-Selza". Mehr schien nicht nötig zu sein. Am frühen Nachmittag desselben Tages reisten Juschtschenko und seine Sicherheitsleute nach Bodenki (Wyshgorodsky-Region) ins idyllisch gelegene Gesundheitszentrum „Sirius". Dort trank der Oppositionsführer Kumys, dickflüssige Sauermilch, und nahm Saunabäder. Eine vielleicht dadurch erhoffte Besserung seines Gesundheitszustandes trat indes nicht ein. Neben Bauch- und Rückenschmerzen kamen noch Knochenschmerzen hinzu. Die Symptome verteilten sich und weiteten sich schon auf andere Körperteile aus. Nach einem der Saunagänge - bereits auf dem Weg zurück nach Kiew - erbrach sich Juschtschenko mehrmals. Die Hausärztin Dr. Schischkina wurde gerufen und traf kurze Zeit später im Haus des Oppositionsführers ein.

Später schreibt sie in Juschtschenkos Krankenkartei: „Am 6. September um 20 Uhr abends Diagnose erster Krankheitssymptome - Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen." Aber bereits eine Stunde später - solange wird sie wohl im Haus Juschtschenkos geblieben sein - notiert sie eine „durch Nahrung verursachte schwere Gastritis" sowie eine „unbestimmbare Lebensmittelvergiftung".

„Unbestimmbar" - aufgrund des atypischen Verhaltens des Politikers. Tatsächlich führt Juschtschenko gegenüber „Iswestija" am 28.12.2004 aus: „Ich hatte schon immer die Gewohnheit, nicht zu frühstücken, mittags nichts zu essen, aber das Abendbrot zu mir zu nehmen." Es war also praktisch unmöglich, alle Essenskombinationen innerhalb der letzten sieben Tage exakt zu analysieren und daraus Rückschlüsse auf Vergiftungsformen zu schließen. Dr. Schischkina beschloss, Juschtschenkos Magen auszupumpen, doch der Politiker weigerte sich hartnäckig. Mit Erfolg. Und er lehnte auch eine vorübergehende Einweisung in das Krankenhaus „Feofania" ab - die Klinik in Kiew, in der später seine Mutter bis zu ihrem Tod am 31.1.2005 behandelt werden sollte.

Am frühen Morgen des 7. September rief Katarina, Juschtschenkos Frau, völlig verzweifelt und nervös, David Zhvania an und teilte ihm mit, dass sich der Gesundheitszustand ihres Mannes stündlich verschlechtere. Um 8.15 Uhr untersuchte Dr. Schischkina ihren Patienten erneut - die inneren Organe waren unverändert. Doch: können bei einem Hausbesuch überhaupt ganz konkrete Aussagen erzielt werden? Von ihr erhielt Juschtschenko das Medikament „Regidron", ein Mittel, das den Durchfall stoppen sollte, gab dem Politiker den Rat, sich des Essens zu enthalten und verließ das Haus. Doch Juschtschenko hörte nicht auf die Worte der Ärztin - eine zeitweilige Diät kam für ihn nicht in Frage, und auch seine Freunde rieten ihm ab.

"Eine allgemeine Schwäche"

Am Abend desselben Tages sprach Katarina Juschtschenko zum ersten Mal im engen Freundeskreis von einer vorsätzlichen Vergiftung ihres Mannes. Doch niemand schien besorgt. Am Morgen des 8. September informierte Juschtschenko Dr. Schischkina darüber, dass seine Kopfschmerzen verschwunden seien. Stattdessen fühle er „eine allgemeine Schwäche". Auf Empfehlung des Parlamentsabgeordneten und ehemaligen Vorsitzenden des Obersten Rates der Ukraine, Iwan Pljuschtsch, ging Juschtschenko in die Sauna und bekam auch Massagen. Kurze Zeit später, zurück in seinem Haus, besuchte ihn der damalige Chef der Präsidialadministration, Alexander Sintschenko, der einen chinesischen Fachmann für Akupunktur mitbrachte. Offensichtlich waren die Rückenschmerzen so stark, dass eine Akupunktur als sinnvoll erachtet wurde.

