BLOG

Warum Patienten im Krankenhaus so schlecht versorgt werden

09/08/2017 14:23 CEST | Aktualisiert 09/08/2017 15:56 CEST
dpa

Die Älteren werden sich noch erinnern: Daran, wie Patienten in den 1970er- und 80er-Jahren - in den Zeiten vor den Gesundheitsreformen und Finanzengpässen im Krankenhaus - noch behandelt und umsorgt wurden.

Natürlich war auch damals nicht alles eitel Sonnenschein: Zum Mief dieser Jahrzehnte gehörten auch marode Gebäude, Mehrbettzimmer mit bis zu zwölf Betten und insgesamt weit weniger Komfort als heute, zum Beispiel bei der Essensauswahl oder bei den Besuchszeiten.

Für die Betreuung des Patienten konnten sich die Ärzte aber deutlich mehr Zeit nehmen. So gab es in der Inneren Medizin in der Klinik drei längere Behandlungsphasen.

1. Woche: In der sogenannten Auswaschphase wurde der Patient eine Woche lang gründlich diagnostiziert, wobei erst mal die meisten Medikamente abgesetzt wurden.

2. Woche: Die Therapie wurde auf der Basis der Untersuchungsergebnisse im Krankenhaus allmählich neu aufgebaut.

3. Woche: Beobachtungszeit, um zu schauen, ob die Behandlung richtig angeschlagen hat (Verträglichkeit, Wirkung). Nach drei Wochen dann schließlich die Entlassung und die Überführung in die ambulante Weiterbetreuung.

Heute erfolgt die Entlassung nicht nach drei Wochen, sondern häufig bereits nach wenigen Tagen: Da müssen die Klinikärzte schon ihr gesamtes verfügbares Repertoire an medikamentösen und klinischen Behandlungen ausnutzen, um ihre Ziele zu erreichen.

Die Mediziner handeln wie Fließbandarbeiter streng leitlinienkonform und damit auch eigentlich nicht falsch. Letztlich passen sie sich nur einem System an, das ihnen genau dieses Handeln aufzwingt.

Mehr zum Thema: Warum ihr bald in der Notaufnahme einfach abgewiesen werden könnt

Denn im Zeitalter der von der Politik eingeführten Diagnosis Related Groups (DRG, deutsch: diagnosebezogene Fallgruppen), einem von der Liegedauer vollkommen unabhängigen pauschalierten Abrechnungssystem für Behandlungen, ist es für Krankenhäuser finanziell vorteilhaft, wenn sie ihre Patienten möglichst früh entlassen. Für einen kranken Menschen ist dies indes keineswegs ein Vorteil.

Für einen alten und kranken Menschen erst recht nicht. Zu diesem Personenkreis zählt auch die 80-jährige Anna M., deren Gesundheitszustand sich von einem auf den anderen Moment deutlich verschlechterte. Ausgerechnet an einem Samstag.

Das Elend in der Notaufnahme und auf Station

Die Patientin hatte bis zuletzt weitgehend selbstständig zu Hause leben können und wurde von ihrem Hausarzt über lange Zeit ausreichend versorgt. Doch aufgrund eines Infektes ging es ihr plötzlich schlecht. Der Blutdruck stieg, es kam zum Harnwegsinfekt.

Da ihr Hausarzt an diesem Wochenende keinen Dienst hatte und auch nicht erreichbar war, blieb nichts anderes übrig, als den Notarzt zu rufen. Dieser wollte kein Risiko eingehen und wies die hilfsbedürftige Patientin zur weiteren Abklärung ihres Gesundheitszustandes unversehens in die allgemeine Notfallambulanz des nächsterreichbaren Krankenhauses ein.

Eine speziell für ältere Patienten ausgerichtete Notfallaufnahme gibt es zwar bereits vereinzelt, nicht aber in der Nähe von Anna M.'s Wohnort. Was dann passiert, ist beschämend und skandalös zugleich und spielt sich leider allzu häufig so oder ähnlich in den meisten Krankenhäusern hierzulande ab.

Zunächst einmal müssen die frisch in die Klinik eingelieferten Patienten und deren Angehörige eine ganze Reihe von formalen Prozeduren in der Notaufnahme durchlaufen. Das ist unvermeidlich und erleichtert auch die mitunter quälend lange Wartezeit.

Diese kann eine Stunde, mitunter auch bis zu sechs Stunden dauern. Das ist allerdings nicht immer dem Krankenhaus allein anzulasten. Denn in den Notaufnahmen müssen von Jahr zu Jahr immer mehr unvorhersehbare Notfallpatienten behandelt werden.

