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Ich habe in meiner Schule Schuluniformen eingeführt - und würde meinen Kollegen raten, dasselbe zu tun

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SCHOOL UNIFORM GIRLS
Compassionate Eye Foundation/Steven Errico via Getty Images
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Meine Schule liegt in einem sozialen Brennpunktviertel.

An der St-Paulus-Schule in Hamburg Billstedt haben wir viele Familien, die Sozialhilfe bekommen. Trotzdem hat unsere Schule einen guten Ruf. Und das vor allem wegen unserer Schüler.

Sie sind konfliktfähig, freundlich und hilfsbereit. Das spricht sich auch bei Unternehmen rum. Wenn sich unsere Schüler in der Stadt besonders hilfsbereit verhalten, fällt es allerdings auch besonders auf. Denn unsere Schüler tragen Schuluniformen - zumindest bis zur vierten Klasse. Danach ist es freiwillig.

Vor neun Jahren habe ich vorgeschlagen, eine einheitliche Kleidung an unserer Schule einzuführen. Drei Gremien haben darüber abgestimmt, die Lehrer, die Eltern und die Schüler selbst. Alle drei Gremien waren mit den Schuluniformen einverstanden.

Für die Eltern war es eine große Entlastung

Wir wollten die Kleidung jedoch niemandem aufzwingen. Deshalb haben wir sie erst bei den Erstklässlern, die neu an der Schule waren, eingeführt.

Die Reaktionen waren fast durchweg positiv.

Von den Schülern habe ich keine negativen Meinungen gehört. Und auch die Eltern sind sehr zufrieden. Morgens gebe es endlich keinen Streit darüber mehr, was die Kinder anziehen sollen, sagen sie. Eine große Entlastung für die meisten Eltern.

Zunächst waren einige nicht begeistert, weil die Schulkleidung wegen unseres aufgestickten Schul-Logos für die Erstausstattung 70 bis 80 Euro kostet. Doch letzten Endes haben die Eltern gemerkt, dass sie dadurch sogar Geld sparen. Denn viele der Kinder tragen die Uniform nicht nur in der Schule, sondern den ganzen Tag über. Dadurch müssen die Eltern weniger Freizeitkleidung kaufen.

Wir haben auffällig wenig Mobbing an unserer Schule

Mittlerweile haben wir die Uniformen schon so lange, dass mir ein Vergleich schwer fällt. Denoch bin ich der Meinung, dass wir auffällig wenig Mobbing an unserer Schule haben und die Schuluniformen dazu beitragen. Eine Schule, die ganz mobbingfrei ist, gibt es natürlich nicht.

Doch gerade bei neuen Schülern stelle ich einen positiven Effekt fest. Wenn ein neuer Schüler kommt, trägt er vom ersten Tag an die gleiche Kleidung wie alle anderen. Optisch macht er damit schon vom ersten Tag an klar: Ich gehöre dazu. Und die anderen Schüler akzeptieren das und nehmen ihn dadurch bereitwillig in ihre Gemeinschaft auf. Das ist die Erfahrung, die ich bisher immer wieder gemacht habe.

Diese Reaktion der Mitschüler trägt dazu bei, dass gerade die neuen Schüler ihre Schuluniformen mit besonderem Stolz tragen. Dass die Schüler stolz auf ihre Kleidung sind, ist mir schon oft aufgefallen - so lange, bis der Gewöhnungseffekt eintritt und die Schüler die Kleidung als selbstverständlich hinnehmen.

Der Markenwahn ist wenig ausgeprägt

Ein weiterer positiver Effekt, der mir aufgefallen ist: Auch der Markenwahn ist nicht so stark ausgeprägt. Klar gibt es auch bei uns vereinzelt Schüler, die zu ihrer Schulkleidung teure Nike-Schuhe tragen und damit prahlen. Aber als Problem ist mir das im Schulalltag bisher nie aufgefallen.

Besonders hat mir aber eine Geschichte unteres Hausmeisters gezeigt, wie sinnvoll unsere Schuluniformen sind. Er hat einen unserer Schüler weinend im Einkaufszentrum gesehen. Der Hausmeister kannte den Jungen nicht. Aber da er unsere Schuluniform trug, wusste er: Es ist einer unserer Schüler.

Nur deshalb traute er sich, das Kind anzusprechen und ihm zu helfen. Andernfalls hätte er es nicht getan, aus Angst, übergriffig zu wirken, sagte er.

Vorteile zeigen sich auch da, wo man nicht damit rechnet

Eine andere meiner Schülerinnen musste zum Internisten. Im Wartezimmer saß sie mit ihrer Schuluniform und wurde sogleich von einer netten alte Dame angesprochen, die ihr erzählte, sie sei früher auf der gleichen Schule gewesen. So kamen zwei Menschen aus verschiedenen Generationen durch eine zufällige Gemeinsamkeit ganz unerwartet ins Gespräch.

Die Uniformen haben also selbst da positive Effekte, wo man gar nicht nicht damit rechnet.

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Das Gegenargument, vor dem viele Menschen Angst haben - Schuluniformen könnten wir schon allein aufgrund unserer deutschen nationalsozialistisch geprägten Vergangenheit nicht einführen, ist mir noch nie untergekommen.

Familien verschiedener Nationalitäten sind zufrieden

Viele unserer Schüler in Hamburg Billstedt sind Kinder polnischer Familien, die nach Deutschland eingewandert sind. Sie kennen die Schuluniform aus den polnischen Schulen und sind begeistert, dass wir sie auch hier an einer deutschen Schule haben. Ingesamt haben wir bis zu 34 verschiedene Nationalitäten an unserer Schule. Alle sind mit einer einheitlichen Schulkleidung einverstanden.

Mehr zum Thema: Der Hotpants-Eklat an einer Hamburger Schule zeigt, warum wir auch in Deutschland Schuluniformen brauchen

Man muss dazu sagen, dass wir sehr moderne Schulkleidung haben. Die Hosen dürfen die Schüler schon seit Beginn frei wählen, nur verpflichtende T-Shirts, Sweat-Shirts und Sweat-Shirt-Jacken haben wir bis zur Klasse vier. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die älteren Schüler keine Lust mehr auf die Schulkleidung haben. Sie sind dann zu modebewusst und wollen sich ihre Kleider selbst aussuchen.

In der Grundschule hätten sie die Schuluniform aber gut gefunden, hat eine unserer Umfragen ergeben.

Ich wünschte, wir könnten Uniformen anders sehen

Ich kann jedem anderen Schulleiter nur empfehlen, Schuluniformen einzuführen. Ich würde mir wünschen, dass uns mehr Hamburger Schulen unterstützen und ebenfalls eine einheitliche Kleidung einführen würden. In unserem Bezirk sind wir die einzige Schule mit Uniformen, dadurch ist es schwieriger, diese Regel aufrecht zu erhalten.

Denken wir nur an Sportvereine: Da sind Uniformen selbstverständlich. Niemand würde auf die Idee kommen, diese abschaffen zu wollen. Sie sind ein harmloses positives Signal für ein starkes Gemeinschaftsgefühl.

Ich würde mir wünschen, dass wir Schuluniformen auch auf diese Weise sehen könnten.

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(lk)