BLOG

Das wichtigste Gespräch mit meinem Kind hätte ich beinahe verpasst

27/08/2015 11:59 CEST | Aktualisiert 27/08/2016 11:12 CEST

Ich hätte nicht gedacht, dass ich so emotional auf das Video von Dr. Shefali Tsabary über das öffentlichte Bloßstellen von Kindern reagieren würde. Es waren die folgenden Sätze, die nach zwei Minuten und zwanzig Sekunden gesprochen wurden, die mich zum Weinen brachten.

"Ich bin bei dir, damit du meine Seele ehren, meinen Wert nähren und meinen Geist erhalten kannst. Dennoch bist du es, die mein innerstes Selbst im Namen der Erziehung zerstört. Im Namen der Liebe, im Namen des Lehrens."

Dann richtet sich Dr. Shefali an die Eltern und ruft sie dazu auf, "die Personen zu sein, die sie wirklich sein sollen". Sie beschreibt das aus der Sicht eines Kindes so:

Der Elternteil

Der Beschützer

Der Diener meiner Seele

2015-08-18-1439911041-3177491-shame1.jpg

Vor nicht allzu langer Zeit war ich ziemlich gut darin, meine Kinder bloßzustellen. Es war nicht offensichtlich. Es war subtil. Verärgerte Seufzer. Augenrollen. Runtermachen. Schuldgefühle einimpfen. So tun, als ob sie es besser wissen müssten. Aber sie waren Kinder. Sie lernten noch und das hatte ich scheinbar vergessen.

Ich dachte, es wäre meine Aufgabe, ihnen eine Lektion zu erteilen.

Aber was ich ihnen wirklich beibrachte, war, dass sie es nie schaffen würden, mich zufriedenzustellen.

Ich brachte ihnen bei, sich jemand anderem anzuvertrauen -- jemandem, der verständnisvoller und weniger reaktionär wäre. Ich brachte ihnen bei, nach Perfektion zu streben - egal um welchen Preis.

Obwohl ich besser darin geworden war, das Positive und nicht immer nur das Negative in Menschen und Situationen zu sehen, hatte ich noch einen langen Weg vor mir.

Es war eine bewusste Veränderung in meiner Art das Leben zu sehen, die mir zeigte, wo noch Arbeit nötig war -- und wichtiger noch: Warum es nötig war.

Als meine Familie in einen anderen Bundesstaat zog, nahm ich das zum Anlass, mich von einigem Druck, den ich mir in meiner alten Gemeinde aufgehalst hatte, zu befreien. Ich nutzte den Umzug als eine Chance für einen Neuanfang und um mir etwas Freiraum zu schaffen.

Mit weniger Selbstkritik wegen meines Aussehens, meiner Produktivität und meiner Teilnahme an sozialer Interaktion, spürte ich wie viel Stress und Anspannung, die sich über die Jahre angesammelt hatten, von mir abfielen.

Ich fühlte mich leichter und fröhlicher als in meiner alten Gemeinde. Eines Abends fragte ich meine Tochter, ob sich unser neuer Wohnort langsam wie ein Zuhause anfühlte. Ihre Antwort werde ich nie vergessen.

"Ich kann hier atmen."

Ja, dies war eine weniger konkurrierende Gemeinde. Ja, Einzigartigkeit wurde stärker akzeptiert. Ja, es gab mehr Vielfalt.

Trotzdem war ich davon überzeugt, dass es die Veränderung in mir selbst war, durch die mein Kind endlich frei atmen konnte. Indem ich weniger Druck auf mich selbst ausübte, übte ich indirekt auch weniger Druck auf sie aus.

Ich ließ ihr mehr Raum, zu atmen, mehr Freiheit, sie selbst zu sein. Dieser Freiraum führte dazu, dass sie besser mit mir über wichtige Dinge sprechen konnte.

Einer Sache war ich mir sicher: Ich wollte keine Unterhaltung wie diese mehr verpassen während mein Kind aufwuchs.

Ich fing an, mehr darauf zu achten, wie ich reagierte, wenn sie Sachen machte (selbst wenn ihre Art weniger effizient -- oder chaotischer -- war als meine). Ich dachte oft an diese Unterhaltung zurück und fragte mich selbst, ob sie sich besser oder schlechter fühlte, wenn sie Zeit mit mir verbrachte.