Mehr zum Thema: Überfüllte Kreißsäle und schlecht betreute Mütter: Warum trotz Babyboom Geburtsstationen schließen

Der Grund dafür ist, dass die Bevölkerung immer älter wird, aber auch, dass viele Patienten auf Nummer sicher gehen wollen und nicht bis Montag abwarten, um ihre Beschwerden abklären zu lassen.

Da bei Anna M. trotz ihres sich plötzlich verschlechternden gesundheitlichen Zustands keine Lebensbedrohung - wie etwa bei einem Schlaganfall oder Herzinfarktpatienten - vorlag, musste sie volle sechs Stunden Wartezeit in Kauf nehmen. Die Priorisierung (Erbringung der medizinischen Leistungen nach Dringlichkeit), die Politiker und Gesundheitsexperten gern weit von sich weisen, greift bereits in der Notaufnahme mit voller Wucht.

Weil die Behandlungskapazitäten in den meisten Krankenhäusern bei Weitem nicht ausreichen, müssen die Ärzte täglich genau das tun, was die Politiker stets abstreiten. Sie müssen selektieren und priorisieren, das heißt, die Patienten nach Dringlichkeitsstufen behandeln.

Patienten müssen auf dem Flur liegen

Das beginnt bereits bei der Notaufnahme, setzt sich bei den Operationen fort und spielt sogar auf den Stationen selbst ein Rolle, wenn dort bei Überbelegung wieder einmal entschieden werden muss, wer auf den Gang verfrachtet wird und wer in einem Patientenzimmer liegen darf.

Fast in jedem deutschen Krankenhaus müssen daher heute Patienten zumindest vorübergehend auf dem Flur liegen. Das ist in höchstem Maße unwürdig, für sehr alte und schwerwiegend kranke Menschen allemal. Auch in einem der besten Gesundheitssysteme der Welt kann so etwas vorkommen.

Absolut unhaltbar ist aber, dass die Verantwortlichen die Augen verschließen, weil sie nicht sehen wollen, was für alle tagtäglich ersichtlich ist. Gerade für alte und kranke Menschen ist das eine extrem harte Belastung, weil sie sich in einer Ausnahmesituation befinden, mit der sie und auch ihre Angehörigen schlichtweg überfordert sind.

Was in diesen sechs Stunden Wartezeit alles passiert, obwohl eigentlich gar nichts zu passieren scheint, beschreibt ein Anästhesist so: "Eine der ersten Personen, die Ihnen in einer Klinik begegnen wird, ist die Pflegekraft in der Ambulanz oder Aufnahmestation. Deren Hauptaufgabe ist es, Sie von einem selbstständigen Menschen in einen Patienten zu verwandeln: Sie werden ausgezogen und verlieren mit Ihrer Kleidung Ihren Status als Individuum. Sie bekommen ein Kliniknachthemd und ein Bett, und es wird von Ihnen erwartet, dass Sie bis auf Weiteres im Nachthemd in diesem Bett liegen ..."

Und dann passiert erst einmal wieder nichts. Irgendwann einmal tätigt die Ambulanzpflegekraft dann "auch erste Untersuchungen und verständigt einen Assistenzarzt der ihr passend scheinenden Abteilung. Sie bringt Sie auf das Gleis, dem der weitere Verlauf Ihres Klinikaufenthaltes folgen wird. Entscheidende Momente."

Die Fließbandmedizin nimmt ihren Lauf

So war es auch bei Anna M., bis sie endlich einen Arzt zu Gesicht bekam. Nach einer ersten kurzen Anamnese wird sie stationär aufgenommen. Ausgerechnet in eine Abteilung der Inneren Medizin im Haus, in der Platz- und Personalnot herrschen und wo ständig Eile geboten ist.

Eine Station, für die es in vielen Krankenhäusern bis heute keine Alternative gibt, weil es entweder gar keine Geriatrie gibt oder weil die geriatrische Abteilung überfüllt ist. Also wurde auch Anna M. im Flur erst einmal zwischengeparkt, der zweite unwürdige Akt nach der langen Wartezeit in der Notaufnahme.

Ohne etwas gegessen oder getrunken zu haben, war sie unterzuckert und völlig geschwächt. Zudem machte ihr der Harnwegsinfekt sehr zu schaffen. Wegen des hohen Blutdrucks wird die Patientin medikamentös neu eingestellt.

Da die Klinik den Blutdruck in den drei Tagen wieder auf normale Werte bringen muss, bekommt Anna M. gleich vier Blutdruckmedikamente auf einmal. Der Preis dafür ist hoch. Anna M. bekommt zwar neue Medikamente, ihr geht es aber nach wie vor nicht gut.

