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Wir brauchen einen Impfstoff, damit das Ende von AIDS Wirklichkeit wird

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Als ich in den 1980er Jahren ein junger Medizinstudent in Mumbai war, war es wie ein Todesurteil, wenn man einem Patienten sagte, er sei HIV-positiv. Wer infiziert war, hatte wenig Hoffnung auf ein langes und gesundes Leben. Heute ist das zum Glück nicht länger der Fall.

Eine wesentliche Veränderung brachte die Entwicklung von antiretroviralen Medikamenten. Diese haben unser Denken über die Krankheit revolutioniert. Menschen, die Zugang zu den richtigen Medikamenten haben, können ihre HIV-Infektion kontrollieren und viel länger gesund bleiben. Auch können diejenigen, die nicht infiziert sind, durch diese Medikamente teilweise geschützt werden: Zum Beispiel verhindern sie, dass infizierte schwangere Frauen HIV an ihr Kind weitergeben. Dank dieser Fortschritte und weiterer Maßnahmen wurden bereits Millionen Leben gerettet.

Mehr als 25 Jahre nachdem in Indien der erste Fall von HIV/AIDS identifiziert wurde, hat das Land hat enorme Fortschritte in der Bekämpfung der Krankheit gemacht. Die Nationale Organisation zur Bekämpfung von AIDS (National AIDS Control Organization) leistet großartige Arbeit indem sie antiretrovirale Medikamente für alle verfügbar macht, die sie brauchen. Unermüdlich hat sich die indische Regierung dafür eingesetzt, neue Infektionen zu verhindern und diejenigen zu unterstützen und zu behandeln, die bereits mit HIV infiziert sind. Hierdurch wurden Hunderttausende von Todesfällen verhindert. Die Zahl der Menschen, die sich in meinem Land jedes Jahr mit HIV infizieren, hat sich in den letzten zwölf Jahren mehr als halbiert und die Anzahl derer, die an AIDS sterben, ist um etwa ein Drittel gesunken. In anderen Teilen der Welt ist eine ähnliche Entwicklung zu beobachten: Inzwischen haben fast zehn Millionen Menschen weltweit Zugang zu antiretroviralen Medikamenten und die Zahl der AIDS-Todesfälle ist stark zurückgegangen.

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Engagement und Durchhaltevermögen: Wissenschaftler weltweit arbeiten an einem Impfstoff, der vor HIV schützt.

Es ist vielleicht verständlich, dass diese guten Nachrichten viele Menschen mutmaßen lassen, die AIDS-Pandemie wäre vorbei. Ich lebe in Delhi und wenn ich morgens Zeitung lese, stoße ich immer wieder auf spannende Berichte über Patienten (darunter einer in Berlin), die scheinbar von HIV „geheilt" wurden, nachdem sie eine aggressive experimentelle Behandlung erhalten haben. Auch die Entdeckung neun indischer Kinder, die eine gewisse natürliche Abwehr gegen das Virus zu haben scheinen, hat für Begeisterung gesorgt. Schon mehrmals habe ich eifrige Spekulationen gehört oder gelesen, die Welt stünde möglicherweise endlich vor „dem Ende von AIDS".

Als Mediziner in der AIDS-Forschung ist für mich allerdings klar, dass solche Ansprüche noch sehr verfrüht sind. Die AIDS-Pandemie ist leider noch lange nicht vorbei. Hier in Indien sterben jedes Jahr immer noch etwa 140.000 Menschen an AIDS-bedingten Ursachen und noch immer infizieren sich mehr als 110.000 jährlich neu. Trotz großer Fortschritte bei der Bereitstellung von Behandlung ist es noch immer eine enorme Herausforderung, alle mit den Medikamenten zu versorgen, die sie täglich brauchen. Frauen und Mädchen sind weiterhin besonders anfällig für eine Infektion mit HIV und oft nicht in der Lage, sich bei schützenden Maßnahmen wie der Verwendung von Kondomen durchzusetzen. Bei rund zwei Millionen HIV-positiven Menschen in Indien und vielen weiteren, die durch Ansteckung gefährdet sind, sind zudem die Kosten von erheblichem Ausmaß, um alle mit Medikamenten zu versorgen.

In anderen Ländern sind die Herausforderungen noch drängender. Jeden Tag infizieren sich weltweit mehr als 6000 Menschen mit HIV, 90 Prozent von ihnen leben in Afrika südlich der Sahara. In einigen Ländern bleibt bestimmten Gruppen der Zugang zu lebenswichtigen Gesundheitsleistungen verwehrt, darunter Männer, die Sex mit Männern haben, Menschen, die Drogen nehmen, Transsexuelle und Sexarbeiter. Die Hälfte aller Menschen mit HIV wissen nicht, dass sie infiziert sind. Und die wahrscheinlich größte Sorge ist, dass sich HIV/AIDS immer noch schneller verbreitet als die Medikamente zur Behandlung und Prävention. Auch die Zahl der jährlichen Neuinfektionen übersteigt weiterhin die Anzahl derer, die Zugang zu Behandlung bekommen. In diesem Zusammenhang wird deutlich, dass wir nicht nur mehr von dem bereitstellen müssen, was bereits funktioniert, sondern auch neue Ansätze entwickeln müssen. Erfahrungen mit Krankheiten wie Pocken und Kinderlähmung zeigen deutlich: um die HIV/AIDS-Pandemie zu beenden, brauchen wir einen Impfstoff.

