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Darum betrügen Unternehmen - ein Erklärungsversuch

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BUSINESS
xavierarnau via Getty Images
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Warum eigentlich betrügen Unternehmen? Immer und immer wieder hört man und lernen die Studierenden, dass man den Kunden, den Konsumenten auf keinen Fall übervorteilen darf. Und zwar nicht aus moralisch ethischen Gesichtspunkten heraus, sondern weil dem Unternehmen ein solch großer Imageschaden droht, dass es sich davon wirtschaftlich kaum erholen kann, ja unter Umständen sogar die Insolvenz drohen soll.

Traurig genug, dass anscheinend nur die betriebswirtschaftliche Logik vom Betrügen abhalten soll. Vom allgemeinen Recht wird kaum, von der Verantwortung gegenüber der Gesellschaft gar nicht gesprochen. Sei es drum, trotzdem betrügen Unternehmen ihre Kunden - warum nur?

Anscheinend schreckt selbst eine mögliche Insolvenz nicht ab - aber warum?

Weil die Unternehmen anscheinend ganz einfach eine Lernkurve durchlaufen haben.
Auf mögliche Kartellstrafen angesprochen erklärte mir ein Vorstand seiner Zeit, dass die Strafe „aus der Portokasse" bezahlt werden würde und das Geld schon längst bilanziell zurück gestellt sei.

Das war allerdings zugegebener Weise noch in einer Zeit, als man auch Bestechungsgelder ganz offen betriebswirtschaftlich verbuchen, also absetzen konnte. Da war der Grenznutzen des Betrugs noch deutlich positiv und damit quasi eine logische Konsequenz.

Selbst die staatliche Repression des Betrugs ließ das Ergebnis unter dem Strich positiv erscheinen. Mittlerweile sind die Kartellstrafen derart angestiegen und durch die Kronzeugenregelung so unsicher geworden, dass es sich kaum noch lohnt; und dennoch lesen wir in kurzen Abständen immer wieder von Kartellstrafen, sei es in Investitionsbereichen wie Eisenbahnschienen oder Leitplanken oder im Konsumbereich bei Fleischherstellern oder Bierbrauern.

Der Marktdruck scheint so stark, dass der Kartellverstoß einfach zu verlockend scheint.

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Ein anderer Grund aber scheint der Hauptgrund zu sein, warum eben auch bei hohen Geldstrafen der Betrug so lohnend erscheint. Bestes Beispiel ist „Diesel-gate", der Skandal der Abschaltsoftware bei Prüfzyklen durch Volkswagen.

Der Traum der weltweiten Marktführerschaft von VW schien ausgeträumt, auch wenn der menschliche Geist und vor allem derjenige des Durchschnittsverbrauchers sehr schnell vergesslich wird. Es wird erzählt, dass die VW-Mitarbeiter auf Branchenkonferenzen geradezu „zu schweben schienen".

Ein freundlicher Ausdruck für zur Schau gestellte Arroganz, mit der es nun vorbei sein dürfte. Oder auch nicht, was die Auftritte des neuen Vorstandsvorsitzenden zeigen. Hier wird Herr Müller (Vorstandvorsitzender) zitiert, dass Volkswagen „Selbstbewusst" sei, kein Anzeichen von Reue oder gar Demut.

Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl sind eine notwendige Eigenschaft einer erfolgreichen Führungskraft. Diese zur Schau zur stellen zeugt allerdings von der Abwesenheit anderer, maßgeblich wichtiger charakterlicher Voraussetzungen. So wurde der im April 2016 erfolgte Vergleich mit der amerikanischen Regierung noch als großer Erfolg im Haus VW gefeiert.

Da sowohl die deutsche Regierung, als auch die deutschen Gerichte als wesentlich unternehmerfreundlich in dieser Angelegenheit angesehen werden wird es spannend zu beobachten, wie die betrogenen deutschen Kunden behandelt werden und vor allem wie lange diese brauchen um zu vergessen und zu verzeihen. Im Moment sieht es so aus, als ob das Vergessen nach wenigen Monaten bereits eingesetzt hat. Volkswagen feiert für 2016 Rekordgewinne und Rekordabsatzzahlen.

Zur Belohnung feiert man am 29. Mai 2017 den 70. Geburtstag des verantwortlichen ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn mit allen Größen des VW-Konzern; „wie in alten Zeiten" habe man gefeiert , war zu vernehmen. Im Juli dann erklärt man stolz, VW wird Sponsor der deutschen Fußball Nationalmannschaft, für läppische 30 Millionen Euro.

Lapidar verkündete Volkswagen zuvor, dass europäische Konsumenten auf keine Fall auf Entschädigung hoffen können. Es sei alles nach geltendem Recht verlaufen. Da möchte man doch glatt alle Publikationen zum mündigen Verbraucher in die Tonne kloppen. Es ist vielleicht der Erklärungsansatz dafür, warum Unternehmen betrügen:

Es zahlt sich einfach aus. Der durchschnittliche Verbraucher ist vielleicht einfach zu blöd, um solche Unternehmen nachhaltig zu sanktionieren.

