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Wir machen die Welt, wie sie uns gefällt - Wenn Bayern zum Modelland der Integration wird

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Die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung veröffentlichte im Februar diesen Jahres eine Studie zur politischen Partizipation von Migranten in Bayern. Die Ergebnisse der bisher weitgehend unbeachteten Studie sollen Grund zur Freude liefern. So feiert die Stiftung Bayern als „Modellland der Integration". Der Kommunikationsforscher und Studienleiter Joachim Schulte erklärte: „Nach 25jähriger Erfahrung als Migrationsforscher hätte ich ein derart positives Ergebnis zum Stand der Integration in Bayern kaum für möglich gehalten".

Das hohe Integrationsniveau machen die Verfasser der Studie an der Lebenszufriedenheit der in Bayern lebenden Migranten aus. So fühle sich eine überwiegende Mehrheit hier sehr wohl, sei mit dem Wohnumfeld, Beruf und Zukunftsperspektiven überaus zufrieden.

Zur Studie...

Hierzu wurden 2042 volljährige Personen mit Migrationshintergrund (1. und 2. Generation) in Bayern befragt. Das heißt, sie haben selbst eine Migrationserfahrung gemacht oder zumindest ein Elternteil. Die Studie erfolgte über eine Feldzeit von 2 Monaten und wurde in 10 Sprachen durchgeführt.

Die Befragten stammen aus: Staaten der ehemaligen Sowjetunion (21%), Türkei (18%), Staaten des ehemaligen Jugoslawien (15%), Rumänien (13%), Polen (11%), Italien und asiatische Staaten (jeweils 7%), Griechenland und arabische Länder (jeweils 4%).

So sieht gelungene Integration in Bayern aus

73% der Befragten gaben an, in Deutschland / Bayern bleiben zu wollen; lediglich 17% planen eine Rückkehr in ihre Herkunftsländer. Auf die Frage, ob sie mit dem Leben in Bayern zufrieden sind, konnten die Teilnehmer auf einer Skala von 1 (trifft gar nicht zu) bis 10 (trifft voll und ganz zu) antworten. 70% beurteilten ihre Lebenszufriedenheit in Bayern mit einem Wert von 8-10; also zufrieden bis sehr zufrieden. Auf die Wohnsituation hin befragt waren dies 67%. Mit ihrer Arbeitssituation waren 62% zufrieden bzw. sehr zufrieden, 81% gaben an mit ihren deutschen Nachbarn und Kollegen gut bzw. sehr gut zurechtzukommen. Auch die Perspektiven für die eigenen Kinder wurden von 67% als gut bzw. sehr gut bezeichnet. Ebenfalls 67% fanden, dass Deutschland/ Bayern sehr gastfreundlich und gut zu ihnen und ihrer Familie waren.

Zu Fragen nach Diskriminierungserfahrungen und ausländerfeindlichen Übergriffen, äußerten sie die Studienteilnehmer folgendermaßen: 70% gaben an, geringe bis gar keine diskriminierenden Erfahrungen gemacht zu haben und 75% wurden noch nie ausländerfeindlich beschimpft oder körperlich angegangen. Zudem fühlen sich 72% in Bayern / Deutschland sicher bis sehr sicher und leben ohne Angst.

Als weiteres Indiz für die gelungene Integration wird angesehen, dass das Thema „Integration von Migranten in Gesellschaft und Arbeitsmarkt" für Menschen mit Migrationshintergrund nicht das drängendste zu sein scheint. Bei neun genannten politischen Problemfeldern, wurden Wirtschaftspolitik / Wirtschaftswachstum, Bildungspolitik und innere Sicherheit als wichtiger eingeschätzt.

All dies lässt die Verfasser der Studie zu folgendem Fazit kommen: „Der Stand der Integration von Migranten in Bayern befindet sich auf einem bemerkenswert hohen Niveau. [...]Unter dem Strich muss Bayern aktuell - bis zum Beweis des Gegenteils - als Modellland der gelebten Integration in Deutschland betrachtet werden".

