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Die wichtigste Erziehungsmaßnahme, die du heute umsetzen solltest

Veröffentlicht: Aktualisiert:
WICHTIGE ERZIEHUNGSMASSNAHME
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Vor einigen Jahren entschuldigte mein Vater sich bei mir, weil er mir als Kind oft zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte. "Es tut mir unglaublich leid", schrieb er. "Ich hoffe, dass dir immer bewusst war, wie sehr ich dich geliebt habe."

Mein Vater ging nicht näher darauf ein, was genau ihm leid tat ... Und das musste er auch gar nicht. Ich wusste es. Ich erinnere mich daran.

Doch ich erinnere mich auch noch an etwas anderes

Ich erinnere mich daran, dass ich jeden Tag nach der Schule über den Campus zum Büro meines Vaters ging. Mein Vater saß immer an seinem Schreibtisch, wenn ich dort ankam. Um ihn herum lagen stapelweise Unterlagen und Bücher.

Der freie Stuhl neben ihm war vermutlich für einen Kollegen gedacht, der sich wegen der Lehrpläne beraten lassen wollte. Oder für einen Studenten, der Hilfe bei der Zusammenstellung seines Stundenplans brauchte. Doch ich war immer überzeugt davon, dass der freie Stuhl für mich da stand.

Mein Vater sah von seiner Arbeit auf und begrüßte mich mit einem Lächeln. Als hätte ich ihm ein Stichwort gegeben, steckte er die Kappe auf seinen schwarzen Filzstift, mit dem er Arbeiten korrigierte oder sich Notizen machte. Dass er den Deckel auf den Stift steckte, war das Signal für mich.

Es bedeutete, dass mein Vater hören wollte, wie mein Tag war. Manchmal erzählte ich ihm nur ein bisschen was. An anderen Tagen konnte ich jedoch gar nicht aufhören, ihm von den aufregenden oder dramatischen Dingen zu berichten, die in der Schule passiert waren.

Mein Vater hörte mir zu und nickte. Manchmal gab er einen Kommentar zu meinen Erzählungen ab. Und dabei lächelte er immer so, als wären meine Erzählungen über meinen Tag das Beste an seinem Tag.

Diese Treffen waren völlig selbstverständlich für mich

Von der ersten Klasse an bis hin zu zwölften Klasse in der High School besuchte ich nach der Schule meinen Vater, um mich ein wenig mit ihm zu unterhalten. Er hat nicht ein einziges Mal gesagt, dass er gerade keine Zeit zum Reden hat.

Selbst dann nicht, wenn er gerade an seiner Doktorarbeit schrieb, wenn es Probleme mit der Fakultät gab, oder wenn er sich mit Budgetkürzungen auseinandersetzen musste. Wenn ich redete, war mein Vater immer ganz Ohr.

Mein Vater war nicht perfekt

Manchmal riss ihm der Geduldsfaden. Er arbeitete immer zu viel. Er verfiel zeitweise in Depressionen. Doch selbst wenn er gerade eine schwere Phase durchmachte, hörte mein Vater mir immer zu. Er war nie zu beschäftigt, zu abgelenkt oder zu deprimiert, um sich meine Gedanken und Meinungen anzuhören.

Es gibt Kritiker, die behaupten, dass man seinem Kind nicht seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken sollte, weil es dann glaubt, der Nabel der Welt zu sein. Ich sehe das ganz anders:

Wenn Eltern ihren Kindern zuhören, lernen die Kinder, dass das, was sie zu sagen haben, auch ernst genommen wird.

Wenn man der festen Überzeugung ist, dass das, was man zu sagen hat, auch ernst genommen wird, dann ist man auch stark genug, um zu sagen: "Lass mich aus dem Auto raus." Dann bringt man auch den Mut auf, um "nein" zu schädlichen Substanzen zu sagen, die einen in seiner eigenen Entscheidungsfreiheit einschränken können und sogar zum vorzeitigen Tod führen können.

Wenn man der Überzeugung ist, dass das, was man zu sagen hat, ernst genommen wird, dann hat man auch genug Selbstvertrauen, um sich für jemanden einzusetzen, der schlecht behandelt wird. Man kann sich seine eigenen Fehler eingestehen und versprechen, dass man es beim nächsten Mal besser machen will.

Mein Vater hat mir als Kind immer zugehört

In all diesen Momenten, die ich gerade beschrieben habe, hätte ich ebenso gut auch einfach nur im Stillen leiden können. Doch ich habe es nicht getan. Stattdessen habe ich etwas gesagt. Und warum? Weil mein Vater mir als Kind immer zugehört hat.

Mittlerweile bin ich selbst Mutter von zwei wundervollen Töchtern. Bei ihrer Geburt habe ich mir unter anderem geschworen, dass ich es genauso machen würde wie mein Vater. Dass ich ihren Charakter stärken würde, indem ich ihnen immer zuhöre.

