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4 Tipps f√ľr den Umgang mit Aggression

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Aktuell erleben wir auf gesellschaftlicher Ebene eine spannende Zeit, ganz wertfrei gemeint. Ich nehme dabei wahr, dass das Sicherheitsbed√ľrfnis vieler meiner Mitmenschen steigt.

Aggression und Gewalt sind dabei ein Ph√§nomen, das die ganze Menschheitsgeschichte kontinuierlich begleitet hat. √úber die Frage nach dem "Warum" gibt es verschiedene Erkl√§rungsans√§tze. Nach der Triebtheorie liegt im menschlichen Organismus eine angeborene Quelle, die permanent aggressive Impulse produziert. Diese m√ľssen nicht zwangsl√§ufig zerst√∂rerisch sein, sondern k√∂nnen sich in verschiedenen Ausdrucksformen artikulieren, z.B. in sportlichen H√∂chstleistungen.

Nach der Frustrationstheorie kann eine Entt√§uschung bei Menschen verschiedene Reaktionen hervorrufen. Eine Reaktion in Form von √Ąrger kann zu aggressivem Verhalten f√ľhren. Nach der Lerntheorie sind Aggressionen ein gelerntes Verhalten, das √ľber Vorbilder von Mensch zu Mensch vermittelt wird.

Aus der Sichtweise eines T√§ters f√ľhrt hier aggressives Verhalten in einer bestimmten Situation zum Erfolg. Aus einer geschichtlichen und gesellschaftspolitischen Perspektive schlie√ülich erkennen wir, dass auch materielle Armut, Unterdr√ľckung und Ungerechtigkeit zu Auflehnung und Gewalt f√ľhren k√∂nnen.

In all diesen Theorien steckt ein St√ľck der gesamten Wahrheit (√§hnlich wie das Bild vom Kuchen in der Wissenschaftstheorie: ein St√ľck Torte ist eben nur ein St√ľck Torte, aber nicht der gesamte Kuchen!) Sie schlie√üen sich nicht gegenseitig aus, sondern erg√§nzen sich. Jeder Mensch kann f√ľr sich in seinem pers√∂nlichen Alltag diese Zusammenh√§nge entdecken. Sicherlich k√∂nnen wir das Verhalten eines aggressiven Menschen mit den oben genannten Aspekten ergr√ľnden und verstehen.

Das Problem ist leider, dass uns das in praktischer Hinsicht nicht viel n√ľtzen wird, da in einer konkreten Situation diese Ursachen nicht schnell behebbar sind. In einer Bedrohungssituation durch einen Schl√§ger gibt es keine M√∂glichkeit, in einem kurzen Kommunikationsprozess dessen schlechte Kindheit weg zu therapieren oder langfristig sein Armutsproblem zu l√∂sen. Die psychologische und soziologische Erforschung von Gewalt und die praktische Begegnung damit sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Wie also gehen wir mit Gewalt und Aggressionen um, welche L√∂sungsm√∂glichkeiten gibt es?

Wenn wir als Individuum die tieferen Ursachen von Aggressivit√§t nicht beeinflussen k√∂nnen, m√ľssen wir uns die spannungsgeladenen Situationen als solche betrachten und die "aktuellen" , im Hier und Jetzt stattfindenden Faktoren untersuchen. Aggressive Situationen finden auf zwei verschieden Ebenen statt, die qualitativ sehr verschieden sind und deshalb auch unterschiedliche L√∂sungswege bedingen.

Die Ebene des "kommunikativen Missverständnis"


In einer Situation, die auf dieser Ebene stattfindet, haben alle Beteiligten zuerst mal eine positive Grundhaltung zu den anderen. Keiner will und w√ľnscht hier etwas "schlechtes", keiner soll irgendwie gesch√§digt werden. Durch ein kommunikatives Missverst√§ndnis f√ľhlt sich auf einmal einer der Beteiligten pers√∂nlich angegriffen, in seiner Meinung, seinem Handeln oder seiner W√ľrde. Aus scheinbar n√∂tigem Selbstschutz "keilt" er zur√ľck, wird zum Aggressor. Die offen ausgedr√ľckte Wut kann hier eine tief innen empfundene Hilflosigkeit bedeuten.