Hohe Lebenszufriedenheit ist nicht gleich ein Zeichen für gelungene Integration

Ein Beweis für die mangelhafte Interpretation der Ergebnisse dieser Studie muss nicht durch andere erbracht werden, das tut sie selbst. Integration ist ein mehrdimensionaler Begriff, bei dem die Zufriedenheit mit der eigenen Lebensqualität gewiss eine Rolle spielt, genauso wie Partizipation, Werte und Identifikation. Der Rückschluss also, dass die guten Lebensumstände, die von Migranten in Bayern beschrieben wurden, ein Zeichen gelungener Integration sind, greift wesentlich zu kurz.

Um dies zu verdeutlichen muss man lediglich Teilergebnisse der Studie in Verbindung setzen. Italienische Einwanderer und deren Nachkommen zum Beispiel bewerteten ihre Zufriedenheit mit dem Leben in Deutschland / Bayern am besten (Wert: 9,1). Befragt nach der eigenen Integration und die der gesamten italienischen Gemeinde finden sich hier die schlechtesten Werte: Die eigene Integration wird mit 6,7 und die anderer Migranten aus dem gleichen Herkunftsland mit 5,0 bewertet. Sich in Deutschland und Bayern sehr wohl, aber nicht gut integriert zu fühlen ist also durchaus möglich.

Die Politische Partizipation von Migranten ist besorgniserregend gering

Das überaus positive Fazit der Studie wird auch sonst den eigenen Teilergebnissen nicht gerecht. Die politische Partizipation von Migranten ist besorgniserregend gering. So hat bisher knapp ein Viertel der Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund darauf verzichtet, an Wahlen teilzunehmen. Man steht vielmehr skeptisch der deutschen Parteienlandschaft gegenüber. Etwa die Hälfte der Befragten konnte die Parteien politisch nicht einordnen oder wollte sich dazu nicht äußern. Personen, die hierzu Statements abgeben konnten, wiesen eine unterdurchschnittliche politische Übereinstimmung mit den politischen Aussagen und Zielen der Parteien auf. Immerhin wurde hier Handlungsbedarf attestiert: „Eine Intensivierung des Dialoges `Politik - Migranten` bzw. auch umgekehrt `Migranten - Politik` scheint dringend notwendig".

Mangelnde Identifikation vor allem bei Migranten, die am längsten in Deutschland leben

Etwa 65% der Befragten ohne deutschen Pass gaben an, die deutsche Staatsbürgerschaft eher nicht bzw. ganz sicher nicht erwerben zu wollen. Ein Wert, den die Studie so nicht offenbart. Hier ist von 37% aller Befragten die Rede. Bereinigt man diese Angabe um die Personen, die bereits die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, ergibt sich ein tendenziell erschreckend hoher Prozentsatz an Menschen, die keinerlei Interesse haben, zumindest verwaltungsrechtlich „deutsch" zu werden. Vor allem Studienteilnehmer aus den klassischen Gastarbeiter-Ländern Italien, Türkei und Griechenland fühlen sich hierzu nicht bereit. Erstaunlich, denn genau diese Gruppen gaben an, am längsten in Deutschland zu leben.

Auch die witzig gemeinte und am Ende der Veröffentlichung erwähnte „Herzensangelegenheit" geht nach hinten los. Bei der Frage „Wen unterstützen Sie bei einem sportlichen Wettkampf, wenn Deutschland gegen Ihr Herkunftsland spielt?" gaben 52% aller Befragten an, das Herkunftsland zu unterstützen. Auch hier haben Menschen mit einem italienischen, türkischen oder griechischen Background überdurchschnittlich stark deutlich gemacht, für welches Land das Herz schlägt.

Offene Fragen und vermeintliche Fehler?

Wer die Veröffentlichung der Hanns-Seidel-Stiftung ernsthaft und kritisch liest, wird danach zwangsläufig mehr Fragen als Antworten haben.
Bestimmte Ergebnisse der Studie bieten Grund zum Zweifel an der empirischen Richtigkeit. So werden Migranten als „Wähler mit Bedacht" beschrieben, die ihre Wahlabsicht überprüfen und sehr auf politische Aussagen achten. Durchschnittlich bewerteten die Befragten diese Aussage mit einem Wert von 7,5 (stimmten also überwiegend zu). Den höchsten Wert hierzu erreichten die Antworten von Einwanderern aus dem ehemaligen Jugoslawien (8,4). Auch Migranten aus dem arabischen Raum scheinen politische Aussagen und die eigene Wahlabsicht genau zu überprüfen (7,7).