Dr. Schischkina besuchte Juschtschenko am Abend des 8. September auf eigenen Wunsch und musste feststellen, dass ihr Patient im Laufe des Tages keinerlei Diätregeln eingehalten, stattdessen Speck mit Knoblauch gegessen und dazu Kumys und Mineralwasser getrunken hatte. Juschtschenko informierte seine Ärztin über starkes Unwohlsein im Magen und darüber, dass leichte Kopfschmerzen ihn wieder heimsuchten. In der Nacht zum 9. September erhielt Juschtschenko Besuch von zwei Ärzten des Stadtkrankenhauses Nr. 1: V. Kulikov, Chefarzt der Neurologischen Abteilung, und dem Assistenten des Chefarztes der ganzen Klinik, N. Kutscherenko. Sie stellten eine starke Übermüdung und klar diagnostizierbare schmerzhafte Symptome - Kopf- und Rückenschmerzen sowie Magenprobleme fest. Entsprechend dieser neurologischen, ambulant durchgeführten Untersuchung ihres Patienten hielten sie als Ergebnis fest: „keine Symptome einer Schädigung des Nervensystems erkennbar". Juschtschenko weist eine genauere Untersuchung im Hospital auf Anraten der beiden Ärzte ab.

Am 9. September, morgens, beklagte er gegenüber Dr. Schischkina starke Rückenschmerzen und Schmerzen in der Brustgegend. Um einen sich ankündigenden Herzinfarkt auszuschließen, macht Schischkina ein EKG und nimmt eine Blutprobe zur Untersuchung. Juschtschenko spricht erstmalig von dem Gedanken, in naher Zukunft nach Österreich zu fahren, um sich einer medizinischen Behandlung dort zu unterziehen. Am Mittag des 9. September statteten mehrere Ärzte des Stadtkrankenhauses Nr. 1 Dr. Schischkina, die während der ganzen Zeit bei ihrem Patienten war, einen Besuch ab: Kutscherenko, Kulikov, Pisartschuk und Kononjuk.

Das Ergebnis dieses Gesprächs - in Abwesenheit Juschtschenkos: Ratlosigkeit. Das Krankheitsbild des Patienten so atypisch, dass sie nicht erklären konnten: Schmerzsymptome sichtbar, aber Blutwerte und EKG-Befund unauffällig; das Fehlen organischer Veränderungen. Um die Schmerzkrämpfe zu lösen, wurde Juschtschenko „Spazmalgon" injiziert. Doch die Schmerzen steigerten sich. Um 00.05 Uhr am 10. September kam der Oppositionsführer in Begleitung mehrerer Personen mit dem Charterflug VPCGL nach Wien in das 120 Jahre alte private Nobelspital Rudolfinerhaus, wo er sich zunächst für acht Tage aufhalten sollte. Nikolai Korpan erwartete ihn bereits am Flughafen.

Prof. Dr. Michael Zimpfer, seit drei Jahren Präsident des Aufsichtsrats des Rudolfinerhauses sowie Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Anästhesie und Allgemeine Intensivmedizin, der bei Juschtschenkos Aufnahme anwesend war, berichtet, die Ärzte hätten sich zunächst nur auf eine „deskriptive Diagnostik" beschränken müssen - so ungewöhnlich war das Krankheitsgeschehen. Demnach wurde Juschtschenko „in einem kritischen, aber nicht sterbenden Zustand" eingeliefert. Die Erstdiagnose lautete auf „akutes Abdomen" (akuter Bauch). Zunächst deutete nichts auf eine Vergiftung oder gar eine Dioxinvergiftung hin, wie sie etwa durch eine charakteristische Chlorakneerkrankung der Gesichtshaut erkennbar wird.

