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Der wahre Grund fürs Grundeinkommen

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lzf via Getty Images
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Das ist der wahre Grund, warum wir das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) brauchen.

Was verbindet die Protagonisten für das Grundeinkommen wie Siemens Chef Joe Kaeser, Telekomboss Timotheus Höttges, Ebay-Gründer Pierre Omidyar, SAP-Vorstand Bernd Leukert, oder Tesla Gründer Elon Musk?! Allesamt sind sie verantwortungsvolle Vorstände von Technologieunternehmen.

Und bei aller derzeit populistischen Abneigungen zu den Eliten sollte unser gesunder Menschenverstand davon ausgehen, dass diese Personen zumindest eine rudimentäre Ahnung von dem haben, was uns technologisch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erwartet.

Der neumodische Begriff der Disruption, also eine Innovation, die eine bestehende Technologie, ein bestehendes Produkt oder eine bestehende Dienstleistung möglicherweise vollständig verdrängt ist keine Science-Fiction mehr, sondern längst in unserem Leben präsent.

Disruption ist heute der Normalzustand und die prägnanteste Ausprägung der Industrie 4.0. AMAZON verdrängt den Einzelhandel. Die Eletromobilität gefährdet den prominentesten Wirtschaftszweig Deutschlands und die X- und Y-Generation kennt Handys, die man ausschließlich zum telefonieren benutzen kann nur noch aus den Erzählungen der Eltern. Dieser Prozess hat also längst begonnen.

Dazu eine Rechnung, die von keinem technologischen Auguren bestritten wird. Kennen Sie die Geschichte des Erfinders des „königlichen Spiels", des Schach?

Angeblich soll der Erfinder des Schachspiels als Belohnung beim König einen Wunsch frei gehabt haben. Er wünschte sich nun, dass das Schachbrett mit Reiskörnern gefüllt werden sollte. Und zwar wie folgt: Ein Korn solle auf das erste Feld, zwei auf das zweite, vier auf das dritte, usw. gelegt werden, also auf einem Feld immer doppelt so viele Reiskörner wie auf dem vorangehenden.

Der König, der sich über diesen vermeintlich bescheidenen Wunsch wunderte, versprach, der Bitte nachzukommen. Hätte er über einige mathematische Kenntnisse verfügt, so hätte er diese Dummheit sicher nicht begangen, denn folgt man dieser Anordnung der Körner, so liegen allein auf dem 64. und letzten Feld 9.223.372.036.854.775.808 Reiskörner.

Es handelt sich hierbei um die simple Funktion 2(hoch)n-1 mit n = 1,....,64, welches ja eine Exponentialfunktion ist. Bildet man die Summe sämtlicher Körner auf dem Schachbrett, so ergibt sich die unglaubliche Zahl von 18.446.744.073.709.600.000 Reiskörnern. Das sind so viele, dass man damit die gesamte Erdoberfläche bedecken könnte.

Nehmen wir jetzt das Moore´sche Gesetz. Es besagt, dass sich alle 18 Monate die Rechnerleistung verdoppelt. Machen wir uns das bewusst. Immer mal verdoppeln, schön und gut. Das lässt uns auf unser neues Tablet freuen und hört sich nun nicht wirklich riesig an. Verdoppeln heißt gemeinhin addieren und nicht multiplizieren. Dieser Mechanismus ist aber nichts anderes als die Reiskörner auf dem Schachbrett.

Warum ist noch in 2004 ein selbstfahrendes Auto in einem abgeschirmten Areal und auf einem barrierefreien Parcours nach zwölf Kilometern gescheitert und heute sind XXL-Lastwagen serienreif für die Autobahnen und selbst den Stadtverkehr, und zwar Führerlos!

Ein niederländisches Unternehmen beginnt dieses Jahr mit dem Verkauf von fliegenden Autos! Warum ist noch 2006 ein humanoider Roboter von einer Treppe gestürzt, die er heute auf Kommando tanzend oder hüpfend bewältigen kann und dabei noch ein Lied pfeifend die Gefühle seiner umgebenden humanoiden Kohlenwasserstoffgebilden, den Menschen, erkennt?

Die Antwort ist das Schachbrett und seine Reiskörner. Das exponentielle Wachstum nimmt lange Anlauf, um später in einer steilen Kurve ganz schnell infinitesimal Senkrecht zu verlaufen. Was das bedeutet? Selbstfahrende Fahrzeuge, Open-Online-Seminare, humanoide Roboter und 3-D-Drucker sind nicht der krönende Höhepunkt des Digitalzeitalters.

