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Wo alles wieder zusammenkommt

10/09/2016 13:19 CEST | Aktualisiert 11/09/2017 11:12 CEST
alvarez via Getty Images

Stellen Sie sich einen Ort vor, an dem Menschen aus verschiedenen Ländern zusammenkommen und wo sie Erfahrungen, Informationen und Waren austauschen. Wo sie miteinander in Kontakt kommen, sich vernetzen, Freundschaften schließen und gute Geschäfte machen.

Wo Hinz auf Kunz und Tagelöhner auf Vorstand trifft, wo Erfinder und Künstler und Finanzprofis zusammensitzen und sich gegenseitig inspirieren.

Wo sie geistige, seelische und gaumenerfreuende Nahrung erhalten, wo die Strapazen ihrer Reisen und ihrer alltäglichen Herausforderungen gelindert werden und wo neue Perspektiven und Sinnerfüllung für den weiteren Weg entstehen. Ein Ort, an dem „alles wieder zusammenkommt".

Heute

Leider kommen wir nicht darum herum, eine ganz gegenläufige Entwicklung in unserer Gesellschaft festzustellen. Sie sei hier nur kurz skizziert: das Geistige, das Seelische und das Materielle werden voneinander getrennt.

Work und Life scheinen gegensätzliche Prinzipien zu sein, d.h. im Beruf ist in erster Linie das Funktionieren gefragt, Sinn und Sinnliches finden am Feierabend und im Urlaub statt.

Betriebswirtschaftler belächeln die Sinnorientierung glaubender Menschen als „abgehoben", spirituell ausgerichtete Menschen distanzieren sich ihrerseits von den negativen Extremen selbstbezogener Profitgier und Ergebnisfixierung in der Wirtschaft und schütten dabei manches Mal das Kind mit dem Bade aus... und so wächst weiterhin der Graben zwischen zwei Wirkkräften unseres Lebens und es wird getan, als könnten sie nur getrennt und als unvereinbare Gegensätze existieren.

Finsteres Mittelalter?

In alten, vielleicht doch gar nicht so finsteren Zeiten war das nicht so und es gab diese oben bejubelten ganzheitlichen Orte eigentlich „an allen Ecken". Das glauben Sie nicht? Wie sind denn unsere Straßen und Städte entstanden? Menschen haben sich aus kommerziellen oder religiösen Gründen auf den Weg gemacht, um andere Menschen in anderen Städten, an anderen Ufern mit ihren Ideen und Waren zu erreichen.

Die erfolgreichen Wege wurden zu Straßen, einfach deshalb, weil sie wieder und wieder begangen und befahren wurden. An den Straßen wurden Rastplätze geschaffen, Ansiedlungen, Märkte und Unternehmen wurden gegründet. Klöster boten Schutz, Herberge, Wundpflege, Seelsorge und garantierten Begegnung und Vernetzung mit anderen Reisenden.

Die Kirche verstand ihren Auftrag: dorthin gehen, wo das Leben tobt und die eigenen Kompetenzen ins Geschehen einbringen, das tobende Leben selbst prägen und gestalten.

Damals bis heute

Ein faszinierendes, historisches Beispiel ist die mittelalterliche Handelsstraße zwischen Ulm und Straßburg, also zwischen zwei wichtigen Handelszentren des damaligen europäischen Wirtschaftsraumes. Am Anfang und am Ende des mühevollen Weges stehen beeindruckende Gotteshäuser, das Ulmer und das Straßburger Münster.

An der Straße entstehen an markanten Wegpunkten Klöster (z.B. Blaubeuren und Kniebis) und Zentren der politischen und wirtschaftlichen Kraft (Urach, Reutlingen, Tübingen, Oberkirch etc.). Alles entwickelt und verbunden durch die Lebensader Handelsstraße. Und das ist stark: der Verlauf der mittelalterlichen Handelsstraße entspricht exakt dem Verlauf der heutigen Bundesstraße 28.

Das heißt, bei einer Fahrt zwischen Ulm und Straßburg quer durch Baden-Württemberg bewegen wir uns auf einer Straße, die bereits im 12. Jahrhundert als solche bezeugt ist. Was für eine Geschichte, was für ein Erbe! Vermutlich geht ein Großteil unserer heutigen Verbindungswege auf solch alte Wurzeln zurück und die B28 ist nur ein Beispiel, ein Bild für die vormalige Einheit von geistlichem und wirtschaftlichem Leben.

So, ja, so entwickelt sich das Leben, so entstehen Kultur, Wohlstand, Wirtschaftswachstum, so entstehen Regionen und Länder mit geistlicher und materieller Ausstrahlung.

Und in Zukunft?

Gott sei Dank mehren sich die Zeichen, dass alles wieder zusammenkommt: Unternehmen öffnen sich der Frage nach ihrem Sinn. Das ist ein Grund zum Jubel: Über den traditionellen Fokus, das Ergebnis, hinaus, fragen sich Gründer, Manager, Teams und ganze Belegschaften nach dem Sinn ihrer Existenz.

Sie identifizieren ihn und gewinnen echte Herzensmotivation durch den Anschluss an den tieferen Sinn. Das geht weit über die in Hochglanz verpackten Leitbilder hinaus! Sehr schönen Ausdruck findet das in den Organisationen, die sich an integralen bzw. evolutionären Prinzipien orientieren.

Hierarchiefreie Organisationen, ganzheitliche Verbundenheit mit der Firmenvision, kreativer, beteiligungsorientierter Change aus echten Bedürfnissen heraus... das ist möglich! Hier seien bewusst zwei sehr unterschiedliche Beispiele genannt: der Produzent für Outdoorequipment Patagonia oder die im Aufbau befindliche „Familienherberge Lebensweg" sind Unternehmen, die konsequent sinnorientierte Wege gehen und die entsprechende Strukturen etablieren, in denen sich sowohl das Unternehmen als auch die beteiligten Mitarbeiter und Kunden/Klienten ganzheitlich entwickeln.

Und die Kirchen, egal ob katholisch, evangelisch oder freikirchlich, entdecken ihren Auftrag wieder, dorthin zu gehen wo das Leben tobt. Sei es beim tatkräftigen Anpacken in der Flüchtlingskrise oder beim offensiveren Eintreten für Sinn und Gerechtigkeit in der Arbeitswelt und Politik.

Geistliches Leben spielt sich nicht mehr nur hinter dicken Kirchenmauern ab, sondern „infiltriert" Unternehmen und politische Gremien. Gebets- und Fördernetzwerke übernehmen die Verantwortung für ihre Städte, Länder, Branchen und gemeinsamen Aufgaben wie Bildung, Gesundheit und Kultur.

Initiativen wie God@Work oder Gemeinsam für Europa sind wie moderne Klöster, die beten, unterstützen und anleiten, wo der grenzüberschreitende Auftrag des Reiches Gottes sie braucht: in Unternehmen, in der Politik, auf den Märkten und Plätzen der Städte und auf den Straßen, den Lebensadern unserer Gesellschaft.

Fazit: das Leben entwickelt sich dort am besten, wo „alles zusammenkommt": das Kloster mit dem Handel, Geschäftssinn mit Sinnerfüllung und Menschenherzen mit übergeordneten geistigen sowie unternehmerischen Ideen.

Eine praktische Anregung dazu: Fragen Sie sich selbst einmal nach dem tieferen Sinn Ihrer Arbeit! Wozu tue ich, was ich tue? Und wozu noch? Und wozu ... bis Sie nicht mehr „Wozu?" fragen können. Dann sind Sie am momentan tiefsten Sinn angelangt. Hoffentlich erfüllt.

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