Der andere Beteiligte wiederum, nichtahnend, was seine Bemerkung ausgel√∂st hat, wundert sich √ľber die f√ľr ihn pl√∂tzlich kippende Situation. Er f√ľhlt sich durch die Aggressivit√§t des anderen ebenfalls als der Angegriffene und schl√§gt ebenso zur√ľck. Durch ein Missverst√§ndnis und die darauf folgenden Interaktionen kann sich eine solche Situation in einen handfesten Konflikt hochkochen, in dem die Beteiligten verbal oder k√∂rperlich aufeinander eindreschen.

In einer eskalierenden Situation kann durch einen "Break" einer der Beteiligten daf√ľr sorgen, dass sich die Sache nicht weiter zuspitzt. Er kann z.B. durch Minderung der Lautst√§rke Ruhe und Entspanntheit vermitteln und damit die atmosph√§rischen Spannungen mildern. Er kann vorschlagen, das Gespr√§ch auf sp√§ter zu verschieben, wenn sich die Gem√ľter wieder beruhigt haben.

Er kann auch einfach den Raum verlassen, zu einer gegenseitigen Anbr√ľllerei geh√∂ren schlie√ülich zwei. Wenn man das Gef√ľhl hat, sich in dem Teufelskreis einer hochschaukelnden aggressiven Lage zu befinden, sollte man versuchen, an den Punkt zur√ľckzufinden, wo das Gespr√§ch gekippt ist. Hier liegt der Knackpunkt begraben. Gekl√§rt werden muss, wo und wie das Missverst√§ndnis entstanden ist. Bei Missverst√§ndnissen sollte sowohl die Sachebene, als auch die Gef√ľhlsebene gekl√§rt werden.
  • "Die Vernunft spricht leise":
Mit einer anderen Position/Meinung sollte man achtungsvoll umgehen und sie nicht kleinmachen. "Ressourcen-orientiert" bedeutet hier, nicht darauf zu gucken, was alles nicht oder falsch gesagt wurde, sondern darauf, was gut und richtig war. Offenheit ist eine wichtige Qualit√§t. Wir Menschen leben leider mit einem begrenzten Horizont, mit dem wir ein kleines Kuchenst√ľck der Wahrheit f√ľr die ganze Torte halten. Die eigenen Gedanken sollten klar und in Ich - Botschaften ausgedr√ľckt werden.
  • "W√§rme schmilzt das Eis":

Die meisten Probleme sind auf der Gef√ľhlsebene begr√ľndet. Die Schwierigkeit ist hier, dass diese oft tabuisiert wird, z.B. zwischen Mitarbeitern einer Firma. Die Arbeitskultur "verlangt", dass Auseinandersetzungen auf der Sachebene gekl√§rt werden, was prinzipiell auch richtig ist. Aber leider k√∂nnen Menschen ihr Gef√ľhl nicht an der Stechuhr abgeben. Verletzungen in Menschen r√ľhren oft daher, dass sie sich als Mensch nicht angenommen f√ľhlen.

Nicht der Inhalt einer Kritik verletzt dann, sondern der atmosphärische Rahmen, in dem sie transportiert wird. In einer freundlichen Atmosphäre keimt kein Misstrauen. Vertrauen, Verständnis, Toleranz, Geduld und Humor schaffen eine Bereitschaft, sich auch mit unangenehmeren Sachverhalten auseinanderzusetzen. Auch in einer produktiven Gesprächsatmosphäre entstehen Missverständnisse, aber sie eskalieren nicht so schnell.

Die Ebene "Aggression als Mittel zur Durchsetzung egoistischer Interessen"


Sind wir bei der vorherigen Ebene davon ausgegangen, da√ü alle Beteiligten zumindest anfangs eine positive Grundhaltung hatten, ist bei dieser Ebene unsere Grundannahme, dass zumindest ein Beteiligter von vornherein negative Intentionen hat. Schauen wir hierzu wieder in das wahre Leben. Manche Menschen haben schlicht b√∂se Absichten, gesellschaftliche Realit√§t sind Morde, Raub√ľberf√§lle, Vergewaltigungen, physische und psychische Misshandlungen etc.

