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Neue Standards für Smartphone & Co.: Bleiben die Regale bald leer?

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(Quelle: LANCOM Systems GmbH)

Wer sich dieses Jahr ein neues Handy oder Tablet zulegen möchte, sollte sich vorsichtshalber beeilen, denn ab dem Frühsommer werden die Regale unter Umständen nicht wieder aufgefüllt. Im schlechtesten Fall wird sich diese Dürreperiode in den Geschäften bis deutlich in das Jahr 2018 hineinziehen.

Der Hintergrund: Ab Juni 2017 gilt eine neue europaweite Richtlinie für funkfähige Geräte: Die „Radio Equipment Directive - RED (2014/53/EU)", kurz RED. Smartphones, Tablets, Router, WLAN Access Points und viele weitere Geräte mit Funkmodulen dürfen dann von den Herstellern nur noch verkauft werden, wenn sie diese Richtlinie vollumfänglich erfüllen. Dazu besteht jedoch derzeit faktisch keine Möglichkeit.

Das Problem ist nicht die EU-Richtlinie an sich, sondern ihre Umsetzung. Um Produkte richtlinienkonform zu entwickeln und zu produzieren, brauchen die Hersteller offizielle Standards, an denen sie sich orientieren können.

Bereits heute steht jedoch fest, dass die für die Umsetzung der RED nötigen Standards nicht rechtzeitig definiert sein werden. Damit droht nicht weniger als der Zusammenbruch des gesamten WLAN-Marktes in Europa. Zwar darf noch über den Ladentisch wandern, was bereits in den Regalen und Lagern der Händler steht. Aber der Nachschub bleibt aus.

Die Krux mit den Normen

Solche Standards sind notwendig und sinnvoll. Richtig umgesetzt würden sie im Falle der RED für eine effizientere Nutzung des Funk-Spektrums sorgen, wovon europaweit Hersteller und Anwender gleichermaßen profitieren würden. Allein die Krux: Weite Teile der neuen Standards sind noch nicht verfügbar und werden es auch bis zum 13. Juni 2017 nicht sein.

Im Dezember 2016 schreibt die Nachrichtenagentur dpa: „Der europäische Ingenieursverband Orgalime verwies darauf, dass erst bei 26 der Standards die Arbeit komplett abgeschlossen sei. "Insgesamt müssen für die Umsetzung der RED mehr als 200 Normen vom European Telecommunications Standards Institute (ETSI) überarbeitet werden, viele davon befinden sich noch nicht einmal im Prüfprozess bei der EU-Kommission.

Wie es zu diesem dramatischen Verzug kommen konnte, darüber gehen die Meinungen auseinander. Fakt ist jedoch, dass die EU-Kommission das Normierungsmandat, also den Auftrag zur Definition der neuen Standards, erst Mitte 2015 an ETSI gegeben hat - und das, obwohl die RED bereits 2014 verabschiedet wurde. Ein ganzes Jahr ist so ungenutzt verstrichen. Wertvolle Zeit, die der ETSI nun fehlt - und die Herstellerindustrie vor eine schier unlösbare Aufgabe stellt.

Täglich mehrere Millionen Euro Schaden

Um derartige Probleme zu vermeiden, sehen die meisten neuen EU-Richtlinien Übergangsfristen vor. Diese sollen es der Wirtschaft ermöglichen, ihre Produkte und Dienstleistungen mit ausreichend Zeit an die neuen Vorgaben anzupassen. Auch die RED kennt eine solche Übergangsfrist. Diese wurde jedoch mit 12 Monaten sehr kurz bemessen und läuft Stand heute am 13. Juni 2017 aus.

