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"Gebt den Moslems doch die Kirche"

16/03/2016 12:49 CET | Aktualisiert 17/03/2017 10:12 CET
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Jede umfassende Veränderung in deinem Leben schafft Raum für Neues. Das Alte, unbrauchbar Gewordene lässt du fallen, es ist nur noch Ballast. Nimmst nur das mit, was du zum Überleben brauchst. Flüchtlinge machen das so.

Sie lassen Zelte, Kleidung, alles Überflüssige zurück, weil sie wissen, nur auf das, was sie dicht am Leib mit sich tragen, können sich verlassen. Immer wieder habe ich mir diese Bilder angeschaut von ihren verlassenen Lagern, der Flucht, die sich am Ende dadurch am besten beschreiben lässt, was die Menschen fortwerfen und was sie mit sich nehmen.

Das Wertvollste, das bleibt, ist immer die Erinnerung, woher sie gekommen sind, ihre Hoffnung die dort ist, wohin sie gehen, ihr Sehnen nach einem neuen Leben und die Liebe zu den Menschen, die sie begleiten oder die sie zurücklassen mussten.

Materiell ist es nur wenig - das, was sie auf dem Leib tragen. Es ist das Grundmotiv der Flucht in den Stall zu Bethlehem. Ich bewundere den Mut dieser Menschen.

Und den Mut jener Menschen, die bereit sind, den Flüchtlingen zu helfen. Auf den Bahnhöfen. In den Tiefgaragen. In den Turnhallen unserer Schulen, aufgelassenen Lagerhallen und in den Zeltstädte und Auffangsperren an den Grenzen, die angesichts des Elends keinen Bestand mehr haben.

Ich verachte die Feigheit unserer Politiker

Und ich verachte die Feigheit unserer Politiker, die die Last und die Folgen dieser Massenflucht auf ihrer Bürger abladen und immer noch zögern, die Ursachen zu beseitigen und in den Herkunftsländern für Frieden zu sorgen.

Ich kann nur in meinem Rahmen etwas tun. 2015 habe ich nach zwei Jahren Pause wieder angefangen, auf der Wiesn zu kellnern, um Aufmerksamkeit zu schaffen für ein Projekt meines langjährigen Freundes, den Münchner Kabarettisten Christian Springer, der dringend Geld braucht für seine Hilfsprojekte für Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten in Syrien.

Den Helfern dort geht das Geld aus, weil zum Beispiel die EU-Politiker nur zögern zahlen. Er sagt immer: Weißt du, es sind zwei, drei Flugstunden zwischen dem Paradies hier und dem Elend und der Vernichtung dort.

Wir läuten Glocken in Köln für die Flüchtlinge, machen das Licht aus gegen Pegida - aber das ist mir zu wenig. Ich möchte mehr läuten als Glocken. Ich möchte, dass die menschliche Situation vieler Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten des Nahen Ostens und Afrikas ins Bewusstsein geht. In unser Bewusstsein.

In möchte, dass ins Bewusstsein geht, dass all diese Menschen, die jetzt zu uns kommen, hierbleiben werden. Dass wir sie nicht mehr zurückschicken werden und dass wir sie gar nicht mehr zurückschicken können, weil zum Beispiel die vielen minderjährigen und unbegleiteten Flüchtlingskinder hier aufwachsen.

Ich möchte ins Bewusstsein rücken, dass es ein Humbug ist, wenn wir hier noch darüber diskutieren, ob diese jungen Menschen eine Ausbildung machen dürfen - anstatt zu verlangen, dass sie unsere Sprache lernen und eine Ausbildung machen müssen.

Entwicklungshilfe statt Waffenlieferung

Denn nur wenn sie Arbeit finden, werden sie später zu unserer Gemeinschaft gehören oder im besten Fall ihr Wissen und ihre angelernten Fertigkeiten wieder zurück in ihre befriedeten Heimatländer mitnehmen, dort Existenzen aufbauen und Arbeitsplätze schaffen.

Das wäre mal eine andere Entwicklungshilfe statt Waffenlieferung. Ich möchte ins Bewusstsein rücken, dass es ein Glücksfall ist für jede Gesellschaft, wenn sie sich auf junge, wissbegierige und fleißige Menschen stützen kann. Junge menschen, die Unglaubliches hinter sich haben und genau wissen, warum sie sagten: "Wir möchten lernen!"