Wohl zeigten sich im Gesicht des Patienten Hautrötungen, die von zwei hinzugezogenen Hautärzten zunächst als Rosacea, eine chronisch verlaufende Hauterkrankung unbekannter, vermutlich genetischer Ursache, gedeutet wurden. Weiterhin diagnostizierten die Mediziner einen Herpes zoster (Gürtelrose), eine leichte Gesichtslähmung sowie eine Ohrenentzündung. Man beschloss, zunächst eine Schmerztherapie zu beginnen.

Weit dramatischere Befunde ergaben die Aufnahmen aus dem Computertomografen sowie die endoskopische Untersuchung von Magen und Darm durch den AKH-Gastroenterologen Prof. Dr. Eduard Penner am zweiten Tag (11.09.) in Wien. Demnach zeigten sich im Magen, im Zwölffinger- und im Dickdarm des Patienten geschwollene Blutflecken, auch Leber und Bauchspeicheldrüse waren stark angeschwollen, die Leberwerte im Blut deutlich erhöht - typische Anzeichen einer Leberentzündung (Hepatitis) und eines Leberzerfalls. Überdies zeigten sich an den Rändern der Bauchspeicheldrüse Flüssigkeitsaustritte, deutliches Signal für eine - von Ärzten besonders gefürchtete - Pankreatitis (Entzündung der Bauchspeicheldrüse).

Akute Lebensgefahr

Es bestand akute Lebensgefahr. Denn die Pankreatitis birgt in sich die Gefahr, dass sich die Entzündung „selbst propagiert" und das Organ „verrücktspielt", wie es Intensivmediziner Zimpfer formuliert. In solchen Fällen sondert die Bauchspeicheldrüse nicht mehr die üblichen Verdauungssekrete in den Darm ab, um den Speisebrei in seine Bestandteile aufzulösen, sondern beginnt, mittels gewebszersetzender Stoffe, seine Umgebung zu verdauen. Außerdem bestand auch Gefahr, dass die Leberfunktion zusammenbricht - für das behandelnde Ärzteteam ein Albtraum.

Die Situation war umso dramatischer, als die Ursache von Juschtschenkos Erkrankung nach wie vor unbekannt war. Die Mediziner konnten vorerst nur versuchen, bekannte Erkrankungen nach und nach auszuschließen, wie etwa eine Fisch- oder eine andere Lebensmittelvergiftung, eine Immunerkrankung oder eine bakterielle oder virale Infektion. Aber im Blut fand sich bis auf den Herpes zoster keinerlei Erreger, auch ließ sich kein „Morbus", also keinerlei Kombinationserkrankung, finden. Die Ärzte suchten, fanden aber nichts. Sie verabreichten dem Patienten Infusionen und organstabilisierende Medikamente. Aber damit war ihre Kunst auch schon zu Ende.

Am 16. September unterzeichnete Nikolai Korpan eine medizinische Schlussfolgerung (N 2004/04767), wonach Juschtschenko Opfer einer vorsätzlichen Intoxikation geworden sei. Eine Abschrift erhielten auch Zimpfer und Wicke. Sie entfernten die Worte „absichtlich erfolgte Vergiftung". Es spricht gegen die medizinische Ethik, über etwas öffentlich zu spekulieren, was noch nicht bewiesen ist.

