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Wo alles wieder zusammenkommt

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alvarez via Getty Images
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Stellen Sie sich einen Ort vor, an dem Menschen aus verschiedenen L├Ąndern zusammenkommen und wo sie Erfahrungen, Informationen und Waren austauschen. Wo sie miteinander in Kontakt kommen, sich vernetzen, Freundschaften schlie├čen und gute Gesch├Ąfte machen.

Wo Hinz auf Kunz und Tagel├Âhner auf Vorstand trifft, wo Erfinder und K├╝nstler und Finanzprofis zusammensitzen und sich gegenseitig inspirieren.

Wo sie geistige, seelische und gaumenerfreuende Nahrung erhalten, wo die Strapazen ihrer Reisen und ihrer allt├Ąglichen Herausforderungen gelindert werden und wo neue Perspektiven und Sinnerf├╝llung f├╝r den weiteren Weg entstehen. Ein Ort, an dem ÔÇ×alles wieder zusammenkommt".

Heute

Leider kommen wir nicht darum herum, eine ganz gegenl├Ąufige Entwicklung in unserer Gesellschaft festzustellen. Sie sei hier nur kurz skizziert: das Geistige, das Seelische und das Materielle werden voneinander getrennt.

Work und Life scheinen gegens├Ątzliche Prinzipien zu sein, d.h. im Beruf ist in erster Linie das Funktionieren gefragt, Sinn und Sinnliches finden am Feierabend und im Urlaub statt.

Betriebswirtschaftler bel├Ącheln die Sinnorientierung glaubender Menschen als ÔÇ×abgehoben", spirituell ausgerichtete Menschen distanzieren sich ihrerseits von den negativen Extremen selbstbezogener Profitgier und Ergebnisfixierung in der Wirtschaft und sch├╝tten dabei manches Mal das Kind mit dem Bade aus... und so w├Ąchst weiterhin der Graben zwischen zwei Wirkkr├Ąften unseres Lebens und es wird getan, als k├Ânnten sie nur getrennt und als unvereinbare Gegens├Ątze existieren.

Finsteres Mittelalter?

In alten, vielleicht doch gar nicht so finsteren Zeiten war das nicht so und es gab diese oben bejubelten ganzheitlichen Orte eigentlich ÔÇ×an allen Ecken". Das glauben Sie nicht? Wie sind denn unsere Stra├čen und St├Ądte entstanden? Menschen haben sich aus kommerziellen oder religi├Âsen Gr├╝nden auf den Weg gemacht, um andere Menschen in anderen St├Ądten, an anderen Ufern mit ihren Ideen und Waren zu erreichen.

Die erfolgreichen Wege wurden zu Stra├čen, einfach deshalb, weil sie wieder und wieder begangen und befahren wurden. An den Stra├čen wurden Rastpl├Ątze geschaffen, Ansiedlungen, M├Ąrkte und Unternehmen wurden gegr├╝ndet. Kl├Âster boten Schutz, Herberge, Wundpflege, Seelsorge und garantierten Begegnung und Vernetzung mit anderen Reisenden.

Die Kirche verstand ihren Auftrag: dorthin gehen, wo das Leben tobt und die eigenen Kompetenzen ins Geschehen einbringen, das tobende Leben selbst pr├Ągen und gestalten.

Damals bis heute

Ein faszinierendes, historisches Beispiel ist die mittelalterliche Handelsstra├če zwischen Ulm und Stra├čburg, also zwischen zwei wichtigen Handelszentren des damaligen europ├Ąischen Wirtschaftsraumes. Am Anfang und am Ende des m├╝hevollen Weges stehen beeindruckende Gottesh├Ąuser, das Ulmer und das Stra├čburger M├╝nster.

An der Stra├če entstehen an markanten Wegpunkten Kl├Âster (z.B. Blaubeuren und Kniebis) und Zentren der politischen und wirtschaftlichen Kraft (Urach, Reutlingen, T├╝bingen, Oberkirch etc.). Alles entwickelt und verbunden durch die Lebensader Handelsstra├če. Und das ist stark: der Verlauf der mittelalterlichen Handelsstra├če entspricht exakt dem Verlauf der heutigen Bundesstra├če 28.