Hauptschullehrer haben mit 45 Burnout, weil sie von Schülern umgeben sind, die nichts lernen wollen. Die jungen Flüchtlinge sind hochmotiviert, weil sie begriffen haben, dass sie sich nur durch Arbeit einen Platz und vielleicht auch einen neue Heimat in dieser Gesellschaft erobern können.

Und wenn Christian Springer erzählt, dass die Kinder in seinen Hilfsprojekten selbst am Sonntag zur Schule kommen, obwohl die geschlossen ist, weil sie endlich etwas lernen wollen und dankbar sind, weil sie Ruhe finden von den täglichen Bombenangriffen und Schießereien, dann können wir doch gar nicht anders als helfen!

Der Bürgerkrieg in Nahost wird noch Jahre dauern. Diese Kinder und Jugendlichen werden hier Wurzeln schlafen - und so wie die Sudetendeutschen, die Schlesier, die Ostpreußen, die Banater und Donauschwaben wird auch sie keiner mehr zurückschicken.

Und diese "deutsch-deutschen" Flüchtlinge hatten es auch hart genug, akzeptiert zu werden was viel zu oft vergessen wird. Daher sollten wir gerade hier alles unternehmen, diese jungen Menschen zu integrieren und ihnen einen Start in ein neues Leben zu ermöglichen.

Das sind ab jetzt Deutsche - weil sie hier mitten unter uns ein neues Leben beginnen. Wir müssen den Mut zur Veränderung haben und akzeptieren, dass es die Zukunft Deutschlands und Europas ist, dass es kein "Deutschtum" und auch die anderen Nationalitäten nicht mehr geben wird.

Diese Einsicht verlangt wirklich viel Mut. Auch für die katholische Kirche.

Gebt den Moslems doch die Kirche

Wann zum Beispiel finden wir den Mut, mit den anderen Religionen unsere leer geblieben Gotteshäuser zu teilen? Ich weiß, diese Einsicht verlangt wirklich viel Mut. War aber mein erster Vorschlag, als in München-Sendling gegenüber der Kirche Sankt Korbinian das Münchner Moscheezentrum gebaut werden sollte und dem Moslemverein das Geld ausging.

Da habe ich damals gesagt: Gebt den Moslems doch die Kirche. Sie steht wie viele unseren Kirchen viel zu oft leer. Die Gläubigen bleiben - uns sterben die Pfarrer weg. Wir können die Pfarreien nicht mehr betreiben, Immer weniger Priester müssen immer mehr Pfarreien betreuen.

Brauchen wir noch so viele Kirchen? Ich selbst bin wirklich an der Grenze. Die Alternativen wäre natürlich die Gemeinschaft der Menschen ohne Religion - das ist der "Bund für Geistesfreiheit" und dessen Glaube - aber da stehe ich nicht für.

Also: Helfen wir den heimatlosen Gläubigen anderer Religionen und widmen wir unserer leer stehenden Kirchen um: in Moscheen, Tempel, offene Räume des Gebetes für alle Religionen - vielleicht ähnlich dem Lotustempel der Bahai in Neu-Dehli, einem der meist-besuchten Gebäude der Welt.

Der Glaube beruht aus der Sicht der Bahai auf einem mystischen Gefühl, das die Menschen mit Gott vereint. Es wird nicht vorgegeben, inwiefern es geschieht. Daher ist die Religion auch für jede andere Glaubensrichtung in ihrem Tempel offen.

Es ist derselbe Gott -egal, wie man ihn anbetet. Warum sollten wir Christen nicht teilen? Werden wir eh tun, über kurz oder lang. Gebt ihnen doch diese Kirche! Die Hagia Sophia war auch mal eine und niemand stört sich heute dran.

Wir werden nur zu einer Gemeinsamkeit der Menschen kommen, wenn es zu einer Gemeinsamkeit der Religion kommt. Religionen werden sich überflüssig machen, wenn sie zueinandergefunden haben.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Himmel, Herrgott, Sakrament von Rainer M. Schießler. Es ist 2016 im Kösel Verlag erschienen. 2016-03-16-1458140627-4476846-shop2.png Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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