Am 18. September schließlich flog Juschtschenko gegen den Willen der Ärzte wieder heim nach Kiew, um sich im Wahlkampf zu engagieren. Dieses war ihm nur möglich, da er epidural über eine Pumpe konstant mit Morphium oder einem ähnlich starken Schmerzkiller versorgt wurde. Dort kursierten schon erste Meldungen über eine eventuelle Vergiftung, und bald machte auch ein Arztbrief des Rudolfinerhauses mit der Unterschrift Nikolai Korpans die Runde, in dem ohne die Einschränkung „möglicherweise" zu lesen war, was auch am 16. September in einem „ärztlichen Zwischenbericht" mit der Nummer AZ 2004/04767 festgehalten wurde, darin freilich mit dem Wörtchen „möglicherweise": „Der beeinträchtigte Allgemein- und Ernährungszustand wurde vermutlich sowohl durch einen schweren Virusinfekt als auch möglicherweise durch chemische Substanzen, die sich üblicherweise nicht als Bestandteil in Lebensmitteln befinden, verursacht." Der Originalbericht wurde von drei Ärzten unterschrieben, von Korpan, Zimpfer und von Lothar Wicke, ärztlicher Direktor im Rudolfinerspital. Eine „administrative Unterschrift", wie Wicke später sagte. Er habe den Satz überlesen.

Am 21. September leitete die ukrainische Generalstaatsanwalt Ermittlungen ein, die jedoch schon einen Monat später wieder eingestellt werden; der Präsidentschaftskandidat leide unter einer Herpesinfektion, hieß es. 9 Tage später kehrte Juschtschenko wieder nach Wien zurück, um sich einer neuerlichen ärztlichen Behandlung zu unterziehen. Unterdessen klagte er über unerträgliche Rückenschmerzen, wie sie sonst allenfalls nach einem Unfall oder im Zusammenhang mit einem Bandscheibenvorfall auftreten.

Eine rätselhafte Vermutungsdiagnose

Doch die Abklärung im Kernspintomografen unter Hinzuziehung des bekannten Wiener Neurologen Heinrich Binder, des Ärztlichen Leiters des Neurologischen Krankenhauses im Wiener Maria-Theresien-Schlössl, ergab keinerlei Befund im Bereich der Wirbelsäule. Einen Tag zuvor, am 29.9., hatte Wicke eine Pressekonferenz gegeben, in der er darauf aufmerksam machte, dass nicht im Rudolfinerhaus angestellte Personen - gemeint war Korpan - „medizinisch verfälschte Diagnosen über den Gesundheitszustand von Herrn Juschtschenko" verbreitet hätten. Denn man habe keine Hinweise auf eine Vergiftung gefunden.

Tatsächlich heißt es in einem Statement des Hospitals, datiert auf den 30.9.: „Seit mehreren Tagen vermehren sich Gerüchte über den Gesundheitszustand des ukrainischen Präsidentschaftskandidaten Dr. Victor Yuschenko. Einige Zeitungsartikel erwecken den Anschein, dass das Rudolfinerhaus eine Vergiftung diagnostiziert hätte. Wir möchten dezidiert festhalten, dass bei Herrn Yuschenko anlässlich seines Aufenthaltes in unserer Klinik bis dato keine Spuren von Gift festgestellt worden sind."

Mit „Vermutungsdiagnosen", die politisch verwertet werden könnten, wollte Wicke sein verschwiegenes Haus, in dem er seit 25 Jahren tätig war, nicht in Zusammenhang bringen. Danach wurde Wicke von Juschtschenkos Leuten bedeutet, er solle über die Causa lieber nichts mehr sagen, denn sonst würden „andere Mittel gegen mich und das Haus ergriffen". Auch Morddrohungen habe er damals erhalten, worauf sich der ärztliche Leiter an die Polizei wandte und fortan von drei zivilen Leuten der Wiener Alarmtruppe „Wega" beschützt wurde.

Vier Tage nach seiner Pressekonferenz war Wicke auch von seinem Kollegen Zimpfer zum Widerruf seiner Aussage, dass es keine Vergiftungshinweise gebe, gebeten worden. Er paraphierte das Papier nur mit „Zur Kenntnis genommen", machte aber am 3. Oktober eine Aktennotiz: Zimpfer habe gesagt, wenn er die Erklärung nicht widerriefe, „werden die Leute des Dr. Juschtschenko nicht befriedigt sein und andere Maßnahmen setzen".

