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"Danke, Donald!" - Warum sich die Welt endlich bei Präsident Trump bedanken sollte

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TRUMP MERKEL HANDSHAKE
Justin Sullivan via Getty Images
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Spätestens seit dem Bestseller "Weltmacht USA - Ein Nachruf" von Emmanuel Todd wissen wir, das sich Amerika im Niedergang befindet. Nur - wir wollten es einfach nicht wahrhaben. Die USA waren für die meisten der Hort der Freiheit, das Aushängeschild der liberalen Demokratie.

Heute wissen wir es besser. Die Notwendigkeit der Verfügungsgewalt über die Ressource Öl hat zu den Irakkriegen geführt. Der zweite Krieg gegen dieses Drittwelt-Land konnte schon nur noch mit dreisten Lügen über Chemiewaffen gegenüber der Welt gerechtfertigt werden.

In der Folge wurde der gesamte nahe und mittlere Osten durch den forcierten "arabischen Frühling", begonnen in Libyen, ins absolute Chaos gestützt.

Vom Ordner zum Unruhestifter

Amerika ist längst vom internationalen Ordnungsfaktor zum Unruhestifter in der Welt mutiert. So sind die USA nach dem World Trade Center-Angriffen vom verletzten und sympathischen Amerika zum narzisstischen, unberechenbaren und aggressiven Amerika geworden, dass heute den Eindruck der absoluten Verantwortungslosigkeit vermittelt.

Hatte man unter dem Präsidenten Bush jr. noch den Eindruck, er würde wenigstens noch von Beratern gelenkt, agiert der mächtigste Mann der Welt heute völlig losgelöst per Twitter. Und warum sollten wir Ihm dafür danken?

Weil Donald Trump, der narzisstische Psychopath, heute auch dem letzten Zweifler vor Augen führt, das die imperiale Macht USA verzweifelt um ihre Stellung in der Welt kämpft.

Wollen wir hoffen, dass die isolierte Lage Amerikas dafür sorgt, dass der Bedeutungsverlust dieser Nation weitgehend ruhig verläuft und das Land ohne große Verwerfungen in der Weltpolitik seinen Platz unter Gleichen finden wird.

Nordkorea oder USA - wer ist gefährlicher?

Die Erschließung der Schieferölvorkommen im Inland macht den mittleren und nahen Osten für die USA zunehmend uninteressant. Imperiale Drohgebärden gegen schwache Gegner sind eigentlich obsolet, wäre da nicht die alte Doktrin von Carl von Clausewitz: "Hast du innenpolitische Probleme - schaffe dir einen äußeren Feind".

Nur so sind die ständigen Provokationen gegen unbedeutende Länder und die ständig aufrecht erhaltenen schwelenden Krisenherde zu erklären. Sie passen ins Konzept. Selbst die zuerst betroffenen Staaten einer möglichen Aggression eines Landes wie Nordkorea, also China, Südkorea oder auch Japan agieren ja seltsam gelassen, ruhig und bedacht.

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Man muss schon den Eindruck bekommen, dass diese Anrainerstaaten mehr Angst vor den Aktionen der USA haben als vor denen von Nordkorea. So gesehen würde es kaum verwundern, wenn Donald Trump in Kürze wieder den alten Feind Kuba entdeckt, ein unbedeutender Player, aber direkt vor der eigenen Tür und weit weg von den westlichen Verbündeten.

Der amerikanische Kampf ums Öl und die Angst um den politischen Bedeutungsverlust der USA hat den nahen und mittleren Osten ins Chaos gestürzt und Europa sein Ergebnis überlassen - die große Flüchtlingskrise; aber auch den islamistischen Terror.

Amerika interessiert das nicht, obwohl wir diese Krise den USA zu verdanken haben. Flüchtlingsboote aber werden die USA nie erreichen. Wie es kommt wie es kam konnte man schon um die Jahrtausendwende bei Peter Scholl-Latour nachlesen.

Amerika First - alles andere egal

Diese Verantwortungslosigkeit zeigt eben Donald Trump nicht diplomatisch verklausuliert, sondern ganz offen: "Amerika First" - alles andere egal. Dieser zynische Populismus ist es wohl auch zu verdanken, dass Frankreich liberal gewählt hat und in Großbritannien die Premierministerin May einen schweren Denkzettel bekam. Die Jugend Europas wacht langsam auf.

