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Darum können viele Zuwanderer Deutschland nicht lieben

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MIGRANTEN
dpa
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In ihrem FAZ-Artikel „Sehnsucht der Zuwanderer" begibt sich die in Moskau geborene Anna Prizkau auf die Suche nach einer Antwort auf die Frage: Warum können in Deutschland lebende Migranten, die Putin, Erdogan und Kaczynski zujubeln, Deutschland „nicht mit der gleichen Inbrunst lieben"?

Hierzu führte sie Interviews mit Migranten der ersten und zweiten Generation und kam zu verblüffenden Ergebnissen. Die Befragten können Deutschland nicht lieben, weil das Land „schwul" sei, „wild, bunt, rassistisch aber auch muslimisch", Werte würden hier nicht zählen.

Anstatt tiefer in die Materie abzutauchen und nach den wahren Gründen dieser Denkweise zu suchen, beschreibt sie lieber ihre Befragten und betitelt sie als „zigarettenrauchende Sexarbeiterin Agatha mit rosafarbenem Lipgloss" und die „superblonde Katerina, die ihre Wangen mit Chanel pudert".

Um ihrem Artikel etwas mehr Ernsthaftigkeit zu verschaffen, hätte Anna Prizkau dazu lediglich einen Blick in die entsprechende Fachliteratur werfen müssen. Vielleicht hätte sie dann auch am Ende ihres Artikels einen Erkenntnisgewinn hervorbringen können, der ein höheres Niveau aufweist, als die „Sozialforschung" der von ihr verspotteten Sexarbeiterin.

Idealisierung des Heimatlandes - Opium für Migranten

Viel zu oberflächlich wird im Artikel darauf eingegangen, dass Migranten sich nach einem Ideal sehnen, nach einer gesellschaftlichen Akzeptanz und emotionaler Sicherheit, die sie hierzulande nicht bekommen.

Vor allem bei Migranten der ersten Generation (d.h., sie sind selbst ausgewandert) zeigt sich, dass die Trennung von bekannten Strukturen und Verbindungen, welche zuvor im Herkunftsland bestanden, unwiederbringlichen Schaden anrichtet.

Der Verlust des familiären Zusammenhalts und der gewohnten Umgebung destabilisieren die emotionale Befindlichkeit. Wenn dann der Versuch misslingt, sich in einer neuen Umgebung einzuleben, wird infolgedessen die Aufnahmegesellschaft hinterfragt und bei mangelhafter oder gar fehlender Anschlussfindung, nach entsprechenden Alternativen gesucht. Dies können „Parallelgesellschaften" sein oder aber auch die Sehnsucht nach der alten Sicherheit, nach der fühlbaren Heimat.

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Studien zur politischen Partizipation von Migranten in Deutschland zeigen, dass in diesen Fällen Zuwanderer nach Bindungen suchen, die ihnen vertraut sind. Dies können unterschiedlichste Communities sein (beispielsweise Sportvereine, religiöse Gemeinschaften usw.).

Nicht selten führt dies dazu, dass die individuelle Identifikation mit dem Ankunftsland, sich von der verbreiteten in der Mehrheitsgesellschaft entfernt. Werden dann zudem heimatbezogene Medien konsumiert, formt sich der Meinungsbildungsprozess fernab der uns bekannten und weitestgehend freien medialen Landschaft.

Folglich werden die deutschen Medien als „Lügenpresse" dargestellt und der Wahrheitsgehalt, der aus der Heimat stammenden Information, als höherwertig betrachtet.

Über dieses Verhalten wird eine gefühlte Verbundenheit, eine emotionale Sicherheit hergestellt und ein Ideal kreiert, dass in den seltensten Fällen wirklich existiert. Deutlich wird dies an befragter Agatha, der Sexarbeiterin, die rechtskonservativer nicht sein könnte.

Sie kann die PIS - Partei aber im Grunde nicht wählen, denn die Positionen, die diese Partei vertritt, sind nicht mit ihrem Lebensstil vereinbar. Wie könnte auch eine Frau, die ihren Körper verkauft, einer Partei zuneigen, die strikt gegen Abtreibungen ist und wahrscheinlich ihren Job verbieten würde?

Emotionen hebeln Rationalität und Sozialisation aus

Auch dieses Verhalten ist bereits bekannt. Man könnte von einer politisch-emotionalen Dissonanz sprechen. Emotionen und Erlebnisse drängen dazu, sich mit etwas zu identifizieren und zu schmücken, das der eigenen Rationalität oder Sozialisation durchaus widersprechen kann.

Ein ähnliches Phänomen zeigt sich beim Wahlverhalten türkisch- und russischstämmiger Migranten. Viele konservative, selbstständige Türken, die Werte wie Religion und Familie als besonders wichtig einschätzen, wählen in Deutschland die SPD. Wohingegen in kommunistischen Staaten sozialisierte Spätaussiedler, eher der Union ihre Stimme verleihen.

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Dieses ambivalente Verhalten widerspricht bei den Erstgenannten der eigenen Kosten-Nutzen-Abwägung und bei den Zweitgenannten der politischen Meinung, die einem in die Wiege gelegt wurde. Der diesen Umstand wohl stärkste, erklärende Faktor sind Emotionen:

Türkischstämmige suchen sich eine Partei, die sie „Willkommen heißt" (repräsentativ und inhaltlich) und Aussiedler verspüren verpflichtenden Dank gegenüber der Union, die sich für vereinfachte Einwanderungsbestimmungen stark machte.

Ausgrenzende Erfahrungen verhindern die Liebe zu Deutschland

Wenn man Erdogan-, Kaczynski- oder Putin-Anhänger fragt, was sie denn am meisten beeindruckt, schießt es wie aus einer Pistole: „Kaczynski macht aus Polen wieder was", „Erdogan hat die Türken wieder stolz gemacht" und wahlweise „Putin hat aus Russland wieder eine Weltmacht gemacht".

Besonders Zuwanderer, die Erfahrungen mit herkunftsbezogener Ausgrenzung und Diskriminierung in Deutschland sammeln mussten, freuen sich darüber, dass sie „abgeholt" werden, dass ihnen jemand das Gefühl gibt, wieder stolz sein zu können.

So wie Tugay im Artikel von Anna Prizkau: „Wir konnten uns nie als Deutsche fühlen. Wir wurden immer ausgegrenzt." Er ist in Deutschland geboren, hat wahrscheinlich nie in der Türkei gelebt, fühlt sich aber als Türke und Erdogan ist sein Präsident.

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Auch wenn die FAZ-Autorin es nicht wahrhaben will, es ist so einfach: Dieses „Zuerst-ausgegrenzt-werden-deshalb-sich-selbst-ausgrenzen" ist die Erklärung, warum Migranten Deutschland nicht lieben können. Es ist nicht der fehlende Patriotismus hierzulande oder der angedeutete Sozialneid.

Der neidisch schielende Blick auf Flüchtlinge „uns hieß damals niemand willkommen, wir mussten uns alles erkämpfen", entspringt nämlich ebenso kränkender Erfahrungen. Personen wie Agatha, Katerina und Tugay hatten viel zu selten das Gefühl, dass Deutschland sie liebt.

Sie sind deswegen in ihrer eigenen Selbstreflexion eingeschränkt. Andernfalls würden sie erkennen, dass zwei Herzen in einer Brust schlagen können, dass man aus beiden Ländern das Beste für sich herausnehmen und jedes auf seine Art und Weise lieben kann.

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