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IT in der Medizin - Mehr Daten bedeuten auch mehr Verantwortung

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MEDICINE DIGITAL
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Das Gesundheitswesen verändert sich gerade grundlegend. Digitale Anwendungen werden den Alltag von Patienten und Medizinpersonal künftig noch stärker prägen. Geräte und Apps produzieren immer mehr Daten, ihre Menge explodiert.

Warum vor allem Künstliche Intelligenz und Virtual Reality diese Entwicklung antreiben, erklärt Dirk M. Möller, Head of Public Sector beim Datenmanagement-Spezialisten NetApp. Im Gespräch geht er auch darauf ein, wie sich moderne Technologie und Datenschutz über sorgfältiges Datenmanagement und Verantwortungsbewusstsein in Einklang bringen lassen, damit das Vertrauen der Patienten ins Gesundheitssystem nicht schwindet, sondern wächst.

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Die Deutschen nutzen Fitness-Tracker und befürworten die Online-Sprechstunde oder die elektronische Patientenakte. Sie stehen auch mehrheitlich der Digitalisierung des Gesundheitswesens positiv gegenüber, lautet das Ergebnis einer Verbraucherstudie, die der Branchenverband Bitkom durchgeführt hat. Worin liegen denn die Chancen der Gesundheit 4.0?

Patienten, Entscheider im Krankenhaus und Mediziner erleben die fortschreitende Vernetzung und Digitalisierung. Telemedizin in Kombination mit medizinischen Geräten und Wearables vereinfacht für den Patienten den Zugang zu seinen eigenen Gesundheitsdaten. Er kann die Werte seines Fitbits sowie seiner Insulinpumpe künftig überprüfen und dann entscheiden, ob er einen Arzt aufsucht oder eine virtuelle medizinische Beratung in Anspruch nimmt.

Das Internet der Dinge erobert also das Gesundheitswesen. Was treibt technologisch die Digitalisierung an?

Anwendungen zu Virtual Reality, künstlicher Intelligenz und Big Data werden das Gesundheitswesen tiefgreifend transformieren - von der Servicebereitstellung bis zur Datenzusammenführung. An Watson, dem Supercomputer von IBM, lässt sich am besten zeigen, welches Potenzial künstliche Intelligenz hat. Er liest 200 Millionen Textseiten in drei Sekunden, zapft ungenutzte Datenpools an und verknüpft so Erkenntnisse der Medizinforschung, die bisher ungenutzt in Fachmagazinen und -büchern schlummerten. Dabei bügelt diese Anwendung Inkonsistenzen aus. Das vollständige Nutzbarmachen der medizinischen Datenmasse befähigt uns dazu, eine Reihe von Krankheiten zu entdecken, zu identifizieren, zu diagnostizieren und besser zu behandeln.

Wird das Gesundheitswesen automatisiert und personalisiert?

In gewisser Weise schon. Wenn Watson beispielsweise schnell nutzbare genetische Profile aus DNA-Strukturen erzeugt und dazu Querverweisen aus der Medizinliteratur nachgeht, mündet das künftig in Minutenschnelle in einem Vorschlag, welche Medikation und Therapie den Patienten am besten hilft. Der Gesundheitssektor entwickelt sich rasant weiter, auch hinsichtlich der Ausbildung.

Was tut sich auf diesem Gebiet?

Virtual-Reality-Trainings werden die Fähigkeiten und Erfahrungen von Medizinstudenten weltweit verbessern. So wurde im April 2016 die erste Operation im Livestream übertragen. Vor den Augen von mehr als 54.000 Medizinstudenten, angehenden Chirurgen und interessierten Bürgern entfernte ein Chirurg im OP der Royal London Hospitals einen Tumor. Wenn Sie so wollen, demokratisieren Virtual Reality und Augmented Reality die Medizinerausbildung. Die Studenten entscheiden selbst, was sie brauchen. Auch dem Arzt-Patienten-Verhältnis kommt diese Entwicklung zugute: In dem Maße, wie Basiswissen und Erfahrungen aus Trainings bei den Studenten in die Höhe schnellen, wächst auch das Vertrauen der Patienten in ihren Arzt.