Dafür Danke Donald: "Thanks Donald!" Das haben wir dir zu verdanken. Hoffentlich hältst du vier Jahre durch. Denn es steht zu befürchten, dass nach einem erfolgreichen Amtsenthebungsverfahren alles wie gehabt weitergehen würde und diese Episode als politischer Ausrutscher eingestuft würde. Das aber ist nicht so.

Amerika muss sich einreihen in die gleichberechtigte Liga der freien Welt, wenn es seinen Einfluss nicht noch stärker verlieren will.

Und es wird Zeit, dass europäische Politiker das verstehen und Amerika entsprechend entgegentreten. Die Analyse von Emmanuel Todd hat gezeigt, dass Demokratien dort schwächer werden, wo sie stark waren und dort stärker werden, wo sie schwach sind.

Von der Demokratie zur Oligarchie

Die weitere Entwicklung einer ehemals starken Demokratie hat schon Aristoteles vor 2500 Jahren beschrieben; es ist die Oligarchie, die auf die (starke) Demokratie folgt. Ein Prozess, der in den USA vortrefflich nachgezeichnet werden kann.

Zunächst erstarkt eine Demokratie durch eine generelle und weit gefächerte Bildung der Bevölkerung. In den Jahren 1950 bis 1965 in den USA sehr gut nachzuvollziehen. Es entstand der amerikanische Universalismus, ein Amerika, das fast von der ganzen Welt geliebt und bewundert wurde.

Durch die weiterentwickelte Differenzierung des Bildungsniveaus entstand eine "overclass", die nicht länger gewillt war und ist, sich den demokratischen Spielregeln zu unterwerfen, da sie sich selbst für etwas besseres hält, bester Ausdruck dafür sind die "Supermanager".

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So entsteht die Tendenz der Oligarchisierung. Exemplarisch zu erkennen an der heutigen Unmöglichkeit, den amerikanischen Traum "vom Tellerwäscher zum Millionär" zu verwirklichen.

Europa hat die phantastische Chance aus den Fehlern der USA zu lernen, zumal die Soziologie Europas, mit Ausnahme Englands, zeigt, dass der Individualismus hier nicht so stark ausgeprägt ist.

Europa versus USA

Europa muss sich endlich von der Bevormundung der USA emanzipieren. 321 Millionen US-Amerikanern stehen 743 Millionen Europäer entgegen mit einer wesentlich effizienteren Industrie, einem besser funktionierenden Gesundheitssystem und einer relativ stabilen Altersvorsorge, sowie einer wesentlich moderneren und intakten Infrastruktur.

Das Handelsdefizit der USA gegenüber fast jedem Land dieser Erde zeigt letztendlich nur eines: Die USA sind abhängig von Rest der Welt und nicht umgekehrt. Die USA leben und konsumieren auf Kosten der übrigen Welt.

Denn ein Handelsdefizit bedeutet einfach, dass eine Gesellschaft mehr importiert als exportiert, mehr konsumiert als produziert. Es ist das gleiche Problem das beispielsweise Griechenland hat, nur in einem ganz anderen Maßstab. Die nächste Finanz- und Wirtschaftskrise ist damit vorprogrammiert.

Das Doylesche Gesetz, wonach Demokratien gegeneinander keine Kriege führen lässt hoffen, dass der Übergang der USA von der vermeintlichen Supermacht zu einem wenigstens "primus inter pares" in der Weltgemeinschaft ohne große Zerrüttungen vonstatten gehen wird.

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Und darum nochmals: "Danke Donald", dass du dieses amerikanische Problem uns allen so deutlichs machst. Jetzt muss Europa trotz seiner eigenen Identitätskrise die Stärke zeigen, die es seiner Stellung in der Welt schuldig ist.

Jetzt muss Europa seinen eigenen Weg gehen. Nicht dem amerikanischen Modell blind hinterherhecheln und den sogenannten neoliberalen Weg zur Oligarchie antreten, sondern ein soziales und freies liberales Europa schaffen.

Wie heißt es so treffend: "Der Kluge lernt aus seinen Fehlern - der Weise aus den Fehlern der Anderen". Können wir weise sein? Es bleibt spannend.

(jz)

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