Aggressivit√§t (ob verbal oder k√∂rperlich) dient hier beim T√§ter als Instrument zur Durchsetzung seiner egoistischen Interessen. Dabei kann es sich um finanzielle Interessen handeln (der Handtaschendieb) oder um dem√ľtigen und qu√§len wollen und Aus√ľbung von Macht (Vergewaltiger, Schl√§ger, Folterknecht). Aber auch der tyrannische Chef alter Macho-Klasse, der seine Mitarbeiter g√§ngelt, um mehr Arbeitsleistung ausbeuten zu k√∂nnen, geh√∂rt prinzipiell in diese Kategorie.

Der Aggressor hat ein klares Ziel, das er umsetzen m√∂chte. Eine defensive Methode wird von ihm als Schw√§che ausgelegt. Solche T√§ter suchen ein Opfer, keinen ebenb√ľrtigen Gegner, mit dem sie sich auf ein Kr√§ftemessen einlassen m√ľssten und der verhindern k√∂nnte, dass sie an ihr egoistisches Ziel kommen.

Manche Täter berauschen sich richtig an der Hilflosigkeit ihrer Opfer. Hier wird deutlich, dass die Aggressivität ganz anders gelagert ist als auf unserer Missverständnis-Ebene. Deshalb verlangt sie auch einen anderen Lösungsweg: hier geht es um deutliche Grenzziehung. Der Apell an den Täter lautet: "Das, was du von mir willst, kriegst du nicht!"

Lösungsmöglichkeiten

  • Warnsignale nicht ignorieren und rechtzeitig Grenzen setzen!
Aggressive T√§ter haben oft einen "Verb√ľndeten", n√§mlich ihr Opfer, das Warnsignale ignoriert. Kritische Wahrnehmung der Umgebung bietet Schutz. Bei Gewalt gegen Frauen finden entgegen eines falschen Mythos die meisten Angriffe nicht √ľberfallartig durch einen Fremden statt, sondern T√§ter und Opfer sind miteinander bekannt oder verwandt (das sogenannte ‚ÄěAntanzen" durch Gruppen von M√§nnern ist in Deutschland eine wirklich neue Qualit√§t!).

Es ist weniger der b√∂se Mann im Park, sondern der Bekannte, der eine Frau in ihrer eigenen Wohnung bedroht (ca 70 % der F√§lle). Die Tat geschieht nicht pl√∂tzlich, sondern der T√§ter pr√ľft vorher sein Opfer (durch verbale oder k√∂rperliche Taktlosigkeiten). Wer merkt, dass er gepr√ľft wird, muss gegenhalten, indem er klar seine Grenzen setzt.

Das f√§llt uns durch √Ąngste und Erziehung manchmal schwer. H√∂flichkeit ist aber die falsche Methode. Sie wird vom T√§ter als Schw√§che ausgelegt und er testet weitere "Grenz√ľberschreitungen". Wer jetzt nachgibt, unterwirft sich den Regeln des Gegners und hat verloren. Das Prinzip der "Austestung" gilt nat√ľrlich auch f√ľr Situationen mit Fremden. Ein "komisches Gef√ľhl" im Bauch ist ein wichtiges Warnsignal, das nicht unterdr√ľckt oder ignoriert werden sollte!
  • Nonverbal St√§rke demonstrieren!
Zuerst besteht ein Sichtkontakt. Der T√§ter pr√ľft zun√§chst seine potentiellen Opfer. Es ist ein Ph√§nomen, dass oft immer wieder die gleichen Menschen in prek√§re Situationen kommen. Das liegt in der Ausstrahlung dieser Menschen begr√ľndet. Der T√§ter nimmt intuitiv wahr, dass er wahrscheinlich keine Gegenwehr zu erwarten hat. Erst auf Grundlage dieser Wahrnehmung beginnt er seine Austestung. Das Mittel der Wahl ist k√∂rpersprachlich St√§rke und Selbstbewusstsein auszusenden. Das kann und muss man nat√ľrlich √ľben.
  • Ein "Drehbuch" schreiben!
Manchmal gibt es Situationen, auf die wir uns vorbereiten k√∂nnen. Als Mitarbeiter einer Firma oder Beh√∂rde mit Kunden/Klientenkontakt verf√ľge ich √ľber Erfahrungswerte aus fr√ľheren Kontakten mit meinen Klienten. Wenn eine Einsch√§tzung vorliegt, dass mein Klient aggressiv reagieren k√∂nnte, habe ich die M√∂glichkeit, ein "Drehbuch" zu schreiben. In diesem Drehbuch bereite ich gedanklich oder schriftlich den Kontakt vor und entwickle ein Szenario, welches alle M√∂glichkeiten der Entwicklung durchspielt.