Da sollte erst ein kleines Kurstoffröhrchen für weniger als sieben Euro den Wagen heilen. Vor kurzem (ein Jahr nach dem USA-Vergleich) nun heißt es, dass ein Software-update reiche. Hallo? Ein einfaches Software-update? Warum nicht gleich diese Software? Hätte dem VW-Konzern schätzungsweise bis dato knapp 30 Milliarden Euro gespart! Für wie blöd halten die uns eigentlich!?

Da rennen die Verbraucher auf die Straße und demonstrieren gegen das Handelsabkommen mit der USA „TTIP". An dieser Stelle sei angemerkt, dass die amerikanischen Verbraucher Milliardensummen als Entschädigung zurück erhalten. So schlecht kann der Verbraucherschutz á la USA also gar nicht sein!

Nein, wir protestieren gegen TTIP und halten VW die Treue. Sorgen sogar dafür, dass 2016 ein „Rekordjahr" für VW wurde.

Liebe Verbraucher, Konsumenten, Kunden, wie ihr euch auch immer selbst bezeichnet: Selbst schuld! Ihr werdet weiterhin betrogen, weil ihr einfach zu blöd seid, um euch zu wehren. Entschuldigung für diese „political uncorrectness", aber die ist ja angeblich eh tot.

Und dabei wäre es so einfach sich nicht verarschen zu lassen. Der Markt aller Produkte ist gesättigt. Das heißt es gibt immer ein Substitut, immer ein gleichwertiges anderes Produkt. Nur wenn wir alle bedingungslos betrügerische Unternehmen boykottieren und ihnen keine Produkte mehr abnehmen wird diese Art der Gewinnoptimierung aufhören. Aber ich kenne Firmen, die gegen Daimler Benz wegen überteuerter LKW-Preise klagen (noch so ein Kartell) und gleichzeitig wieder Laster von dieser Firma bestellen.

Die Menschen beklagen die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft und gehen gleichzeitig bei IKEA einkaufen. Einem Unternehmen, dass seit Jahrzehnten durch geschickte innerbetriebliche Verrechnungen quasi keine Steuern zahlt. Da sitzen sie dann, die Menschen auf ihrem süßen „Knut"-Sofa (oder so ähnlich) und verteufeln den Staat, weil er ihnen finanziell nicht unter die Arme greift, nachdem der Konsument dem Staat durch seinen IKEA-Einkauf die Arme erst abgeschlagen hat.

Es gäbe unzählige weitere Beispiele. Vielleicht denkt manch einer gerade deshalb „Ich kann eh nix tun!" Mit dieser Einstellung wird aber alles immer schlimmer werden!
Es ging um einen Erklärungsversuch und er lautet: Unternehmen betrügen weil es dem Kunden ganz offensichtlich egal ist. Und wenn der Aufschrei einmal da ist schwillt er genauso schnell wieder ab.

Mehr zum Thema: Die Zukunft von Unternehmen steckt in Neuro-Tools

Vielleicht wäre wissenschaftlich einmal eine Langzeituntersuchung zum „Konsumenten-Verblödungs-Faktor", dem „KVF", hilfreich. In der ersten Stufe ist dieser ganz einfach zu ermitteln: Man nehme eine Kennzahl, im Fall von VW zum Beispiel die Umsatzerlöse nach dem Skandal und dividiere diese durch die Umsatzerlöse vor dem Skandal. Umso größer dieser über der „1" liegt, umso größer die Verblödung der Konsumenten.

Quotienten unter „1" bedeuten, dass die Konsumenten etwas gelernt hätten. Keine Sorge, wahrscheinlich errechnen die Skandalkonzerne diese Zahl seit Jahren. Anders wäre ihre Politik nicht zu erklären. Bei VW sieht die Zahl übrigens so aus: Umsatz in 2016 = 217.267 Mio. und Umsatz in 2014 = 202.458 Mio. (Quelle: Statista); ergibt einen KVF von 1,073, also ziemlich verblödet (alles über 1,1 gehört in die Gruppe „pathologisch").

By the way: Mitte Juli hießt es, dass Porsche bei seinen Dieselmotoren etwas ganz neues auf Lager hat, eine Schummelsoftware im Getriebe. Und Audi (Markenwerbung: „Vorsprung durch Technik") verbaut Kolbenringe, die dem technischen Stand vor 30 Jahren entsprechen und dafür sorgen, dass ein Fahrzeug 2 Liter Öl auf 1.000 km verbraucht.

Abhilfe auf Kundenkulanz? Fehlanzeige!

Neben allen rechtlichen Möglichkeiten und moralischen Ermahnungen hilft nur eines: Konsumentenboykott. Bitte mal drüber nachdenken! Es bleibt spannend.

Der Artikel ist in Teilen ein Auszug aus einem Buch, das vom Autor in diesem Jahr herausgegeben wird.

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