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Ohne Bleibeperspektive und dennoch eine Stimme - Eine Interviewreihe mit Flüchtlingen aus dem Balkan - Teil 1

14/01/2016 12:41 CET | Aktualisiert 14/01/2017 11:12 CET
Carsten Koall via Getty Images

Bis weit in die Mitte dieses Jahres war die Gruppe der Flüchtlinge aus der Balkanhalbinsel zahlenmäßig die Stärkste. Allein aus dem Kosovo und Albanien kamen in den ersten 6 Monaten mehr Menschen als aus den bekanntesten Kriegsgebieten.

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Albanische und kosovarische Staatsbürger stellten bis Juni 2015 50.478 Erstanträge. Personen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak zusammen etwa 48.735.

Die Reaktionen der Politik, um den Zulauf aus dem Balkan zu unterbinden, waren drastisch. So wurden Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien als sichere Herkunftsstaaten eingestuft.

Folglich wird Antragstellern aus diesen Gebieten pauschal unterstellt, dass keine Gründe vorliegen, die ein Asylverfahren berechtigen. Ihre Verfahren werden beschleunigt und sie können nun schneller abgeschoben werden. Zudem wird darüber diskutiert, Geldleistungen in den Erstaufnahmeeinrichtungen gegen Sachleistungen auszutauschen, um Fehlanreize zu reduzieren.

Über diese Maßnahmen lässt sich streiten.

Über die rechtliche Auslegung und Berechtigung dieser Maßnahmen lässt sich streiten. Manche halten sie für zwingend notwendig, andere wiederum glauben die Menschenrechtskonvention verletzt zu sehen. Eines ist ganz sicher: die größtenteils unsachliche Diskussion hat dazu geführt, dass Fliehende unfairerweise nach ihrer Bleibe-Berechtigung klassifiziert werden.

Diese Interviewreihe ist den ungewollten und „unwillkommenen" Schutzsuchenden gewidmet. Sie haben keine oder nur eine geringe Bleibeperspektive, aber sie haben dennoch etwas zu sagen.

Vadim Berisha - Ich schäme mich, weil die Menschen glauben ich wäre ein Schmarotzer

V. ist 30 Jahre jung, aus Albanien, sympathisch, stylish, er lacht viel und scherzt gern. Kein Mensch erkennt ihn außerhalb der Erstaufnahmeunterkunft als Flüchtling. Er schaut westeuropäischer aus als manch ein Einheimischer. Für andere Asylbewerber übersetzt er ab und zu, da er perfekt Englisch spricht, neben Griechisch und Italienisch.

„Ich helfe gern. Ich sehe ja, wie es ist, wenn man sich nicht verständigen kann. Mein Bruder spricht nur albanisch; einer der Gründe, warum ich nach Deutschland gekommen bin. Er ist schwer krank, seine Nieren versagen. Verschiedene Dialyseverfahren in Albanien haben ihm nicht geholfen."

Er legt ein Schreiben von einer Klinik aus Albanien vor, in dem steht, dass ein besonderes Verfahren von Nöten sei und dass die Krankenhäuser vor Ort es nicht gewährleisten können.

Warum Deutschland?

„Warum in das stärkste und fortschrittlichste Land Europas?"

Okay. Die Frage erübrigt sich wohl....(er lacht)

„Nein. Die Frage ist berechtigt. Wir sind hergekommen, weil wir dahingehend beraten worden sind. Man sagte uns, dass das notwendige Verfahren in Deutschland ausgereift ist und die Chancen meines Bruders bis zur Transplantation zu überleben, wesentlich höher sind. Das ist doch vollkommen normal oder? Wenn es einem Familienangehörigen schlecht geht und im eigenen Heimatland niemand helfen kann, dann geht man dahin, wo geholfen werden kann."

Wie ist es in Deutschland?

„Es ist ein wunderschönes Land. Es wirkt alles geregelt, kultiviert, menschlich. Bei uns auf dem Balkan sieht es da schon anders aus."

Bekommst du die aktuelle Diskussion um Flüchtlinge mit und was so über Menschen aus dem Balkan gesagt wird?

„Ja. Und ich muss sagen, ich schäme mich. Viele glauben ich sei wegen 150€ Taschengeld, einer Massenunterkunft und Kantinenessen nach Deutschland gekommen. Ich bin kein Schmarotzer. Ich habe 5 Jahre in Griechenland gelebt und gearbeitet und einige Jahre in Italien. Ich weiß, was es heißt hart für sein Geld und das Überleben zu arbeiten und ich bin gewillt das zu leisten. Doch hier ist es nicht gewollt. Ich bin für alles dankbar, was man mir gibt und besonders für die medizinische Unterstützung meines Bruders. Um das zurückzuzahlen würde ich alles tun.

"Ich finde es oft unmenschlich, wie diskutiert wird.

Ich finde es dennoch oft unmenschlich, wie über bestimmte Gruppen diskutiert wird. Der Grund, warum Menschen fliehen und nach Deutschland kommen, mag unterschiedlich sein, jedoch verlässt keiner seine Heimat gern. Ich wäre auch lieber zu Hause bei meiner Familie und ich hätte es auch lieber, keinen Krankheitsfall betreuen zu müssen. Aber so ist es nun einmal. Und ich bin hier."

Wie weit bist du in deinem Verfahren fortgeschritten? Weißt du, was demnächst mit dir passiert?

„So ziemlich. Die Leute in den verschiedensten Institutionen sind meistens sehr nett und sprechen gut Englisch. Ich weiß, wie es um mein Verfahren steht. Viele andere haben wesentlich größere Probleme.

Ich habe schon einen Negativbescheid erhalten und danach geklagt bzw. Widerspruch eingelegt, in der Hoffnung auf eine aufschiebende Wirkung. Ich möchte prüfen lassen, ob ich als Nierenspender für meinen Bruder in Betracht komme.

Allerdings glaube ich, dass es die Verwaltung hier im Moment sehr eilig hat, Leute aus Albanien schnell wieder zurückzuschicken. Der einzige Trost ist, dass mein Bruder hier bleiben wird und die medizinische Versorgung bekommt, die er dringend benötigt."

Was wird aus dir werden, wenn du zurück musst?

„Ach darüber mache ich mir keine Gedanken. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Ich bin immer zurechtgekommen, ob in Albanien, Griechenland oder Italien. Ich werde schon irgendwie durchkommen. Ich bin gesund, jung und motiviert...hoffentlich bleibt es so, dann habe ich nichts zu befürchten."

Wenn du etwas „den Deutschen", der Gesellschaft hier sagen könntest, was wäre es?

„Danke. Danke für alles. Ich weiß sehr wohl, wie ein Sozialstaat aufgebaut ist und woher die Leistungen stammen, die Flüchtlinge bekommen. Den Menschen, die dazu beitragen, dass dies möglich ist, möchte ich sagen, dass sie Leben retten.

Natürlich gibt es hier und da Einige, die herkommen, um ein paar Monate Sozialleistungen zu erhalten und sich dann wieder auf nach Hause machen. Das ist jedoch eine kleine Minderheit. Die meisten Menschen haben einen triftigen Grund.

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