Ich merkte, wie bestimmte Worte von mir bei ihr Erleichterung oder Sorge hervorrufen konnten. Diese Beobachtungen führten zu weiteren Veränderungen.

Ich fing an, mir Kommentare über ihre Frisur oder Figur zu verkneifen. Ich hielt mich mit Kritik zurück, wenn sie von Plänen für die Zukunft sprach oder mir ihre Meinung zu einem Thema sagte.

Ich hörte ihr bei beiläufigen Aussagen zu, ohne zu urteilen. Ich war einfach da. Ich wusste, dass sie eines Tages auch ernstere Themen ansprechen würde und ich betete, dass sie sich mir dann anvertrauen würde.

Ich hatte keine Ahnung, dass es so bald passieren würde.

Eines Abends als sie sich gerade fürs Bett fertig machte, sagte mein Kind etwas, von dem ich nie erwartet hätte, es zu hören. Ich hatte das Gefühl, keine Luft zu bekommen. Ich war wie ausgeknockt. Ich war sehr enttäuscht über ihre Entscheidung.

Aber sie erzählte es mir.

Sie erzählte es mir.

Ihr Fehler war etwas, das sie für sich hätte behalten können. Sie hätte es viele Jahre lang als Last auf ihrer Seele tragen können. Aber weil ich ihr gestern noch völlig urtueilsfrei zugehört hatte, als sie über Katzenspielzeuge und Nail Art sprach, wollte ich auf eine Art reagieren, die uns die Möglichkeit geben würde, auch in Zukunft offene Gespräche zu führen.

Bevor ich ihr antwortete, sagte ich zu mir selbst:

Reagier' jetzt nicht über.

Wein jetzt nicht.

Droh' ihr nicht.

Mach' sie nicht runter.

Tu nicht so, als hättest du noch nie einen Fehler gemacht.

Dann dachte ich an den beschämendsten Moment in meinem Leben und sagte das, was ich damals gern gehört hätte.

"Ich bin so froh, dass du mir das erzählst," flüsterte ich meinem verzweifelten Kind zu. So etwas für sich zu behalten, ist nicht gut. Es war richtig, dass du mir das gesagt hast. Ich will, dass du weißt, dass auch andere junge Menschen dieselbe falsche Entscheidung getroffen haben."

Sie hatte ihren Kopf hängen lassen, hob ihn nun aber abrupt. "Haben sie?"

Ich sah wie aufgestaute Luft aus ihrer Brust wich, als die Last von ihr fiel. Sie war nicht die einzige. Sie war nicht allein.

Das war ein ausschlaggebender Moment. Obwohl ich jedes Recht gehabt hätte, sie zu bestrafen ... ihr ihre Freiheit wegzunehmen ... ihr eine Lektion über richtig und falsch zu erteilen, habe ich es nicht getan.

Ich dachte noch einmal an den beschämendsten Moment meines Lebens. Es war genau der Moment, in dem ich keine Lektion gebrauchen konnte. Es war genau der Moment, in dem ich die Gewissheit brauchte, dass meine Lieben mich in meinem Moment der Verzweiflung nicht im Stich lassen würden.

2015-08-18-1439911096-4020354-shamepicture2.jpg

Versteht mich jetzt nicht falsch. Ich habe meine Tochter durchaus wissen lassen, dass ich enttäuscht war. Ich habe sie wissen lassen, dass sie sich mein Vertrauen erst wieder verdienen müsste.

Ich erklärte ihr, dass wir nun einige Vorkehrungen treffen würden, um so etwas in der Zukunft zu vermeiden. Aber ich habe sie in dem Moment, in dem sie meine Unterstützung brauchte, nicht bloßgestellt oder kleingemacht. Ich habe sie nicht getreten als sie am Boden lag. In ihrem Leben werden das noch genug Menschen tun.

Mein Kind fiel mir weinend in die Arme. Das brachte mich in die Situation, über die ich mir Gedanken machte, seit sie auf der Welt war.