Ich kann mir hier verschiedene Aktionen meines Klienten ausmalen und meine Reaktionen darauf in Ruhe ausdenken. Was will mein Klient? Was will ich, inwieweit kann ich auf seine W√ľnsche eingehen? Wie reagiert der Klient, wenn seine W√ľnsche nicht erf√ľllt werden? Besteht die Gefahr, dass er verbal oder sogar k√∂rperlich aggressiv wird? Wie kann ich ihn beruhigen? Habe ich n√∂tigenfalls Hilfe? Durch wen? Kann sie schnell organisiert werden? Ist es sinnvoll, auf jeden Fall die Verhandlung in Anwesenheit eines zweiten Arbeitskollegen zu f√ľhren (Abschreckungsprinzip: Herstellen einer √úbermacht)?

Mit solchen Fragen kann ich mich auf verschiedene Entwicklungen einer Situation vorbereiten. Wenn es tats√§chlich unangenehm wird, muss ich nicht in einer Schreck- und Schocksituation schlecht improvisieren. Ein Handlungsplan gibt innere Sicherheit und st√§rkt den R√ľcken. Ein "Drehbuch" ist eine sinnvolle Vorbereitung und mindert die Gefahr von unangenehmen √úberraschungseffekten.
  • Die Verteidigung schrittweise organisieren!
Es gibt nervige Situationen, die aber nicht gef√§hrlich sind. Der T√§ter ist aufdringlich, aber harmlos. Das Grenzen-setzen muss der Situation angemessen sein. Man kann nicht eine noch so dumme verbale Attacke gleich mit einer ultimativen Selbstverteidigungstechnik kontern (weder unter moralisch - ethischem noch unter juristischem Aspekt). Unser Ziel ist prinzipiell eine Probleml√∂sung auf der niedrigsten Stufe. Wie Lao Tse formulierte: "Das noch nicht Wogende ist leicht beruhigt, das noch Winzige ist leicht zerstreut. Begegne den Dingen, bevor sie da sind!" Man kann manchmal einem Angriff vorbeugen, indem man die M√∂glichkeit zur Flucht nutzt. Oder wir versuchen durch markante K√∂rpersprache, verbales Grenzen-Setzen und kommunikative Tricks und Taktiken den Angriff abzuwenden (z.B. durch Ablenkung). Erst, wenn diese Mittel versagen, sollten wir uns f√ľr die Anwendung von Selbstverteidigungs -Techniken entscheiden. Und jetzt k√∂nnte ich noch ganz viel schreiben ..., aber dann wird das hier ein Buch und kein Artikel. So muss ich f√ľr heute den interessierten Leser damit tr√∂sten, dass es ganz viel und gute Literatur zu diesen Sachen gibt. Ich hoffe, dass dieser Beitrag nutzbringend f√ľr Sie war und vielleicht eine kleine Anregung ist, sich mit diesem Thema weiter zu besch√§ftigen. Dann habe ich mein Ziel erreicht. Ich w√ľnsche Ihnen allen, dass Sie in Frieden leben! Ihr Ralf Kellmereit

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