Wien war längst zu einem wichtigen Nebenschauplatz der ukrainischen Politik geworden. Offizielle Delegationen gaben sich bei österreichischen Justizstellen die Klinke in die Hand. Weil die behandelnden Ärzte schon frühzeitig auf eine unbekannte biologische oder chemische Waffe getippt hatten, wandten sie sich am 7.10. weltweit an höchste Repräsentanten ihres Fachs, an wissenschaftliche Institute und internationale Organisationen um Hilfe bei der Aufklärung des schwierigen Falles: „Da die Erkrankung untypisch verläuft, ist auch der Verdacht des individuellen Einsatzes eines biologischen Kampfstoffes gegeben.

Aufgrund der geschilderten Situation benötigen wir Ihre Hilfe und möchten Sie herzlich ersuchen, uns diese bezüglich chemischer Kampfmittel und biologischer Waffen zu gewähren", heißt es in dem von Korpan und Zimpfer unterzeichneten Schreiben. Zugleich setzte sich Zimpfer telefonisch mit Kollegen in weltweit führenden Instituten der Toxikologie, darunter dem Center ofPoisonControl in Washington, in Verbindung, um mit ihnen die seltsamen Krankheitssymptome zu erörtern. Aber auch diese Gespräche blieben vorerst ohne Ergebnis.

Nach neuerlichem zehntägigem Aufenthalt im Wiener Rudolfinerhaus flog Juschtschenko, begleitet von Zimpfer und einer Wiener Ärztin, am 10. Oktober über Lemberg, wo er eine Wahlveranstaltung abhielt, nach Kiew, um sich dort in weitere ärztliche Behandlung zu begeben. Die Wiener Ärztin blieb als Beratungs- und Auskunftsperson in Kiew zurück. Einen Tag zuvor hatte Wicke mit der Begründung „Arbeitsüberlastung" seinen Rücktritt erklärt. Zimpfer erklärte in Kiew, es gebe keinen Ärztekrieg, und wenn Wicke wolle, könne er „gern bleiben".

Nun behauptete der vom Westen unterstützte Juschtschenko auch im Parlament in Kiew, er sei von Regierungskreisen vergiftet worden, was nicht ohne Wirkung auf die öffentliche Meinung in der Ukraine blieb: Der Kandidat der Opposition legte in allen Umfragen deutlich zu und schien gute Aussichten zu haben, nach dem ersten Wahlgang am 31. Oktober in die für 20. November angesetzte Stichwahl zu kommen und seinen Hauptrivalen Wiktor Janukowitsch, den Kandidaten des Regierungslagers, zu schlagen. Zum Beleg seiner Behauptung legte Juschtschenko jenes ärztliche Schreiben aus Wien vor, das zu den erwähnten Erschütterungen unter den Ärzten des Rudolfinerhauses führte.

Anfang Oktober zeichneten sich Veränderungen in Juschtschenkos Gesicht in Form von Anschwellungen und Hyperpigmentierungen ab. Doch noch immer war unklar, was dies hatte verursachen können. Seit dem Auftreten der ersten Symptome und den Veränderungen im Gesicht waren also schon rund 3 bis 4 Wochen vergangen. Die Vergiftung hatte zu Beginn des Septembers stattgefunden, was durch die akuten Symptome am 5. September 2004 gezeigt wurde. Später von einem französischen Institut durchgeführte Haaranalysen kamen auf einen ähnlichen Zeitpunkt der Vergiftung. September und nicht August!

Die Bauchspeicheldrüse, die Leber und der Gastrointestinaltrakt (GI) reagieren sehr schnell auf Vergiftungen verschiedener Art, da diese Organe bei oraler Aufnahme des Giftes (was im Falle von Juschtschenko sehr wahrscheinlich ist) schnell mit dem Toxin in Kontakt kommen. Die Leber steht bei einer so hohen Belastung von 2,3,7,8-TCDD unter enormem Stress.