Erstaunlich hoch sind diese Werte in Anbetracht dessen, dass gerade diese Gruppen sich am wenigsten zu politischen Parteien äußern konnten. 75% der arabischstämmigen Teilnehmer und 55% der Befragten aus dem früheren Jugoslawien wollten oder konnten hierzu keine Aussagen machen. Natürlich ist es denkbar, dass Personen hochaufgeklärt und informiert über das politische Geschehen sind, sich aber nicht gleichzeitig dazu äußern wollen. Um das Phänomen der sozialen Erwünschtheit auszuschließen, bedarf es hier jedoch weiterer Fehleranalysen. Nicht selten werden Fragen zur persönlichen Einstellung realitätsfern beantwortet. Teilnehmer tendieren dann dazu, Antworten zu geben, die nicht der Wahrheit entsprechen, sondern von denen sie annehmen, dass sie sozial gebilligt oder erwünscht sind.

Darüber hinaus sind weitere Drittvariablenanalysen und Korrelationen Mangelware. So wäre es zu bestimmten Teilbereichen interessant zu erfahren, ob Zusammenhänge bestehen und diese statistisch relevant sind. Was sind spezifische Probleme der ersten Generation, was der zweiten? Welche Faktoren hemmen die politische Partizipation, welche wirken förderlich?

Offene Fragen, die ebenfalls weitreichende Informationen über den Grad der Integration hätten liefern können, wurden anscheinend nicht gestellt. Wichtige Teilbereiche der Integrationsforschung, z.B. die Repräsentation, wurden gar nicht erwähnt oder erfragt. Wir wissen, dass Migranten im öffentlichen Dienst und in Parlamenten unterrepräsentiert sind. Warum wurde nicht gefragt, ob man sich ausreichend repräsentiert fühlt oder mehr Repräsentation zu mehr Integration führen könnte? Auch das Know-How und die Lebenserfahrung der Befragten findet wenig Raum in der Studie. Was könnte man besser machen? Was hätte die Integration positiv beeinflussen können oder was hat besonders die Integration gefördert?

Fazit: Gut gemeint und schlecht umgesetzt oder politische Polemik?

Studien zur Integration sind im deutschsprachigen Raum sehr selten. Der politische Druck und das wissenschaftliche Interesse daran waren bis weit in die 90er Jahre äußerst gering. Erst in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelte sich in Deutschland, nachdem es nun auch offiziell ein Einwanderungsland ist, ein Forschungsstrang, der gesellschaftliche Zusammenhänge und Fehlentwicklungen zu untersuchen versucht. Im Prinzip ist jede Studie, die verlässliche Daten liefert, ein weiterer Schritt in die richtige Richtung.

Fragwürdig ist dennoch, was die Hanns-Seidel-Stiftung mit dieser Veröffentlichung bezwecken wollte. Diese Studie ist, was Integrationsforschung angeht, keine wissenschaftliche Bereicherung. Die gelieferten Ergebnisse sind keine neuen Erkenntnisse: Die politische Partizipation von Migranten ist besorgniserregend gering und die Identifikation mit Deutschland lässt zu wünschen übrig, vor allem bei den Gruppen, die am längsten hier leben. Anstatt dort anzusetzen und nach Gründen zu suchen, wurde die Lebensqualität in Bayern erfragt. Diese ist, wenig verwunderlich, durchaus hoch und wird nicht nur von Menschen mit Migrationshintergrund so eingeschätzt, sondern von der gesamten Bevölkerung.

Letztendlich könnte man sagen „gut gemeint und schlecht umgesetzt", wenn nicht bereits viele CSU-Mandatsträger die Studie als Beweis für die gelungene Integrationspolitik der Bayrischen Staatsregierung gefeiert hätten. So bleibt lediglich der Verdacht, dass die Ergebnisse politische Debatten schmücken sollen.

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