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Auf dem Weg zur Industrie 4.0

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Industrie-4.0- und Big-Data-Technologien treiben den deutschen Mittelstand um. Wie weit hiesige Hidden Champions bei der Vernetzung der Produktion schon sind, wie sie Projekte am besten aufsetzen und ob eine Branche als Musterbeispiel taugt, diskutiere ich mit Sascha Bäcker, Solution Architect für Analytics & Data beim IT-Haus Axians IT Solutions.

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Herr Bäcker, in Technologien rund um Industrie 4.0, Internet of Things (IoT) oder Big Data liegt die Zukunft der Wirtschaft. Wie weit ist hier der deutsche Mittelstand?

Die Schere geht ziemlich auseinander: Manche Unternehmen sind schon mittendrin in zukunftsweisenden und spannenden Projekten, die ihnen im internationalen Wettbewerb bald Vorteile einbringen werden. Andere dagegen haben noch kein Konzept entwickelt. Hier sind oft Industrieanlagen ein Hindernis, die noch aus den 80er Jahren stammen. Im Gegensatz zu neueren Maschinen sind sie noch gar nicht mit Elektronik ausgestattet. Man muss diese also zunächst vernetzen und hat noch keine Daten, die man analysieren könnte. Insgesamt merke ich in Kundengesprächen jedoch, dass das Thema alle Unternehmen beschäftigt.

Wie gehen Unternehmen Industrie-4.0-Projekte an?

Sie steigen meist mit einer Datenauswertung in die Industrie 4.0 ein. Oft starten sie mit einfachen, automatisierten Auswertungen ihrer Betriebsdaten und möchten damit erst einmal aktuelle und konkrete Herausforderungen lösen. Für komplexere Projekte ist es nötig, mehrere Datentöpfe im Sinne von Big Data zu verknüpfen. Daten zu Energieverbrauch, Belegung der Maschinen, Auftragsreports, Track & Trace oder Vertriebsdatenplanungen sammeln wir dafür in einem sogenannten „Data Lake". Algorithmen analysieren die so zusammengestellten Informationen auf Korrelationen, die das Geschäftsziel unterstützen. In vielen Szenarien liegen erhebliche Mehrwerte in der gemeinsamen Betrachtung von Daten, die bisher separat analysiert werden, etwa Daten aus dem Vertrieb und der Produktion. So lässt sich unter Umständen über Kundenfeedback feststellen, wo in der Produktion Optimierungen notwendig sind.

Entspricht das Ihrer Empfehlung für einen Projekteinstieg?

Generell ist es am pragmatischsten, mit kleinen Projekten in einem Teilbereich zu starten. Industrie 4.0 direkt im ganzen Unternehmen auszurollen, scheitert meist. In einem einzelnen Bereich wie der Produktion dagegen, lassen sich die Maschinen relativ kostengünstig und einfach mit der nötigen Internet-der-Dinge-Technologie ausstatten. In diesem Fall braucht man Sensorik-Elemente für Testläufe. Damit lassen sich dann schnell Daten generieren, analysieren und man stößt auf Verbesserungspotenziale. Gleichzeitig werden die Mitarbeiter mit den Möglichkeiten der Digitalisierung vertraut gemacht und können neue Projekte effizient und fundiert begleiten oder umsetzen.

Wo finden sich noch solche Potenziale?

Bei manchen Unternehmen lässt sich an der Zulieferkette noch etwas verbessern oder der Ausschuss verringern. Bei anderen können Anlagen noch besser ausgelastet werden. Manchmal decken Datenanalysen auch die Rolle externer Faktoren, wie des Wetters oder der Jahreszeit auf. Der Phantasie sind beinahe keine Grenzen gesetzt. Darum ist es umso entscheidender, die ersten Schritte richtig zu planen, um sich nicht zu verzetteln.

Gibt es Unternehmen oder Branchen, die sich gar nicht für Industrie 4.0 eignen?

Bisher ist mir noch kein Unternehmen begegnet, das sich gar nicht für Industrie-4.0-Ansätze eignet. Selbst eine einstufige Fertigung hat eine Zulieferkette und Abnehmer. Aus meiner Sicht gibt es keinen Bereich, der darum herumkommen wird, zumindest Teile seiner Prozesse mit algorithmischer Intelligenz zu versehen und zu optimieren. Selbst in alten Industrien wie dem Bergbau gibt es bei unseren Kunden Überlegungen, Industrie-4.0-Technologien einzusetzen. Verbesserungspotenziale auf Dauer nicht zu nutzen, kann sich niemand leisten.

Wie groß schätzen Sie das Optimierungspotenzial in Unternehmen ein?

Wir stehen erst am Anfang der Entwicklung, aber schon jetzt zeigen sich zum Teil enorme Möglichkeiten. Vor einiger Zeit war ich Gast auf einer Podiumsdiskussion und ein Unternehmer hat davon erzählt, wie in seiner Produktion durch den Einsatz von Algorithmen die Effizienz bestimmter Maschinen um 70 Prozent erhöht werden konnte. Einem Wettbewerber aus der gleichen Branche der die gleichen Maschinen verwendet stand die Panik ins Gesicht geschrieben. Eine Effizienzsteigerung um 70 Prozent ist natürlich eher außergewöhnlich, aber sie zeigt, welche Chance in durchdachten Big-Data-Projekten und Industrie-4.0-Konzepten steckt.

Welche Branchen können von Industrie 4.0 besonders profitieren?

Industrie 4.0 bietet an allen Ecken und Enden Möglichkeiten - und das für Unternehmen aller Art. Dabei macht es vielleicht einen Unterschied, wann Unternehmen und Branchen entstanden sind: Automobil- und Maschinenbaubranche sind in Deutschland alteingesessen. Deshalb steckt in ihren Produktionsstraßen und Abläufen wohl mehr Optimierungspotenzial als in Unternehmen, die in den vergangenen zehn Jahren gegründet wurden, als die Digitalisierung bereits das Denken über Geschäftsmodelle und -Prozesse beeinflusst hat.

Sind also die Automobil- und Maschinenbaubranche Musterbeispiele für Industrie 4.0?

Zumindest in Teilen ist dabei eher der Wunsch der Vater des Gedanken. Auch hier geht die Schere beim Einsatz von Trendtechnologien weit auseinander. Es gibt Unternehmen, die schon von Haus aus auf sehr hohem Niveau produzieren und dabei die beste Qualität erreichen, aber für eine Weiterentwicklung im Bereich Industrie 4.0 noch nicht ausgerichtet sind. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn die Sensorik fehlt, die sie dafür benötigten Daten messen müsste. Hier ist es Zeit für die ersten Schritte in Sachen Digitalisierung.

Was dürfen wir von Industrie 4.0 in Zukunft erwarten?

Der deutsche Mittelstand ist voller Hidden Champions, die der Digitalisierung offen gegenüberstehen. Dank ihrer Spezialisierung haben sie es weltweit ganz nach oben geschafft - dort wollen sie jetzt natürlich auch bleiben und verwirklichen deshalb auch visionäre Projekte.

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