Die Entwicklung eines Impfstoffs ist natürlich nicht einfach, und HIV/AIDS ist eine besonders schwierige Herausforderung. Ich arbeite in einem Labor in Neu-Delhi bei einem Gemeinschaftsprojekt der Internationalen AIDS-Impfstoff Initiative (IAVI) und dem Institut für Translationale Gesundheitswissenschaften und Technologie. Hier laufen die Wissenschaftler um die Wette gegen ein Virus, das so schnell mutiert, dass es fast jeder Waffe ausweichen kann, die ihm das Immunsystem entgegen hält. Doch in den letzten Jahren gab es einige sehr vielversprechende Fortschritte. Im Jahr 2009 zum Beispiel reduzierte ein Impfstoff-Kandidat in einer klinischen Studie in Thailand das Infektionsrisiko um etwa 30 Prozent. Dies beweist, dass ein Impfstoff gegen HIV möglich ist. Ein anderer sehr spannender Ansatz sind sogenannte „breit neutralisierende Antikörper": Das sind Proteine, die im Körper produziert werden, um das Virus daran zu hindern, Zellen zu infizieren. Nur bei wenigen HIV-infizierten Menschen lassen sich diese speziellen Proteine nachweisen. In Zusammenarbeit mit der indischen Regierung, einheimischen Biotechnologie-Unternehmen und Wissenschaftlern auf der ganzen Welt arbeitet unser Team nun daran, diese Antikörper zu identifizieren und von ihnen zu lernen. Wir sind zunehmend zuversichtlich, dass wir Impfstoffe entwickeln können, die das Immunsystem dazu bringen, diese Antikörper zu produzieren. Auf diese Weise könnte möglicherweise die Infektion mit verschiedenen HIV-Varianten verhindert werden.

In den letzten Jahren haben wir drei klinische Studien mit möglichen Impfstoffen in den indischen Bundesstaaten Maharashtra und Tamil Nadu durchgeführt. Aus diesen gingen zwar keine erfolgreichen Impfstoffe hervor, jedoch gewannen wir weitere wichtige Informationen für die Entwicklung künftiger Impfstoff-Kandidaten. Aber auch darüber hinaus ist unsere Arbeit sinnvoll und lohnend: Wir stellen kostenlose HIV-Tests für die Bevölkerung vor Ort zur Verfügung, bauen Labore auf und bilden Forscher aus. Unsere epidemiologischen Studien helfen den hiesigen Behörden die Gesundheitsleistungen dort zu verbessern, wo sie am dringendsten benötigt werden. In Maharashtra - einem indischen Bundesstaat, in dem es viele Wanderarbeiter gibt und die HIV-Infektionsrate relativ hoch ist - werden Haushaltsbefragungen durchgeführt, die dabei helfen, das Virus zu verfolgen und Risikogruppen abzubilden, um damit die Basis für einen künftigen Impfstoff zu schaffen. Durch die Einbindung der jeweiligen Gemeinden wird sichergestellt, dass die Projekte auf die Bedürfnisse der Menschen vor Ort zugeschnitten sind. Diesen kommen zudem der verbesserte Zugang zu HIV-Tests, Beratung und Überweisungen für die notwendige Behandlung zugute. Für die Zukunft sind unter anderem lokale Aufklärungsprogramme geplant, um das Bewusstsein über HIV zu verbessern und die Nutzung bereits vorhandener Gesundheitsmaßnahmen und -leistungen zu fördern. Dank dieser Arbeit vor Ort und zahlreichen weiteren Programme zur Entwicklung eines AIDS-Impfstoffs in Partnerschaft mit der indischen Regierung mit dem Ziel, die Krankheit in Indien einzudämmen, wird das Land zunehmend zu einem Dreh- und Angelpunkt für HIV-Forschung. Unsere Ergebnisse stellen wir Wissenschaftlern in afrikanischen Ländern und überall auf der Welt zur Verfügung.

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Durch die klinische Forschung der Internationalen AIDS-Impfstoff Initiative IAVI haben mehr als 300,000 Menschen in Indien und Afrika freiwillige HIV-Tests und Beratung erhalten

Trotz der bereits erzielten Fortschritte bleibt jedoch eine Menge zu tun. Wir stehen vor enormen wissenschaftlichen Herausforderungen. Zugleich machen es Mittelkürzungen seitens europäischer Geber schwierig, die jüngsten Fortschritte aufrecht zu erhalten. Nach mehr als 25 Jahren Forschung geht es allerdings nicht mehr um die Frage „ob", sondern darum „wann" wir einen wirksamen Impfstoff haben werden. Wir können es uns nicht leisten, vielversprechende und dringend benötigte Forschung zu verzögern. Mit Engagement und Durchhaltevermögen können wir einen Impfstoff zu entwickeln und das Ende von AIDS Wirklichkeit werden lassen.

Dr. Rajat Goyal ist der Landesdirektor Indien der Internationalen AIDS-Impfstoff Initiative IAVI

Foto1: Gagandeep / IAVI
Foto2: Jean-Marc Giboux / IAVI

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