Als der Londoner Toxikologe John A. Henry vom St. Mary´s Hospital Aufnahmen aus Presse und TV sah, tippte er sofort auf eine eventuelle Dioxinvergiftung. Die Furchen und Geschwulste in Juschtschenkos Gesicht seien allem Anschein nach eine Chlorakne, und die sei nun einmal charakteristisch für eine Dioxinvergiftung, sagte Henry gegenüber einem Redakteur des Londoner „Independent".

Dioxin? Der Verdacht erhärtet sich

Erst jetzt wurden Blutanalysen in diese Richtung vorgenommen. Zuerst von Prof. Brouwer (Bio-Detection-Systems, Amsterdam) mittels eines biologischen Testsystems, welches empfindlich auf Agonisten des Arylhydrocarbon-Rezeptors (AhR) anspricht. Das Resultat zeigte an, dass dioxinähnliche Substanzen in großer Menge im Blut vorhanden waren. Brouwer stellte fest, dass aber nicht unterschieden werden konnte, um welches Dioxin oder um welche AhR-Agonisten es sich handelte. Er schreibt: „Polychlorierte Biphenyle (PCB) oder polyaromatische Kohlenwasserstoffe können z.B. ähnliche Wirkungen im Testsystem auslösen."

Diese Resultate lagen dann am 10. Dezember 2004 vor, nachdem sich Juschtschenko in die Obhut der Genfer Universitätsklinik begeben hatte, wo er von dem Dermatologen Jean-Hilaire Saurat und dessen Team betreut wurde. Juschtschenko stimmte ferner einer wissenschaftlichen Begleitung seiner Therapie zu. Daraufhin suchten die Genfer Ärzte Fachleute, die Dioxin zuverlässig analysieren konnten. So kam die EMPA, eine interdisziplinäre Forschungs- und Dienstleistungsinstitution für Materialwissenschaften und Technologieentwicklung innerhalb des ETH-Bereichs, ins Spiel.

In einem ausführlichen Statement erläutert Markus Zennegg, der in der Abteilung „Analytische Chemie" der EMPA arbeitet und den größten Teil der Analysen durchführte, aus, dass, um zu bestimmen, um welche Verbindung es sich wirklich handelte, zwei unabhängige Labors mittels Gaschromatographie/Massenspektrometrie (GC/MS) eine Blutanalyse durchführten. Zennegg führt aus: „Die Labors fanden Konzentrationen an 2,3,7,8-TCDD von 108'000 bzw. 109'000 pg/g Fett. Die Daten wurden am 17. Januar 2005 veröffentlicht.

Zur gleichen Zeit untersuchte die Empa Blut von Juschtschenko in ihrem Labor und bestimmte 110'000 pg/g Fett. Es muss hier noch erwähnt werden, dass von den 210 möglichen polychlorierten Dibenzodioxinen bzw. polychlorierten Dibenzofuranen (allg. als Dioxine bekannt) nur der giftigste Vertreter das 2,3,7,8,-Tetrachlordibenzodioxin (2,3,7,8-TCDD, oder Seveso-Dioxin) in seinem Blut nachgewiesen werden konnte.

Dies deutet klar daraufhin, dass die Verbindung in einem Labor synthetisiert und gereinigt worden war, sonst wäre eine solche Reinheit (Qualität) nicht möglich gewesen. Basierend auf den Analysenresultaten konnte die aufgenommene Menge an 2,3,7,8-TCDD berechnet werden. Diese lag bei 1 bis 2 Milligramm. Eine solch kleine Menge (etwa 1 bis 2 Salzkrümelchen groß) konnte problemlos in einer fettigen, öligen Mahlzeit oder in einem stark alkoholischen Getränk gelöst verabreicht werden.

Wichtig ist hier zu sehen, dass seit den ersten Symptomen (5.9.2004) bis zur teilweisen Identifikation des Giftes (10. Dezember 2005) drei Monate vergangen sind! Bis zur eindeutigen Identifikation mittels GC/MS waren mehr als vier Monate vergangen."