Ein Operationssaal kommt ohne Virtual-Reality-Equipment nicht mehr aus?

Das ist nicht der ausschlaggebende Punkt. Vielmehr entscheidet ein solides Datenmanagement weit über den Operationsaal hinaus, ob das Gesundheitswesen die digitalen Chancen verantwortungsbewusst nutzt. Es besteht ein berechtigter Anspruch, die Integrität des Gesundheitssystems zu wahren - trotz oder gerade wegen all der Verlockungen der technologischen Möglichkeiten. Das bedeutet, der Eckpfeiler im Gesundheitssystem, das Vertrauen, darf nicht wegbrechen. Patientendaten müssen gemäß Datenschutzgesetz, also nach der EU-Datenschutz-Grundverordnung, gespeichert und verarbeitet werden. Es geht darum, den unbestrittenen Wert der medizinischen Forschung mit dem hohen Gut des Datenschutzes in Einklang zu bringen. Das ist keine leichte technische Aufgabe angesichts der Datenexplosion, zu der das Internet der Dinge mit Wearables wie Fitbits, Big Data, künstliche Intelligenz, aber auch die höhere Lebenserwartung der Bürger und Vorhaben wie die elektronische Patientenakte beitragen.

Als Allheilmittel kommt dann schnell die Cloud ins Spiel. Zu Recht?

Hier muss man differenzieren. IT-Entscheidern im Gesundheitswesen stellt sich die Grundsatzfrage: Wollen sie die Daten komplett in die Public Cloud verschieben oder ein Hybrid-Cloud-Modell implementieren? Bei der zweiten Variante werden geschäftskritische Daten im eigenen Rechenzentrum gespeichert, wohingegen die „kalten", unkritischen Daten in die Public Cloud wandern. Einheitliches Datenmanagement und Datenformat erleichtern es, Daten zwischen Rechenzentrum und Cloud hin und her zu bewegen und so die Informationen den Anwendern schnell und sicher bereitzustellen. Wer darüber hinaus auf effiziente Speichertechnologien wie Flash setzt, reduziert die immer größeren Datenmengen. Sie garantieren schnelle Verarbeitung bei geringen Betriebskosten und passen sich zudem an den Bedarf der Nutzer an. Eine zentrale Datenmanagement-Plattform vorausgesetzt, kann man im Gesundheitswesen mit einer Kombination aus Hybrid Cloud und Flash-Speicher größte Datenmengen von ganz unterschiedlichen Quellen wie Wearables oder traditionellen Untersuchungsgeräten verarbeiten. Ein Krankenhaus legt dann die gewonnenen Daten in vergleichsweise preisgünstigen Cloud-Archiven ab und überführt diese anschließend nahtlos in schnelle Flash-Speicher-Arrays für weitergehende Analysen.

Sie haben die technische Seite erklärt, wie sich das immense Datenvolumen beherrschen lässt. Das löst jedoch nicht die Verantwortungsfrage.

Richtig. Um datenschutzkonform mit sensiblen Patientendaten umzugehen, brauchen die beteiligten Unternehmen wie Kliniken oder Arztpraxen ein effizientes und sicheres Datenmanagement. Damit ist es allerdings nicht getan. Entscheidend wird sein, den Berufstand der Mediziner in Sachen Datenmanagement zu bilden und bei ihnen für ein Grundverständnis zu sorgen, wie Patientendaten verarbeitet werden. Das bedeutet eben ein Anonymisieren und nicht bloß Pseudonymisieren der Daten, um das Identifizieren eines Versicherten auszuschließen. Aber auch die Patienten kann man nicht aus der Pflicht entlassen. Sie müssen aktiv entscheiden, ob sie ihre Daten an Dritte weitergeben. Die Frage ist doch: Wer darf Bescheid wissen, ob jemand schwanger, an HIV erkrankt oder gerade in einer Chemotherapie ist. Entwickelt sich das Bewusstsein für die eigenen Daten und setzen Akteure im Gesundheitswesen eine Datenmanagementstrategie sorgfältig um, wird das Gesundheitswesen einen gesunden Fortschritt und steigende Qualität auf vielen Ebenen erleben.

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