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Ohne Bleibeperspektive, aber dennoch eine Stimme

09/02/2016 12:30 CET | Aktualisiert 09/02/2017 11:12 CET
ANDREAS SOLARO via Getty Images

Eine Interviewreihe mit Flüchtlingen aus dem Balkan

Kadir Nukic - Roma sind Menschen 2. Klasse

In Serbien leben offiziell rund 150.000 Roma. Dies geht aus einer Volkszählung hervor, bei der die Befragten freiwillige Angaben machen. Laut einer Studie des Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ist die Dunkelziffer jedoch weitaus höher, weil viele Menschen bei den Befragungen Negativfolgen fürchten und die Zugehörigkeit verschweigen.

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Die Forschungsgruppe geht davon aus, dass ca. 500.000 Roma auf dem Staatsgebiet der Republik Serbien leben. Die Lebensbedingungen der Volksgruppe sind bekanntermaßen äußerst schlecht - nicht nur in Serbien, sondern auf der gesamten Balkanhalbinsel.

Rund ein Drittel der Asylsuchenden aus dem Süd-Osten Europas sollen Roma sein. Verlässliche

Statistiken diesbezüglich sind jedoch aus den bereits erwähnten Gründen nicht wirklich vorhanden. Kadir Nukic (Name geändert) ist serbischer Staatsangehöriger und als Asylsuchender in Deutschland gemeldet. Er selbst behauptet jedoch, immer einen inneren Konflikt zu verspüren, wenn er sich als „Serbe" bezeichnet.

„Dass ich kein wirklicher Serbe bin, wird mir in meiner Heimat mehr als deutlich zu verstehen gegeben. Nein. Ich bin dort kein Serbe, nur weil ich diese Staatsangehörigkeit habe. Ich bin Roma und das unterscheidet mich von der Mehrheit."

The Mig Post: Bist du deswegen nach Deutschland gekommen?


Kadir Nukic: Ich bin nach Deutschland gekommen, weil ich keinen anderen Ausweg gesehen habe. Für uns Roma ist es extrem schwierig an dauerhafte Jobs zu kommen. Man bietet uns meistens schlecht bezahlte Hilfstätigkeiten an. Ich habe Mal hier und Mal da gearbeitet. Meistens Aushilfstätigkeiten auf dem Bau. Manchmal wurde ich bezahlt. Manchmal nicht.

Ich bin nicht arbeitsscheu, würde sogar alles machen. Es soll einfach nur ehrliche und verlässliche Arbeit sein. Dass ich noch zu Titos Zeiten eine Ausbildung als Kaufmann gemacht habe, interessiert keinen. So bleibt mir nur eins übrig, alles anzunehmen, was mir angeboten wird.

The Mig Post: Weißt du was „Asyl" heißt und für wen dies die Möglichkeit bedeutet nach Deutschland zu kommen?


Kadir Nukic: Ich weiß, dass Asyl eher für Menschen gedacht ist, die vor Krieg fliehen. Und dass nur sehr wenige Menschen aus dem Balkan bleiben dürfen, sehe ich auch. Ich bin vor Armut und Diskriminierung geflohen.

Eines könnte ich ertragen. Arm sein, aber sonst frei, anerkannt und gleichberechtigt? Das wäre für mich okay. Viele Menschen sind arm in Serbien und kommen dennoch zu Recht.

Diskriminiert werden? Aber dennoch die Möglichkeit haben, meine Familie angemessen zu versorgen, wäre auch in Ordnung. Ich muss nur überleben können. Ich brauche keinen Luxus.

Aber beides? Arm und verachtet? Ohne Aussicht darauf, dass meine Kinder mal ein besseres Leben führen können? Natürlich schicke ich sie zur Schule und achte darauf, dass sie was lernen und sich Chancen erarbeiten. Aber es wird nur wenig helfen, denn sie haben die falsche Hautfarbe und die falsche Ethnie. Ich kenne zuhauf Leute mit höchsten Abschlüssen aus meinem Viertel, wir fahren meistens zusammen zur Arbeit. Ich auf die eine Baustelle, sie auf die andere.

The Mig Post: Was erhoffst du dir in Deutschland?


Kadir Nukic: Ich hoffe darauf als Mensch gesehen zu werden. Ich würde mir wünschen, dass man erkennt, wie sehr bestimmte Gruppen auf dem Balkan leiden müssen und dass unter diesen Umständen ein menschenwürdiges Leben nicht möglich ist. Keine oder schlecht bezahlte Arbeit, in vielen Vierteln kein fließendes Wasser oder Strom. Nur unzureichend Hilfe vom Staat.

Zudem Gewalt und Diskriminierung. Wie oft wir von Polizisten schikaniert wurden, weil wir, wenn es ganz hart lief, umherwanderten und Plastik und Papier aus den Mülltonnen sammelten. Es ist einfach unerträglich. Wir sind Menschen 2. Klasse. Ich hoffe, dass ich bleiben kann, dass ich die Chance bekomme ein anderes Leben führen zu dürfen.

The Mig Post: Wie ist es bisher so in Deutschland?


Kadir Nukic: Ernüchternd. Ich habe das Gefühl, dass wir auch hier nicht willkommen sind. Allerdings alle. Gemeinsam (er lacht laut). Es ist egal ob Serbe, Albaner oder Roma. Die Chancen hier bleiben zu dürfen, sind wohl für alle gleich schlecht.

Wir sind nun schon einige Monate in Deutschland. Meine Kinder gehen nicht zur Schule, ich habe keine Möglichkeit zu zeigen, dass ich was kann oder dass ich einen Grund habe, warum ich hier bin. Ich warte nur und Nichts passiert. Das ist nervenzerreibend. Meine Frau äußert schon den Wunsch wieder nach Serbien zurückzukehren.

The Mig Post: Was wird aus dir werden, wenn du wieder zurückgehst oder musst?


Kadir Nukic: Nun ja. Zurück ins Elend. Was soll aus mir, aus uns werden? Ich werde mich anbiedern müssen, um irgendwie meine Familie zu ernähren, meine Kinder in die Schule schicken und beten, dass sich irgendetwas ändert und wir nicht bis in alle Generationen verdammt sind, weil wir als Roma auf die Welt gekommen sind.

The Mig Post: Gibt es etwas, was du gern den Menschen hier, der deutschen Gesellschaft sagen würdest?


Kadir Nukic: Ja, sehr gern sogar. Es sind Bitten. Ich bitte darum, das Elend und den Schmerz in der Welt nicht aus den Augen zu lassen, nur weil einem selbst gut geht.

Und die zweite Bitte ist, einfach glücklich zu sein und das Leben zu genießen. Macht das Beste draus, denn ihr seid auf der Sonnenseite der Welt geboren.

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