Die EU-Kommission könnte diese Übergangsfrist verlängern, lehnt dies bislang jedoch kategorisch ab. Die Begründung, dass es rechtlich nicht möglich sei, hat indes keinen Bestand. Allein bei der Umstellung auf das SEPA-Lastschriftverfahren hat die EU-Kommission die Übergangsfrist der entsprechenden Richtlinie zweimal verlängert. Und das, obschon der „Fehler" hier eindeutig bei der Industrie lag und nicht etwa in einem zu langsamen Normierungsprozess.

Bleibt die EU-Kommission bei ihrer Haltung, riskiert sie den vollständigen Zusammenbruch des europäischen WLAN-Marktes. Der wirtschaftliche Schaden dürfte allein bei den WLAN-Herstellern insgesamt mehrere hundert Millionen Euro pro Monat betragen. Kleinere Anbieter könnten gar in ihrer Existenz bedroht sein.

Industrie, Normierungsstellen und nationale Regierungen üben den Schulterschluss

200 Standards binnen 22 Monaten neu zu fassen ist eine Aufgabe, die von Anfang an schlichtweg nicht zu stemmen war. Darüber wurde die EU-Kommission offenbar bereits in 2015 informiert, doch die Warnung wurde nicht beachtet.

Seither formiert sich eine breite Allianz aus Herstellern, Industrieverbänden, Regulierern und nationalen Regierungen, die eine Verlängerung der Übergangsfrist fordern. 24 Monate bräuchte die Industrie, um die noch fehlenden Normen in ihren Produkten umsetzen zu können.

Im Mai 2016 baten die Regulierungsbehörden diverser europäischer Länder, Industrieverbände und Hersteller die EU-Kommission deshalb um eine Verlängerung der Übergangsfrist - sie lehnte ab. Ein weiterer Vorstoß folgte im Dezember: Die Organisation Digitaleurope, Vertreter der digitalen technischen Industrie Europas, warnte in einem offenen Brief an die EU-Kommission eindrücklich:

Das Fundament der digitalen Wirtschaft ist bedroht, ökonomische und politische Konsequenzen könnten folgen. Seit dieser Mahnung sind zwei Monate vergangen und getan hat sich: nichts. Die Zeit rennt davon, es sind nur noch vier Monate bis zum drohenden Verkaufsstopp und nur etwa ein Viertel der 200 Standards ist fertig.

Es ist fünf vor zwölf

Wenn nicht bald etwas geschieht, sieht die betroffene Technologie-Industrie tatsächlich RED - rot für ihre Absätze. Konsumenten werden die Lieferprobleme bei einer Vielzahl von Gegenständen des modernen digitalen Lebens zu spüren bekommen. Ebenfalls kritisch wird es für die Wirtschaft, die im Zuge der Digitalisierung auf leistungsfähige Drahtlosinfrastrukturen angewiesen ist.

Die RED-Problematik könnte für zahllose Unternehmen zur Folge haben, dass sie wichtige Digitalisierungsprojekte auf lange Zeit verschieben müssen. Selbst die Umstellung der großen Telekommunikationsanbieter auf die neuen, IP-basierten Telefonanschlüsse könnte mit dem Ende der Übergangsfrist ins Stocken geraten.

Schließlich besitzt ein großer Teil der ausgelieferten All-IP-Router ein WLAN-Modul. Ob das erklärte Ziel der Provider, die Umstellung bis Ende 2018 deutschlandweit abgeschlossen zu haben, damit noch zu halten ist, ist mehr als fraglich.

Als Firmengründer und langjähriger Unternehmer weiß ich, wann Themen zur Chefsache werden. Von der politischen Führungselite des zweitgrößten Handelsraumes der Welt, Europa, erwarte ich, dass auch sie erkennt, wann die rote Fahne weht.

Immerhin dürfen wir uns der Unterstützung der Bundesregierung sicher sein. Hier wird seit Wochen daran gearbeitet, die drohende Marktblockade aufzulösen. Dieses Engagement muss Erfolge zeigen, man muss das so kategorisch sagen. Denn: Die Zukunft der digitalen Wirtschaft Europas steht auf dem Spiel.

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