In den vergangenen zehn Jahren habe ich sehr hilfreiche Praktiken entwickelt, um meinen Kindern beizubringen, dass das, was sie zu sagen haben, auch ernst genommen wird. Diese Praktiken sind einfach umzusetzen und wenn man jeden Tag ein bisschen Zeit und Willen aufbringt, kann man sie ganz leicht in seinen Alltag integrieren:

5 Wege, wie du deinen Kindern eine Stimme verleihst

1. Halte inne und mach nicht gleichzeitig etwas Anderes, wenn sie mit dir reden

Du gibst deinen Kinder zu verstehen, dass ihre Gedanken wichtig sind, wenn du nicht gleichzeitig etwas anderes machst und ihnen stattdessen in die Augen schaust.

Ganz egal, wie belanglos das Gesagte auch sein mag. Dadurch schaffst du eine Grundlage für eure Gespräche und du lädst sie gleichzeitig dazu ein, später auch mit schwierigeren Themen zu dir zu kommen.

Tipp: Kannst du deinem Kind nicht immer die ungeteilte Aufmerksamkeit schenken, dann sorge dafür, dass es jeden Tag einen Zeitpunkt gibt, an dem du Zeit hast. Das kann beim Schlafengehen sein oder direkt nach der Schule.

Meine ältere Tochter begann mit drei Jahren, ihre tägliche "Abendsprechstunde" einzufordern. Sie stellte mir dann zehn Minuten belanglose Fragen und sie erzählte mir alles Mögliche, was sie gerade beschäftigte. Ich schenkte ihr dabei meine ungeteilte Aufmerksamkeit.

Mittlerweile ist sie zwölf Jahre alt und wir halten immer noch jeden Abend unsere "Sprechstunde" ab. Selbstverständlich sind die Fragen und Themen mittlerweile ernster als früher. Und ich bin dankbar, dass sie mit mir darüber spricht.

2. Respektiere ihre Aussagen

Deine Kinder brauchen vielleicht manchmal ein wenig länger, um ihre Gedanken in Worte zu fassen. Das ist in Ordnung. Du musst nicht ihre Sätze für sie beenden - sie tun das schon selbst.

Es kann sein, dass sie manchmal eine völlig bescheuerte Meinung haben. Das ist in Ordnung. Du musst ihnen nicht zustimmen. Es kann vorkommen, dass sie etwas ein wenig anders in ihrem Gedächtnis abgespeichert haben als du.

Du musst nicht immer "Recht" haben. Lass ihnen genug Zeit und Raum, um dir ihr Herz auszuschütten. Denn dadurch bestärkst du sie darin, ihre Meinung zu sagen.

3. Lass sie so oft wie möglich für sich selbst sprechen

Wenn meine Kinder ihrem Trainer, einem Kellner oder einem Verkäufer etwas sagen wollen, übe ich zuerst mit ihnen, was sie sagen wollen - und im Anschluss ermutige ich sie dazu, für sich selbst zu sprechen.

Ich werde nie den Moment vergessen, als meine Tochter gerade in der fünften Klasse war und wir zusammen bei einer Eltern-Lehrer-Konferenz waren. Die Lehrerin fragte, ob noch jemand etwas sagen möchte. Meine Tochter meldete sich leise zu Wort und sagte, dass sie ihren Klassenkameraden immer gerne half, dass es jedoch einen Schüler gab, vor dem sie Angst hatte.

Die Lehrerin sagte zu ihr: "Ich höre dir zu. Ich verstehe dich." Ich war so erleichtert, als ich sah, dass mein Kind ein Problem zu Sprache bringen konnte, um sich selbst zu schützen. Und ich möchte der Lehrerin mein Lob aussprechen, weil sie meiner Tochter durch ihre Reaktion gezeigt hatte, dass sie ihre Gefühle ernst nimmt.

4. Lass sie den Experten oder die Expertin für einen Bereich sein

Als meine Tochter vier Jahre alt war, konnte ich auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums mein Auto nicht mehr finden. Ich befürchtete, dass es gestohlen worden war. Doch sie wies mich schnell darauf hin, dass wir uns im falschen Abschnitt befanden und zeigte mir den richtigen Weg.

An diesem Abend ernannte ich sie zur "Parkplatz-Expertin". Sie glühte vor Stolz. Inzwischen ist sie neun Jahre alt, doch sie ruft immer noch: "Keine Sorge, Mama. Ich habe mir gemerkt, wo wir geparkt haben!"

Außerdem gilt sie in unserer Familie als "Namensexpertin", weil sie sich immer an die Namen sämtlicher Leute erinnern kann. Und zusätzlich habe ich sie noch zur "Musikexpertin" ernannt, weil sie ihre Instrumente stimmen und spielen kann und außerdem wunderschön singt.