"Am Samstag, den 11. Dezember platzte dann auch öffentlich die Bombe"

Über drei Jahre entnahmen Ärzte in Genf und in der Ukraine Juschtschenko mehr als 100 Proben von Blut, Urin, Stuhl, Schweiß, Haut, Hautzysten und Fettgewebe. Die ersten Ergebnisse der Analysen zeigten überraschenderweise, dass nur rund 60 Prozent der aus dem Körper total eliminierten Menge TCDD sich mit Ausscheidungen über Stuhl, Urin oder Schweiß erklären ließ. Wo war der Rest geblieben?

Antwort: Er wird im Körper von Stoffwechselenzymen um- und abgebaut. „Wir konnten beim Menschen erstmals Dioxinabbauprodukte identifizieren und diese auch quantifizieren», fasst Zennegg die Resultate seiner Analysen zusammen, die das EMPA-Team zusammen mit ihren Genfer Kollegen Anfang August 2012 in der Fachzeitschrift «The Lancet» veröffentlichten. Konkret fanden die Empa-Experten zwei TCDD-Abbauprodukte.

Diese waren, so Zennegg, dadurch entstanden, dass die Stoffwechselenzyme an zwei unterschiedlichen Stellen des ursprünglichen TCDD-Moleküls eine so genannte Hydroxygruppe anbringen konnten. Durch diese Modifikation wird das Molekül wasserlöslich und kann deshalb wesentlich schneller als das unveränderte TCDD ausgeschieden werden. Als Hauptausscheidungsweg ermittelten die Forscher den Verdauungstrakt, was sich mit Erkenntnissen aus Tierversuchen deckt. Im Weiteren fanden sie eine deutlich verkürzte Halbwertszeit des Gifts im menschlichen Körper von knapp 16 Monaten statt der bislang bekannten fünf bis zehn Jahre. Die extrem hohe Dosis hatte den Körper offenbar veranlasst, die Produktion der für den Dioxinabbau verantwortlichen Enzyme zu erhöhen.

Am Samstag, den 11. Dezember platzte dann auch öffentlich die Bombe: In einer internationalen Pressekonferenz gab das behandelnde Ärzteteam in Juschtschenkos Gegenwart die Analyse des Labors in Amsterdam bekannt: Demnach enthielten die Blutproben derart hohe Dioxinwerte, dass eine exakte Bestimmung vorerst unmöglich war. In der Vorwoche bestätigten zwei weitere EU-Referenzlabors, Juschtschenkos Blutproben würden Dioxinwerte zeigen, die etliche tausend Mal höher liegen als die im menschlichen Blut vorhandenen Normalwerte.

Ein Tag später erschien eine Pressemitteilung des Rudolfinerhauses, betitelt „Thema Juschtschenko". Darin heißt es: „Dr. Juschtschenko hat heute Mittag (12.12.2004) das Rudolfinerhaus (Billrothstraße 78, 1190 Wien) in Richtung Heimat verlassen. Die diagnostischen Maßnahmen sind abgeschlossen - er leidet an einer Dioxinvergiftung. Die festgestellte Dosis ist 1.000fach höher als der für den Menschen verträgliche Wert. Durch das derzeitige Therapiekonzept ist der Heilungsprozess im Gang. Dr. Juschtschenko ist zum jetzigen Zeitpunkt voll arbeitsfähig und nicht ansteckend. Die Erkrankung kann vollständig ausheilen. Die Schwierigkeit der Diagnose lag vor allem daran, dass es weltweit der erste bekannte Fall war, bei dem eine orale Aufnahme von Dioxin erfolgte (bei bisher bekannten Dioxinvergiftungen erfolgte die Aufnahme durch Einatmen bzw. durch die Haut). Außerdem ist Dioxin im Blut nur sehr schwer nachweisbar."

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem noch unveröffentlichten Buch "Die autorisierte Viktor Juschtschenko Biographie" von Ralf Oldenburg.

TOP-BLOGS