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Es ist Deutschland hier: Jens Spahn und die englischsprachige Parallelgesellschaft

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BERLIN HIPSTER
TommL via Getty Images
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Jens Spahn macht sich Sorgen, denn die Lage ist ernst. In seinem Fitnessstudio wimmelt es von "arabischen Muskelmachos" die in dreister Ablehnung der deutschen Freikörper-Leitkultur in Unterhose duschen. In Berliner Cafés und Restaurants wird auf Englisch bedient.

In den Großstädten schottet sich eine Parallelgesellschaft "elitärer Hipster" von den "Normalbürgern" ab. Und während es mit Deutschland ganz offensichtlich den Bach herunter geht, kümmert sich die Kanzlerin um Nebensächlichkeiten wie den Erhalt der Europäischen Union.

Es ist kein Geheimnis, dass in der CDU einige mit den Nebenwirkungen der dem deutschen Wohlstand alles in allem sehr zuträglichen Globalisierung eher fremdeln. Nicht zuletzt deshalb tut sich die Partei trotz Hashtag und begehbarem Parteiprogramm in den Großstädten verhältnismäßig schwer. Angela Merkel hat viele Christdemokraten ins 21. Jahrhundert mitgenommen, aber für Teile ihrer Partei wurde in den letzten Jahren die eine oder andere heilige Kuh zu viel geschlachtet.

Spahn gilt als Hoffnungsträger dieses rechten Flügels, der das konservative Profil der CDU wieder schärfen will. Er sorgt sich insbesondere um die deutsche Leitkultur, die er nicht nur ganz klassisch durch den Islam gefährdet sieht, sondern offenbar auch durch die englische Sprache. "Mir geht es zunehmend auf den Zwirn, dass in manchen Berliner Restaurants die Bedienung nur Englisch spricht" sagte er vor zwei Wochen der Neuen Osnabrücker Zeitung.

Dass man sich mit seinen Kunden verständigen kann, gehört in der Tat traditionell zu dem sonst ja nicht gerade umfangreichen Anforderungsprofil des Kellnerberufs. Wenn Lokale keine deutschsprachige Karte und Bedienung anbieten ist, dann ist das tatsächlich etwas sonderbar. Genauso wie es sonderbar ist, wenn Kaltgetränke in Einmachgläsern serviert werden oder die Kaffeezubereitung an Versuchsaufbauten aus dem Physikunterricht erinnert und entsprechend lange dauert.

Allerdings ist das doch eher eine Randerscheinung. Je nachdem wie viel Wert man der eigenen Lebenszeit beimisst kann man sich darüber lang echauffieren oder kurz amüsieren.

Wie die meisten Moden entstehen und überleben Hipster-Lokale durch die entsprechende Nachfrage. Was Spahn anprangert sind die Konsequenzen der von seiner Partei traditionell hochgehaltenen marktwirtschaftlichen Prinzipien. Aber auch er und seine Gleichgesinnten können durch ihre Konsumentscheidungen das Angebot beeinflussen. Und deshalb gibt es in Berlin nach wie vor reichlich Lokale, in denen man gutbürgerlich essen und sich auf Deutsch anschnauzen oder ignorieren lassen kann.

Doch wie Spahns ausführlicher Gastbeitrag in der ZEIT zeigt, geht es ihm gar nicht primär um die Kellner. Die sind nur Symptom einer viel größeren Bedrohung: Einer Hipster-Elite, die sich analog zum französischsprachigen Adel im 18. Jahrhundert durch Nutzung des Englischen von den niederen Ständen abgrenzen will.

Jetzt könnte man zunächst einmal einwenden, dass bei weitem nicht alle, die sich in Berlin manchmal oder regelmäßig auf Englisch verständigen, Teil der Hipster-Szene sind. Ganz im Gegenteil: Wenn sich Hipster abschotten, dürfte das vielen Berliner "Normalbürgern" aus dem In- und Ausland gar nicht so unrecht sein. 

Ganz allgemein ist die Gruppe der privat oder beruflich regelmäßig englischsprechenden Berliner nicht gerade homogen. Aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sie nicht jedem zugänglich ist. Genauso wie viele andere exklusive Gruppen in unserer Gesellschaft nicht jedem zugänglich sind. Wer sich zum Beispiel mit drei Minijobs durchschlägt wird kaum Zugang zu den Kreisen finden, in denen sich Jens Spahn bewegt. Verglichen mit den Barrieren die ein armes Elternhaus, ein prekäres Arbeitsverhältnis oder ein arabischer Nachname erzeugt, ist die Sprachbarriere noch relativ einfach zu überwinden.

Spahn geht es aber auch um das Verhältnis der Deutschen zu ihrer Sprache. Ihm ist es völlig unverständlich, wenn sich auch Deutsche hin und wieder auf Englisch unterhalten und lernwillige Zuwanderer automatisch auf Englisch ansprechen.

Womöglich liegt das an mangelnder Erfahrung. Wer sich in einem internationalen Umfeld bewegt, spricht Englisch oft aus reiner Höflichkeit gegenüber Dritten, die sich eventuell der Unterhaltung anschließen wollen könnten. Und wer eine gute Unterhaltung führen möchte, tut das am besten in der Sprache, in der es für alle Gesprächsteilnehmer am besten funktioniert.

Auch in Berlin dient Konversation nicht primär der Erhaltung und Verbreitung der "großen Kultursprache" Deutsch. Man kann übrigens auch regelmäßig Englisch sprechen und die "Sprache von Goethe und Schiller, von Thomas Mann und Herta Müller" trotzdem "hüten und pflegen". Zum Beispiel, indem man Goethe, Schiller, Mann oder Müller einfach mal wieder liest.

In einem Punkt hat Spahn allerdings recht. Von türkisch- und arabischstämmigen Personen wird gefordert, dass sie Deutsch lernen und sich integrieren. An Migranten aus westlichen Ländern haben Behörden und Gesellschaft in der Regel deutlich geringere Erwartungen.

Besonders deutlich wurde dieser doppelte Standard zuletzt in Brüssel, als in Folge der islamistischen Anschläge die angeblich mangelnde Integration muslimischer Zuwanderer thematisiert wurde. Denn während die muslimische Bevölkerung immerhin weitgehend französisch spricht, macht ein Großteil der vielen, im Umfeld der europäischen Institutionen beschäftigten Expats kaum Anstalten, sich in Belgien zu integrieren.

Spahn hat völlig Recht wenn er fordert, dass sich Zugezogene in Berlin zumindest bemühen sollten, Deutsch zu lernen. Das gilt jedoch nicht nur in Berlin, sondern auch in Dubai oder Beijing. Die zahlreichen Deutschen die sich dort aufhalten sind allerdings meistens zu sehr damit beschäftigt, Geld zu verdienen oder Deutschlands Exportüberschuss zu mehren, als dass ihnen die Zeit bliebe, konversationstaugliches Arabisch oder Mandarin zu lernen.

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