Es sind lediglich seine Vorboten. So wie die Welt erstaunt registrierte, dass der Supercomputer Watson von IBM 2011 im beliebten Wissensspiel Japperty die besten Spieler schlagen konnte, nachdem der Schachgroßmeister Garri Kasparow bereits 1996 vom IBM-Computer Deep Blue geschlagen wurde und die letzte Menschheitswissensdomäne Anfang 2016 fiel, indem der Computer AlphaGo von Google gegen den weltbesten Go-Spieler Lee Sedol gewann.

Wo stehen wir heute. Gordon Moore, der Mitbegründer des Chipherstellers Intel, hat sein Gesetz 1965 entwickelt. Nach den Erfahrungen der letzten 50 Jahre spricht man von der Verdopplung der Rechnerleistung jeweils zwischen einem und alle zwei Jahre, also nehmen wir einmal die Mitte, alle 1,5 Jahre an. Dann befinden wir uns heute, im Jahr 2017 auf dem 36sten Feld, also in der zweiten Hälfte des Schachbretts.

Im Jahr 2060 werden wir auf dem letzten Feld des Schachbretts angekommen sein, also weniger als in zwei Generationen. Die technologische Entwicklung wird in Kürze an Fahrt aufnehmen, wie es die Menschheit noch nicht erlebt hat. Und es wird spannend sein zu beobachten wie wir damit umgehen. Und was das mit dem bedingungslosen Grundeinkommen zu tun hat? Schon in wenigen Jahren wird sich die Arbeitswelt dramatisch verändert haben und es wird „Arbeit", so wie wir sie heute kennen nicht mehr geben.

An dieser Stelle ist eine gehörige Portion Pessimismus angezeigt. Streitet sich doch die politische Kultur um ein Gerechtigkeitsparadox, das in wenigen Jahren obsolet erscheinen wird. Es ist heute irgendwie verständlich, denn die Ausgangslage, zumindest in Deutschland, ist heute eine andere. Es herrscht quasi Vollbeschäftigung, die Wirtschaft stöhnt unter Fachkräftemangel. Was wird ein Unternehmer in dieser Situation tun?

Er wird natürlich automatisieren, um die sowieso nicht zu findenden Arbeitskräfte durch Maschinen zu ersetzen. Der rasende technologische Fortschritt wird dem Produktionsverantwortlichen aus seinem Dilemma helfen, nicht aber den heutigen Arbeitnehmern, die zu Millionen arbeitslos werden.

Das ist heute zugegebener Maßen schwer vorstellbar. Wenn wir aber davon ausgehen dürfen, dass ein Mooresche´s Gesetz, dass von keinem Fachmann bestritten wird, seine Gültigkeit besitzt, dann müssen die politischen Verantwortlichen eigentlich längst die Weichen für das Ende des Arbeitszeitalters eingeleitet haben. Denn dieser Prozess ist einer gesellschaftlichen Revolution gleich zu setzen. Wir müssen vom Sozialstaat auf einen Steuerstaat umstellen und das möglichst bald.

Denn wie wird sich beispielsweise der heutige Populismus verstärken, wenn er schon in einer Vollbeschäftigungsära so stark ist?! Was auch immer die Gründe für den Populismusschub sind, mehr soziodemografische oder wirtschaftliche, es ist heute angezeigt die Weichen für eine neue Politik zu stellen.

Die Arbeitswelt wird sich drastisch ändern, mit Facetten, die wir heute noch nicht übersehen können. Eins aber ist absehbar und mit gesundem Menschenverstand logisch: Es wird für die meisten Menschen keine Arbeit mehr geben. Zumindest keine Arbeit, wie wir sie heute definieren. Um den sozialen Frieden zu erhalten muss ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden und die Weichenstellungen dazu müssen heute erfolgen.

Es ist nicht die Frage, ob das BGE kommt, sondern nur wann! Übrigens ihr lieben Politiker aller Couleur: Im Frühjahr 2016, noch vor dem Schweizer Volksentscheid zu diesem Thema wollten 64% der EU-Bürger das bedingungslose Grundeinkommen. In Deutschland waren es laut dem Marktforschungsinstituts Dalia Research 58%. Was für ein Wählerpotential! Es bleibt spannend.

Der Artikel ist in Teilen ein Auszug aus einem Buch, das vom Autor in diesem Jahr herausgegeben wird.

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