Das hei├čt, bei einer Fahrt zwischen Ulm und Stra├čburg quer durch Baden-W├╝rttemberg bewegen wir uns auf einer Stra├če, die bereits im 12. Jahrhundert als solche bezeugt ist. Was f├╝r eine Geschichte, was f├╝r ein Erbe! Vermutlich geht ein Gro├čteil unserer heutigen Verbindungswege auf solch alte Wurzeln zur├╝ck und die B28 ist nur ein Beispiel, ein Bild f├╝r die vormalige Einheit von geistlichem und wirtschaftlichem Leben.

So, ja, so entwickelt sich das Leben, so entstehen Kultur, Wohlstand, Wirtschaftswachstum, so entstehen Regionen und L├Ąnder mit geistlicher und materieller Ausstrahlung.

Und in Zukunft?

Gott sei Dank mehren sich die Zeichen, dass alles wieder zusammenkommt: Unternehmen ├Âffnen sich der Frage nach ihrem Sinn. Das ist ein Grund zum Jubel: ├ťber den traditionellen Fokus, das Ergebnis, hinaus, fragen sich Gr├╝nder, Manager, Teams und ganze Belegschaften nach dem Sinn ihrer Existenz.

Sie identifizieren ihn und gewinnen echte Herzensmotivation durch den Anschluss an den tieferen Sinn. Das geht weit ├╝ber die in Hochglanz verpackten Leitbilder hinaus! Sehr sch├Ânen Ausdruck findet das in den Organisationen, die sich an integralen bzw. evolution├Ąren Prinzipien orientieren.

Hierarchiefreie Organisationen, ganzheitliche Verbundenheit mit der Firmenvision, kreativer, beteiligungsorientierter Change aus echten Bed├╝rfnissen heraus... das ist m├Âglich! Hier seien bewusst zwei sehr unterschiedliche Beispiele genannt: der Produzent f├╝r Outdoorequipment Patagonia oder die im Aufbau befindliche ÔÇ×Familienherberge Lebensweg" sind Unternehmen, die konsequent sinnorientierte Wege gehen und die entsprechende Strukturen etablieren, in denen sich sowohl das Unternehmen als auch die beteiligten Mitarbeiter und Kunden/Klienten ganzheitlich entwickeln.

Und die Kirchen, egal ob katholisch, evangelisch oder freikirchlich, entdecken ihren Auftrag wieder, dorthin zu gehen wo das Leben tobt. Sei es beim tatkr├Ąftigen Anpacken in der Fl├╝chtlingskrise oder beim offensiveren Eintreten f├╝r Sinn und Gerechtigkeit in der Arbeitswelt und Politik.

Geistliches Leben spielt sich nicht mehr nur hinter dicken Kirchenmauern ab, sondern ÔÇ×infiltriert" Unternehmen und politische Gremien. Gebets- und F├Ârdernetzwerke ├╝bernehmen die Verantwortung f├╝r ihre St├Ądte, L├Ąnder, Branchen und gemeinsamen Aufgaben wie Bildung, Gesundheit und Kultur.

Initiativen wie God@Work oder Gemeinsam f├╝r Europa sind wie moderne Kl├Âster, die beten, unterst├╝tzen und anleiten, wo der grenz├╝berschreitende Auftrag des Reiches Gottes sie braucht: in Unternehmen, in der Politik, auf den M├Ąrkten und Pl├Ątzen der St├Ądte und auf den Stra├čen, den Lebensadern unserer Gesellschaft.

Fazit: das Leben entwickelt sich dort am besten, wo ÔÇ×alles zusammenkommt": das Kloster mit dem Handel, Gesch├Ąftssinn mit Sinnerf├╝llung und Menschenherzen mit ├╝bergeordneten geistigen sowie unternehmerischen Ideen.

Eine praktische Anregung dazu: Fragen Sie sich selbst einmal nach dem tieferen Sinn Ihrer Arbeit! Wozu tue ich, was ich tue? Und wozu noch? Und wozu ... bis Sie nicht mehr ÔÇ×Wozu?" fragen k├Ânnen. Dann sind Sie am momentan tiefsten Sinn angelangt. Hoffentlich erf├╝llt.

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