Mit dieser Bürde im Gepäck wird die Patientin ein paar Tage später an ihren Hausarzt übergeben. Doch nicht nur das. Auch der Blutzucker soll weiter intensiv behandelt werden, so die Empfehlung der Krankenhausärzte.

Blutig entlassen und dann zu Hause verlassen

Die Frage, ob in diesem Alter und in dieser Lage ein optimal eingestellter Blutzucker überhaupt noch sinnvoll oder notwendig ist, stellen sich die in Leitlinien gepressten Klinikärzte nicht. Denn bei hochaltrigen Patienten kommt es nicht mehr so sehr auf einen optimal eingestellten Blutzucker an, sondern vielmehr darauf, wie der Alltag am besten bewältigt werden kann.

Haben Klinikärzte keinen Blick für den ganzen Patienten? Nein, denn Klinikärzte schauen nur auf die kurze Spanne zwischen dem aktuellen Moment der Einlieferung und dem Zustand bei Entlassung. Ziel dabei ist es, alle Werte zum Tag der Entlassung zu normalisieren.

Ist das aber in drei oder vier Tagen überhaupt möglich? Nein, ist es nicht. Das wäre auch nicht so tragisch, wenn diese vorschnelle, sogenannte "blutige" Entlassung aus dem Krankenhaus mit dem ambulanten System abgestimmt und nicht so abrupt erfolgen würde.

Genau das passiert aber. Beispiel Medikamentenversorgung: Insgesamt wurden Anna M. neun Arzneien verordnet, die die 80-Jährige nach der Entlassung täglich schlucken sollte. Das waren genau doppelt so viele wie bei ihrer Aufnahme ins Krankenhaus.

Ansonsten wurden keine Maßnahmen in die Wege geleitet, um den Gang von der Klinik zurück ins eigene Heim zu erleichtern. Wieder wird alles dem Hausarzt aufgeladen. Dieser diagnostiziert zunächst eine Übermedikation und lässt die meisten Zucker- und Blutdruckmedikamente erst einmal weg.

Nach und nach kommt Anna M. so wieder auf die Beine. Die vier Arzneimittel, die Anna M. tatsächlich braucht, schaden ihr nicht. Sie kommt damit gut zurecht, ohne von einer unnötigen Medikamentenflut traktiert zu werden.

Ist damit alles in bester Ordnung? Nein, keineswegs. Denn um weiter einigermaßen fit zu bleiben, benötigt Anna M. nicht nur eine auf den Alltag abgestimmte, wohldosierte medikamentöse Behandlung.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png

Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

Anna M. hat nie einen Geriater zu Gesicht bekommen

Genauso wichtig wäre es gewesen, wenn sie als 80-Jährige, bei der geistig und körperlich noch reichlich Potenzial vorhanden ist, Anregungen erhalten hätte, die ihre Mobilisierungskräfte stärken und die sie zu weitergehenden Aktivitäten anregen. Etwa mithilfe einer ambulanten Reha zu Hause, die hierzulande ein Schattendasein führt. Und auch eine geriatrische Reha könnte gerade in dieser Lebensphase zwar keine Wunder mehr bewirken, doch zumindest die eine oder andere im Grunde noch vorhandene, aber nicht mehr aktive Fähigkeit wieder zum Leben erwecken.

Das Problem dabei ist aber zum einen, dass Anna M. nie einen Geriater zu Gesicht bekommen hat. Weder in der Klinik, die über keinen speziellen Altersmediziner verfügt, noch in der Praxis, in der man Geriater ohnehin nicht findet. Und weil Anna M. im Krankenhaus und danach weder richtig gefördert noch gefordert wird, wird es nicht lange dauern, bis sie das nächste Mal mit akuten und vielleicht noch ernsteren Gesundheitsbeschwerden erneut stationär aufgenommen werden muss.

Doch es geht auch anders. Das belegen meine Besuche in Aschaffenburg-Alzenau und Berlin-Tempelhof. Aber auch in den dortigen Einrichtungen könnte noch eine ganze Menge verbessert werden. Der Handlungsdruck ist enorm.

Denn es muss vermieden werden, dass die vielen Millionen alten und kranken Menschen, die auf uns in den nächsten Jahren zukommen, das gleiche Schicksal wie Anna M. ereilt: sehr alt zu werden und dazu noch sehr krank zu sein und doch nicht die Therapie und Unterstützung zu bekommen, die benötigt wird und die auch möglich wäre.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Wehe, du bist alt und wirst krank von Raimund Schmid.

2017-08-09-1502280688-8946690-image001.jpg

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

Sponsored by Trentino