Würde ich liebevolle Worte über meine Lippen bekommen, obwohl ich gerade so bitter enttäuscht von ihrem Verhalten war? Würde ich sie unterstützen können, obwohl ich mich von ihr verraten fühlte? Würde ich dem Verlangen, sie von mir wegzuschubsen, widerstehen können? Ja. Ja. Das würde ich.

"Hör zu," sagte ich ernst. "Egal, welchen Fehler du heute, morgen oder im Laufe deines Lebens machst, ich werde dich immer lieb haben. Ich werde mich niemals von dir abwenden. Ok?"

Ich hätte in diesem Moment ihren Geist zerschlagen können, aber ich unterstützte sie.

Ich hätte in diesem Moment Selbstzweifel in ihr wecken können, aber ich erinnerte sie daran, dass sie auch nur ein Mensch ist.

Ich hätte ihr in diesem Moment eine harte Lektion erteilen können, aber ich lehrte sie eine Lektion in Liebe ... und Vertrauen ... und Würde.

Ich denke an diese Lektion in Liebe, Vertrauen und Würde, wenn sie mit offenem Mund kaut, wenn sie eine schlechte Note bekommt, wenn sie etwas Wichtiges vergisst.

Ich weiß, dass ihre Fehltritte größer werden, je älter sie wird. Ebenso wie der Druck der Gesellschaft, Versuchungen und Möglichkeiten. Ich habe nur einen kleinen Vorgeschmack auf das bekommen, was da noch kommen wird.

Wenn ich daran denke, meinem Kind eine Lektion zu erteilen, dann will ich, dass es eine Lektion der Liebe, des Verzeihens und des Verstehens ist. Ich will ihr sicherer Hafen sein, nicht eine Person, die sie meidet und vor der sie Angst haben muss, wenn sie verzweifelt ist.

Ich bin bestimmt keine perfekte Mutter. Ich entscheide mich nicht immer für Liebe. Es gibt viele Worte und Reaktionen, die ich gerne zurücknehmen würde. Aber heute ist wichtiger als gestern. Und heute möchte ich diese Botschaft verbreiten:

Wir können unseren Kindern etwas beibringen.

Wir können unsere Kinder dazu bringen, dass sie falsche Entscheidungen bereuen.

Wir können dafür sorgen, dass sie niemals vergessen werden, was sie getan haben.

Das können wir.

Aber wir können auch eine Tür für künftige schwierige Gespräche öffnen.

Wir können eine ruhige und unterstützende Kraft sein, wenn sie uns brauchen.

Wir können sie davor beschützen, dass beschämende Erfahrungen große Narben hinterlassen.

Wir können sie wissen lassen, dass sie nicht alleine sind.

Lasst uns unsere Kinder nicht treten, wenn sie am Boden liegen.

Stattdessen,

lasst uns ihnen die Hand reichen und ihnen aufhelfen.

Lasst sie uns an unsere Brust drücken und sagen: "Deshalb habe ich dich nicht weniger lieb."

Lasst uns so auf ihre Fehltritte antworten, wie wir es uns für uns selbst wünschen würden.

Und dadurch werden wir vielleicht tatsächlich die Person, die wir wirklich sein sollen ...

Die Beschützer ihres Herzens

Der Diener ihrer Seele

Der sichere Hafen in einer Welt, die zu schnell beschämt und zerstört, was am wertvollsten ist.

Rachel Macy Stafford ist die Gründerin von www.handsfreemama.com. Einer Seite, auf der sie Zeigt, wie wir uns von allen Ablenkungen befreien und auf das, was im Leben wirklich zählt, konzentrieren können. Sie ist die Autorin des New York Times Bestsellers HANDS FREE MAMA. Rachels neues Buch, HANDS FREE LIFE, beschreibt, wie sie den Druck, den sie auf sich selbst und auf ihre Familie ausübte, löste und lernte, sich und ihre Familie so zu lieben, wie sie ist. Das Buch erscheint auf English am 8. September.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Franca Lavinia Meyerhöfer aus dem Englischen übersetzt.


Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Video:Familie: 10 Dinge, die Eltern gerne gewusst hätten, bevor sie Kinder bekommen

Hier geht es zurück zur Startseite