Kinder blühen richtig auf, wenn man ihre Stärken anerkennt und sie darin bestätigt. Wenn man ihnen die Führung überlässt, gewinnen sie das Selbstvertrauen, ihre Fähigkeiten und ihr Wissen zum Einsatz zu bringen.

5. Wenn sie mit einem schwierigen Thema zu dir kommen, warte einen Moment mit deiner Antwort

Wenn dein Kind zu dir kommt und dir eine Schocknachricht überbringt oder dir beichtet, dass es etwas angestellt hat, dann halte einen Moment inne und versuche so zu antworten: "Danke, dass du mir das anvertraust. Dass du es mir erzählt hast, war genau richtig."

Es ist egal, wie wütend du bist, oder wie sehr du gerade mit deinem Kind schimpfen möchtest. Ein einziger impulsiver Wutausbruch von dir kann dazu führen, dass dein Kind sich dir nie wieder anvertraut.

Wenn du jedoch zu ihm sagst: "Danke, dass du dich mir anvertraut hast", dann eröffnest du ihm dadurch die Möglichkeit, mit dir über das aktuelle Problem zu sprechen. Du sorgst auch dafür, dass dein Kind sich auch in Zukunft wieder hilfesuchend an dich wendet.

Überleg dir gut, wem dein Kind sich anvertrauen soll, wenn es Angst hat, verletzt wurde oder sich Sorgen macht. Wenn du willst, dass es in diesen Momenten zu dir kommt, dann reiß dich am Riemen und sprich auch in schwierigen Momenten in aller Ruhe mit deinem Kind.

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Alle Eltern wissen, wie schwierig unser Job sein kann. Und dir ist klar, dass es immer wieder Zeiten geben wird, in denen du mit größeren Problemen zu kämpfen hast. Du weißt, dass es immer wieder Tage geben wird, an denen alles schief läuft.

Du weißt, dass Tage kommen werden, an denen dir das Lächeln schwer fällt und an denen dir Gemeinheiten allzu schnell über die Lippen kommen. Ich möchte dich bitten, dass du dir an solchen Tagen nicht denkst: "Ich habe versagt" oder "Ich bin eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater".

Nimm stattdessen deine ganze Kraft und Geduld zusammen und konzentriere dich auf diese eine Sache: Hör zu.

Höre mit deinen Augen, mit deinen Ohren und mit deinem Herzen zu

Denn es wird der Tag kommen, an dem deine Kinder in Schwierigkeiten stecken. Und dann haben sie die Wahl - sie können entweder im Stillen leiden oder darüber reden. Und vielleicht erinnern sie sich dann an deine Augen, an die Art, wie du mit dem Kopf nickst und an deine bedachte Reaktion.

Und plötzlich erinnern sie sich auch wieder daran, dass ihre Meinung zählt. Denn die feste Überzeugung, dass die eigene Meinung ernst genommen wird, kann das ganze Leben verändern.

Rachel Macy Stafford ist die Gründerin von handsfreemama.com. Außerdem hat sie den New-York-Times-Bestseller HANDS FREE MAMA verfasst. Ein Teil dieses Posts stammt aus ihrem kürzlich veröffentlichten Buch HANDS FREE LIFE. In ihrem Buch beschreibt Rachel, wie sie es endlich geschafft hat, ihr Leben in die Hand zu nehmen, anstatt immer nur alles am Laufen zu halten, in Sorgen zu versinken, herumzuschreien und sich mehr schlecht als recht durchs Leben zu kämpfen. Durch ihre authentische Art zu erzählen und anhand von neun praktischen Tipps, wie man sein Verhalten verändert, zeigt Rachel uns, wie man liebevoller, präsenter und würdevoller mit seinen Mitmenschen und mit sich selbst umgeht. HANDS FREE LIFE wird am 8. September veröffentlicht.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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Seit Jahren schon warnen Experten, dass allein in Deutschland jedes fünfte Kind in Armut lebt. Viel schwieriger noch die Situation von Kindern in Südeuropa, Afrika oder Südasien. Doch was fehlt ihnen wirklich? Wie kann man ihnen wirkungsvoll helfen?

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Die Initiative Anderes Sehen e.V. etwa kümmert sich um die frühkindliche Förderung von blinden Kindern - ein Bereich, den die beiden Gründer zuvor als zutiefst vernachlässigt erfahren haben.

Nun setzen sie sich für Chancengleichheit für blinde Kinder ein. Anderes Sehen e.V. bietet Blindenstöcke für Kinder, die ihre ersten Schritte wagen, und entwickelt liebevoll gestaltete Tast-Bilderbücher.

Zudem hat die Initiative die Echoortungsmethode Klicksonar nach Deutschland geholt und bietet hierfür Schulungen an. Auch die Aufklärung von Betreuungspersonen und die Bereitstellung von Vorschulmaterialien gehören zum Angebot von Anderes Sehen e.V.

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(glm)